Alexandriner heißen sechsfüßige iambische Verse, welche als charakteristische Eigenschaft nach dem dritten Jambus einen scharfen Einschnitt (Cäsur) haben und in der Regel paarweise, männlich oder weiblich, gereimt sind. Wenn's was zu naschen gibt, sind alle flugs beim Schmause; Doch macht ein Mädchen Ernst, so ist kein Mensch zu Hause. So gehts mit unsern Herrn in dieser schlimmen Zeit; Es gehen zwanzig drauf, bis daß ein halber freit. Den Namen hat diese Versart von einer altfranz. Bearbeitung der Alexandersage von etwa 118, worin sie zuerst vorherrschend auftrat. Ronsard nannte den A. den cheroischend Vers, und seitdem ist er in der franz. Dichtung für das Epos und Drama und alle höhern Dichtarten mit Vorliebe angewendet und beibehalten worden. Er empfiehlt sich den Franzosen durch seine Fähigkeit, Antithesen scharf pointiert zum Ausdruck zu bringen, und der unrhythmische Charakter der franz. Sprache macht die Eintönigkeit des Verses nicht fühlbar. Bei den Deutschen fand der A. besonders durch Melissus, Weckherlin und Martin Opitz Eingang, bürgerte sich durch den Einfluß Corneilles, Racines und Molières auch auf der deutschen Bühne ein und findet sich sogar noch in den «Mitschuldigeno Goethes, denen die oben als Beispiel angeführten Verse entlehnt sind. Doch sind diese kurzen, paradeschrittartigen Reimpaare dem Genius der deutschen Sprache nicht angemessen, am allerwenigsten in dem Drama. Neuerdings haben Rückert, Freiligrath und Geibel in einzelnen erzählenden Gedichten (ersterer in seinem Rostem und Suhrab v) wieder auf den A. zurückgegriffen, indem sie teils durch Hinzufügung mehrerer Cäsuren, teils durch Anbringung von Anapästen und Spondeen dem einförmigen Metrum eine größere Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit verliehen. Bekannt ist besonders Freiligraths Gedicht «Der Alexandrinerv (Spring an, mein Wüstenroß aus Alexandria lo etc.) Gegen die Regel der franz. Dichtkunst, daß am Schluß eines Verses eine Sinnpause eintrete, haben sich erst im 19. Jahrh. franz. Dichter aufgelehnt, indem sie sich des Enjambement bedienten, d. einen Vers in den folgendenübergreifen ließen, sodaß der Schluß des ersten dem Sinne nach keinen Ruhepunkt bildet.