FeedAnschauung
AllerleiBrockhaus 1882

Anschauung bedeutet ursprünglich eine durch den Gesichtssinn vermittelte Vorstellung, besonders wenn das Angeschaute nicht ein einzelner Gegenstand, Rande mehrere zu einem Ganzen verbundene Gegenstände sind. Daher heißt die Auffassung des Gesamtbildes eines Gegenstandes oder einer Mehrheit von Gegenständen als eines Ganzen vorzugsweise A. Dieselbe kann mehr oder weniger klar und deutlich sein, je nach dem Grade der Bestimmtheit, in welcher der angeschaute Gegenstand teils in seinem Unterschiede von andern Dingen, teils rücksichtlich der in ihm liegenden Verhältnisse er Wahrwird. Da hierbei nicht r die der Stoff der Wahrnehmungen als vielmehr die Form derselben das Charakteristische ist, so erklärt sich daraus zunächst der Gebrauch, welchen in Beziehung auf die Lehre von der menschlichen Erkenntnis Kant von diesem Begriffe machte, indem er Raum und Zeit für die von aller Erfahrung unabhängigen, a priori in uns liegenden Formen der sog. reinen A. erklärte, d. h. einer solchen, welche lediglich diese Formen selbst, ohne allen Empfindungsstoff, zum Gegenstande hat. Da ferner die A. ein geistiger Vorgang ist, in welchem der ugerihemn, Gegenstand als unmittelbar gegenwärtig erscheint, so überträgt man diesen Ausdruck auch auf die innern Zustände, wo irgendein Ganzes von Vorstellungen, mögen sich diese nun auf das Gebiet der äußern oder innern Pemunt beziehen, als ein Gesamtbild vor das Bewußtsein tritt. Etwas canschaulich macheny oder veranschaulichen heißt daher, das bloß Gedachte, innerlich Vorgebildete durch die entsprechenden sinnlichen Bilder und Formen der Auffassung zugänglicher machen, einen Komplex von Gedankenbestimmungen so darstellen, daß derselbe für den Auffassenden eine Ahnlichkeit mit einem sinnlichen Gesamtbilde bekommt. In einem chen A. Sinne spricht man von der künstlerischen A., indem man dadurch einerseits das innere Vorbild, die in ihren Einzelheiten bestimmte Idee des Kunstwerks, welche der Kunstler darzustellen sucht, andererseits die gesamte Weltanschauung bezeichnet, welche in seinen Werken zum Ausdruck kommt; ebenso von der A. des Mystikers und Theosophen, indem er Gott und göttliche Dinge als ein unmittelbar Gegenwärtiges zu erfassen meint. Verwandt mit den A. der Myfiter würde die schon im Altertume von den Neuplatonikern, in der neuern Zeit aber namentlich von Schelling geforderte oder behauptete intellektuale A. sein, unter welcher man eine durch keinerlei Reflexion vermittelte, das Absolute und die in ihm liegende angebliche Identität des Seins und des Denkens, des Endlichen und des Unendlichen unmittelbar ergreifende, ja mit dem Absoluten selbst zusammenfallende Erkenntnisart verstand. Gesetzt jedoch, eine solche A. wäre etwas mehr als eine bloße Einbildung, so würde doch der Inhalt derselben dem prüfenden und berichtigenden Denken ebenso unterworfen werden müssen, wie der Hartt der sinnlichen A. Denn eine A. als solche bietet der denkenden Erkenntnis zwar den Stoff, aber nicht den Gehalt dar; und sich da, wo es, wie namentlich im Gebiete der philos. Untersuchungen, auf ein begriffsmäßig bestimmtes Wissen ankommt, auf A. berufen, heißt soviel als auf das Denken Verzicht leisten und sich entweder rohem Empirismus oder beliebigen Phantasien überliefern. Eine andere Frage ist die namentlich seit Kant und Schopenhauer gichen diskutierte, ob die Formung der ursprünglichen Empfindungen zu Gegenständen der A. lediglich durch eine Art von gewissermaßen chem. Zusammenschießen des Empfindungsstoffs vor 90 gehe (Lotze), oder ob dabei eine den Schlüssen des Verstandes wenigstens analoge Thätigkeit stattfinde (Helmholtz). Anschauungsunterricht. Seit Baco von Verulam wird vom Unterrichte verlangt, daß er anschaulich sei, d. h. daß er von dem sinnlich Anschaubaren aus⸗ und zu den Begriffen übergehen solle. Amos Comenius, John Locke, Rousseau und Basedow, Pestalozzi und alle seine Nachfolger und spätern Didaktiker sind einig in dieser Forderung. Damit aber stimmt nicht ganz überein, was seit Pestalozzi A. genannt wird. Dieser soll allem andern Unterrichte vorausgehen und den Gedankenkreis, welchen das Kind vorher erworben hat, berichtigen und feststellen, damit die weitere Ausbildung dieses Gedankenkreises ein sicheres Fundament vorfinde. Ob ein solcher A. in besondern Stunden erteilt werden soll, ist eine pädagogisch noch nicht entschiedene Frage. Das Regulativ für die preuß. Volksschule vom 4. Okt. 1854 hat den abgesonderten A. abgeschafft, und auch die spätern Bestimmungen, vom 15. Ott. 1872, haben ihn nicht wieder eingeführt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 693Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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