Andorra oder franz. An dorre, ein zwischen dem franz. Depart. Ariége und Catalonien (span. Provinz Lerida) gelegener romantischer Gebirgskessel der Ostpyrenäen, der von deren schneebedeckter Hauptkette und zwei südwärts abgehenden Querjochen gebildet und von der Balira bewässert wird, welche sdlich einen engen Felsspalt durchstürzt, um bei Urgel in den Segre zu münden. Das Thal A bildet als Gemeinwesen eine demokratische Bauern- und Hirtenrepublik von 495 qkm mit etwa 12000 E. und wird in sechs Civilgemeinden oder Pfarrsprengel geteilt: Andorra, Canillo, Encamp, Masana, Ordino und St. Julian, 50 welchen Dörfern noch gegen 40 kleine Weiler gehören. Die dichten Wälder liefern Holz im überfluß, die Alpweiden und schönen Bergwiesen reiches Material für bedeutende ar Wün⸗ die tiefern Terrassen bieten Terrain für Wein⸗ und Obstbau, der Schoß der Berge enthält reiche Eisenminen bei Ransol und tarke, warme Mineralquellen, der Ackerbau aber ist beschränkt, weshalb über die jährliche Getreideeinfuhr mit Frankreich ein Vertrag besteht. Schon seit 805 unter Ludwig dem Frommen ein neutrales Land, wird A. bis auf den heutigen Tag von Frankreich und Spanien als solches anerkannt, unter dem Vorbehalt, dem Bischof von Urgel die Besetzung aller Pfarreien und einen jährlichen Zins von 891 Frs., dagegen Frankreich das oberste Schutzrecht und unter Zusicherung zollfreier Getreideeinfuhr eine jährliche Abgabe von 960 Frs. ugestehen. Gemäß Gesetz vom 27. März 1806 .— drei Deputierte einen Eid in die Hände des Präfekten von Ariége. Pre dem Bischof von Urgel die Besetzung aller Pfarreien vier Monate des Jahres, die übrigen acht Monate dem Papste zu. Die Verwaltung des Staats liegt einem souveränen Generalrat von 24 Mitgliedern ob, welche auf vier Jahre durch vier Familienchefs einer jeden Gemeinde erwählt werden. Präsident des Rats ist ein erster Syndikus, dem ein zweiter beigegeben ist; beide werden vom Generalrat auf vier Jahre gewählt. Mit der vollstreckenden Gewalt und der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten — der erste Syndikus betraut, mit der Justizverwaltung zwei Viguiers, die den Titel «Erlauchten (illustres) 6 en, und ein Civilrichter. Ihren ersten Viguier veguero, Landvogt oder Statthalter), einen eineborenen Franzosen, erhält die Republik von zrankreich, ihren Huchof einen eingeborenen Andorraner, vom Bischof von Urgel, erstern auf Lebenszeit, diesen auf drei Jahre. Den Civilrichter ernennen Frankreich und Der Bischof von Urgel abwechselnd. Jedem Viguier steht ein Baile, d. h. Richter, mit dem Prädikat 4 Chrsam „ (honorable) zur Seite, welcher in allen Streitsachen entscheidet und dessen Ausspruch der Appellation an einen Viguier und weiter an den Ka ationshof zu Paris oder das bischöfl. Kollegium zu Urgel unterworfen ist. Bei Zuchtpolizeivergehen entscheiden die Viguiers unmittelbar. In riminalfällen entscheidet, unter dem Präsidium des franz. Viguier, ein Gericht, zusammengesetzt aus den beiden Vimiers, dem Oberrichter, einem Advokaten als Beisiher, dem Notargerichtsschreiber des Landes und zwei Mitgliedern des souveränen Rats. Dieses Gericht spricht über Leben und Tod; es bestimmt die Verteidigung des Angeklagten durch einen Advokaten, läßt aber keine Appellation zu. Die Verpachtung der Gemeindeweiden, eine unbedeutende Personensteuer und eine geringe Abgabe vom Boden⸗ und Viehstandertrage bilden die Einnahmen des Landes. Die Gemeindeverfassung der Andorraner ist eine kriegerische; denn jeder Mann vom 16. bis 60. Jahre ist militärpflichtig und daher bewaffnet. Die Andorraner, ein gutmütiges und einfaches, friedliches und cattliani 5. Der Moh sprechen catalonisch und castilianisch. Der Mehrzahl nach leben sie von Ackerbau und Viehzucht, aber auch vom Schmuggel. Die Atnker besteht in Verfertigung grober Schafwolltücher; der Handel beschränkt sich auf Export von Hund Holzkohlen, Eisenerz, Schafwolle und Käse und auf Import der nötigsten im Lande nicht 995 Laud ebensbedürfnisse. So reich die Thäler des ändchens an Mineralquellen auch sind, so 2 doch die Regierung die Errichtung von Badeanstalten noch nicht erlaubt, ebens Hen ult die Ausbeutung des in den Bergen befindlichen silberhaltigen Bleiglanzes. Hauptort der Republik ist das Dorf A. Das von Franzosen ausgegangene Projekt, in A. eine Spielbank zu errichten, verursachte im Frühjahre 1881 eine Spaltung zwischen dem Generalrat und der jüngern Bevölkerung und einen Konflikt mit der franz. Regierung. Das Projekt wurde von dem Bischof von Urgel begünstigt, da dieser von den Einkünften A.s einen bestimmten Prozentsatz bezieht. Es entstand eine förmliche Auflehnung 9295 die Autorität der Paris Schutzmacht; als aber der Ministerrat in aris beschloß, im Fall von Ruhestörungen ein Bataillon einmarschieren zu lassen, hörte die Agitation auf. Vgl. Dalmau de Baquer, «Historia de la republica de A.„ (Barcelona 1849); Berthet, Le val d'Andorrer (Par. 1879). ö