FeedAbstraktion
TechnikBrockhaus 1882

Abstraktion nennt man diejenige Operation des Denkens, vermöge deren der Verstand die in der sinnlichen Anschauung zur Einheit verknüpften Vorstellungselemente einzeln heraushebt und für sich bestimmt; dadurch entstehen Vorstellungen, welche zwar keinem Gegenstande der sinnlichen Falicret mung ganz Dieten Wan dafür aber die Fähigkeit besitzen, in vielen Wahrnehmungen wiedererkannt zu werden, und deshalb diesen einzelnen Vorstellunen gegenüber die allgemeinern sind. Solch ein höherer Begriff vertritt im Denken eine ganze Klasse von sinnlichen Anschauungen, indem nur deren emeinsame Merkmale in ihm zusammengefaßt worden sind. Bei seiner Bildung Labstrahiereno wir von dem verschiedenen Nebeninhalt der einzelnen Vorstellungen und reflektieren nur auf die ihnen gemeinsamen Bestimmungen. Insofern als die Begriffe von den sinnlichen Anschauungen cabgezogeno sind, sind sie selbst abstrakt genannt worden. Dieselben verdanken ihren Ursprung nur der Fähigkeit des willkürlichen Denkens, und daher entspricht einem solchen abstrakten Begriff nicht ein konkreter Gegenstand in dem Sinne wie der sinnlichen Anschauung; die Geschichte der Philosophie zeigt jedoch vielfach die Versuche, den abstrakten Begriffen Realität zuzusprechen, und namentlich im Mittelalter ist dies der streitige Punkt zwischen den beiden Hauptrichtungen der Scholastik, dem Realismus und dem Nominalismus, gewesen. Alles menschliche Denken aber bewegt sich, sobald es die ursprünglichste Sinnesempfindung überschreitet, in A., und die Sprache zeigt mit Ausnahme der Eigennamen nichts als ahstrarks Begriffe. Je höher die A. geht und je allgemeiner die Begriffe werden, um so mehr verschwindet das Anschauliche aus ihnen; deshalb bietet die Ausbildung allgemeiner Begriffe, obwohl alles Wissen sich unvermeidlich in ihnen bewegt, für sich allein nicht unmittelbar eine reale Erkenntnis dar. Da die A. und das starre Festhalten an einmal gebildeten A. oft die für die Erkenntnis notwendigsten Beziehungen der Begriffe verdunkelt und aus dem Auge verlieren läßt, so bezeichnet man durch das Wort abstrakt auch das Einseitige und durch seine Einseitigkeit Ungenügende. Im gewöhnlichen Leben heißt von etwas abstrahieren soviel als von etwas absehen, kein Gewicht darauf legen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 79Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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