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ErdkundeBrockhaus 1882

Altona, die volkreichste Stadt der preuß. Prosiei⸗ Schleswig-Holstein, liegt anmutig am hohen, teilansteigenden rechten Ufer der Elbe, mit der stseite unmittelbar an die hamburger Vorstadt St. Pauli stoßend, im Westen von dem Städtchen Ottensen begrenzt. Die durch Schuhmacher 1823 begründete und berühmt gewordene Sternwarte, welche im Juli 1874 nach Kiel verlegt wurde, lag unter 53 32 45“ nördl. Br. und 27² 36“ 15“ östl. L. (von Ferro). A. hat meist ziemlich breite, regelmäßige Straßen, unter denen die mit prächtigen Lindenalleen geschmückte Palmaille und Marktstraße hervorragen. In der Aangt befindet sich das 1832 errichtete Standbild des langjährigen Gouverneurs von A., des dän. Oberpräsidenten Grafen Konrad von Blücher (gest. 1845), und das am Westende derselben 1875 zum Andenken der Thaten des 9. Armeekorps im Deutsch-Französischen Kriege 1870 —71 errichtete Denkmal, von Luthmer in Berlin; ein anderes Denkmal zur Erinnerung an die 1870 — 71 gefallenen Altonaer am Ostende der Marktstraße wurde 2. Sept. 1880 enthüllt. Ein einfaches Denkmal ist unweit des Polizeiamtes den im Seegefecht bei Helgoland 1864 gefallenen Osterreichern errichtet. A. besitzt außer der Kapelle des frühern Arbeitshauses drei evang.luth. Kirchen, unter denen die 1742 — 43 erbaute Dreifaltigkeitskirche und die 1868— 73 von Otzen erbaute St. Johanniskirche sich auszeichnen, eine herrnhuteri — eine reform., eine mennonit. und eine kath. Kirche, eine Baptistenkapelle und zwei Synagogen (der deutschen und der portug. Gemeinde). Sonst sind noch das Rathaus, das städtische Krankenhaus, das Militärlazarett, das Gräflich Reventlowsche Armenstift, das Gymnasium (Christianeum), die Realschule, das Gebäude der Provinzial-Steuerdirektion, das neue Justizgebäude, die Sonntagsschuley (technische Vor-und Fortbildungsanstalt für angehendeKünstler und Handwerker), das neue Stadttheater, die wegen ihrer vortrefflichen Akustik berühmte «Tonhaller, die vormalige Münze (jetzt Kaserne), der Sielbau, der kostspielige Elbquai, die bei Blankenese befindlichen Wasserwerke, das Armenhaus bei Osdorf u. s. w. hervorzuheben. An gemeinnützigen Einrichtungen besitzt A. den Kreditverein, die Sparkasse des Unterstützungsinstituts, das 1871 begründete Statistische Bureau, die Hufbeschlägschule, die Navigationsschule, das Bauersche Rettungshaus für verwahrloste Knaben, die Bauersche Warteschule, die Lehrerinnen-Bildungsanstalt, eine Diakonissen⸗, eine Entbindungsanstalt, 2 Kinderhospitäler und eine Speiseanstalt. In A. haben das Generalkommando des 9. Armeekorps, die Kommandantur für Altona-Hamburg, die Provinzial-Steuerdirektion, ein Landgericht, ein Amtsgericht, ein luth. drdsl das königl. Kommerzkollegium, die Direktion der Altona-Kieler Eisenbahn-Gesellschaft u. s. w. ihren Sitz. A. besitzt (1880) 5289 Wohngebäude; die Zahl seiner Einwohner, meist Lutheraner, betrug 1769 nur 18055, vermehrte sich bis 1840 auf 28095, belief sich 1860 auf 45524 und betrug 1880 schon 91049 ortsanwesende Reitdie Mit dieser raschen Bevölkerungszunahme hielt die sonstige Bedeutung A.s nicht gleichen Schritt. Ehedem die merkantilisch bedeutendste Stadt Schleswig-⸗Holsteins, verdankte es sein Aufblühen vorzugsweise den ihm von den dän. Königen verliehenen umfangreichen Zollprivilegien. Als aber diese anfänglich eingeschränkt und 1853 völlig aufgehoben wurden, begann A.s —. und Verkehr zu verfallen. Gegenwärtig hängt es kommerziell ganz von Hamburg ab, dessen lertenbenukt wenden auch von den altonaer Kaufeuten benutzt werden, während wiederum in den vortrefflichen an der Elbe befindlichen auae Wa-A.s viele hamburger Großhändlern gehörige Waren lagern. Dadurch, daß es vorläufig (voraussichtlich bis zum 1. Okt. 1888) noch mit Hamburg und der an letzteres grenzenden holstein. Stadt Wandsbeck ein außerhalb des Zollvereins belegenes zusammenhängendes Freihandelsgebiet bildet, ist es mit diesen beiden Städten allmählich zu einem den gleichen Lebensbedingungen unterworfenen wirtschaftlichen Komplex verwachsen. Zu seiner Reederei ehörten 1880 an Seeschiffen 35 mit 10389 