Anomalie (grch.) nennt man die Abweichung von der Regel, daher Anomälon, anomal, anomalisch oder auch abnorm das von dem Regelmäßigen Abweichende. In der Astronomie bezeichnet man mit A. den von der ungleichen Geschwindigkeit der Planeten abhängigen Winkelabstand derselben in ihrer Bahn vom Punkte der Sonnennähe. Man nennt diesen Winkel die wahre A. und berechnet dieselbe aus der excentrischen und mittlern A., bei welcher die Bahn als Kreisbahn um die Sonne vorausgesetzt wird. Die Zeit, welche ein Himmelskörper gebraucht, um von einer Sonnennähe zur nächsten zu kommen, heißt anomalistisches Jahr. — A. in dem Gebiete der Natur sind soche Erscheinungen, welche den Naturgesetzen gege nüber als Ausnahmen hervortreten. Darum aber ist das Anomalische nicht gesetzlos; eine genauere Einsicht in die Naturgesetze hat immer in scheinbaren A. doch wieder den Ausdruck der allgemeinen Gesetzmäßigkeit erkennen lassen. Es gibt für jeden um so viel mehr anomale Erscheinungen, je weniger er die allgemeinen Gesetze derselben kennt. — In der Grammatik nennt man Anomäla diejenigen Wortformen, welche in ihrer Flexion von dem als regelmäßig angenommenen Paradigma abweichen. Die ältere Grammatik war in der Annahme anomaler Formen sehr freigebig. Seitdem man aber die Sprachen genauer nach ihren phonetischen Gesetzen durchforscht und die Sprachvergleichung zur Erklärung anomaler Formen zu Hilfe gezogen hat, ist der Begriff der Unregelmäßigkeit sehr beschränkt worden. Vieles, was früher als anomal hingestellt wurde, ist oft nur der spärlich erhaltene überrest einer ursprünglich ganz regelrechten Form, oder aus den phonetischen Gesetzen ergibt sich die Notwendigkeit und Richtigkeit einer scheinbar von der Regel abweichenden Form.