Registertons, lußfahrzeuge waren 1877 in A. 185, wovon 3 Personen⸗ und 4 Schleppdampfer, mit einer Tragfähigkeit von zusammen 75493 Ctr. Zur Förderung des Schiffsbaues dient das 1869 errichtete Schwimmdock. Im Seeverkehr liefen 1880 ein 560 Schiffe von 55 561 Registertons, darunter 45 Dampfer von 23818 Registertons, und gingen 492 Schiffe von 43953 Registertons, darunter 39 Dampfer von 20488 Registertons, ab. Im Flußschiffahrtsverkehr langten (1879) 42829 Fahrzeuge von 5 160308 ebm an und segelten 42 849 Fahrzeuge von 5 166 583 cbm ab; Dampfer waren unter erstern 35437 mit 4660829, unter letztern 35435 mit 4659 105 cbm. Der Warenverkehr zur See im altonaer Hafen bezifferte sich 1879 beim Import auf 2 108 489, beim Export auf 396037 Ctr., die Einfuhr aus dem Zollverein über die Landgrenze des altonaer Stadtgebiets au 2949 004, die Ausfuhr nach dem Zollverein au 3352076, die Zollvereinsdurchfuhr auf 794285 Ctr. A. unterhält lebhaften Handel mit Schleswig-Holstein, Oldenburg, Bremen, Helgoland, Dänemark und Großbritannien, wogegen der früher kaum weniger rege mit Norwegen und den Niederlanden sehr abgenommen hat. Nicht unwichtig sind auch seine Beziehungen zum Schwarzen Meere und seine überseeischen zu den Vereinigten Staaten, Ostafrika und Südamerika. Auch die Industrie A.s, vorzüglich die kleine, ist nicht unbedeutend. An großen Fabriken gibt es hier zwei Wollgarnfabriken, vier Holzdampfsägereien, eine Bierbrauerei, zwei Cigarrenfabriken, drei Korndampfmühlen, eine Exportschlächterei, eine Spirituosen⸗ und zwei Hutfabriken. Unter den Kleingewerben stehen die Cigarrenhausarbeit und die Schuhmacherei, beide großenteils für die emas o beschäftigt, in erster Linie. A. ist naturgemäß die sidl. Endstation des schlesw.gholstein. Eisenbahnnetzes, welches seinen Verkehr mit dem skandinav. Norden vermittelt, wogegen es durch die Hamburg-Altonaer Verbindungsbahn und die Flußdampfschiffahrt nach Harburg mit dem deutschen Bahnsystem in Verbindung steht. Mit der im Westen unmittelbar angrenzenden Stadt Ottensen bildet es den Stadtkreis A., 1880 mit 106 419 E. auf 12 qkm. Der Name, den der plattdeutsche Volkshumor „All zu nahs (bei Hamburg) auslegt, ist richtiger von der aalten Au» abzuleiten, welche jetzt als Stadtgraben die Grenzscheide gegen die hamburgische Vorstadt St. Pauli „Bachs ia Berg) bildet. An beiden Seiten dieses Bachs lag in alter Zeit ein Dorf Herwardeshude, welches 1308 gänzlich abbrannte. Erst im 16. Jahrh. erscheint westlich von dem Bache, unter der Landeshoheit der Grafen von Holstein-Schauenburg, eine Ortschaft A., welche 1640 mit der Herrschaft Pinneberg an das dän. Königshaus (Holstein-Glückstadt) kam und 23. Aug. 1664 von König Friedrich III. städtische Privilegien erhielt. König Christian V. und sein Mitregent in Schleswig⸗-Holstein, Herzog Christian Albrecht von Gottorp, schlossen hier 1689 den sog. Altonaer Vergleich, wodurch der letztere in alle seine Besitzungen und Rechte wieder eingesetzt wurde. Während des Nordischen Kriegs hatte A. viel zu leiden und ward zuletzt von dem schwed. General Graf Steenbock 8. und 9. Jan. 1713 zum größten Teil niedergebrannt. Doch erholte sich die Stadt rasch wieder, bis die franz. Kontinentalsperre und die engl. Elbeblockade dem Handel A.s wieder empfindlich schadete. Die Energie des Oberpräsidenten Blücher wendete 1814 die Gefahr, von den Franzosen verbrannt zu werden, von A. ab. Vom 24. Dez. 1863 bis 7. Dez. 1864 hatten die beiden Civilkommissare des Deutschen Bundes für Holstein und Lauenburg in A. ihren Sitz, das 1866 mit beiden Herzogtümern Schleswig und Holstein definitiv an Preußen kam. Vom 27. Aug. bis zum 15. Okt. 1869 fand in A. eine internationale Industrieausstellung sowie vom 18. Reh bis zum 17. Okt. 1881 eine internationale Ausstellung von Kraft⸗ und Arbeitsmaschinen statt. Das Wappen A.s zeigt ein Thor mit drei spitzen Türmen an einem vorbeifließenden Strome. Vgl. Wichmann, «Geschichte A.s (Altona 1865); Seelig, Hamburg-A. und Umgegend) (4. Aufl., Hamb. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 504Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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