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Bildende KunstBrockhaus 1882

Historische Malerei (Historien⸗ und Geschichtsmalerei). Der Begriff des Historischen in der bildenden Kunst besagt nach dem Wortgebrauch der Ästhetik im weitern Sinne soviel wie stilvolle, ideale Auffassung, im engern Sinne die Darstellung wirklicher geschichtlicher Vorgänge. «Historischo ist im erstern Wortverstande gleichbedeutend mit der in Form und Ausdruck ausgesprochenen Erhebung des Gegenstandes aus dem Zufälligen und rein Zuständlichen, wie es das Genres zu geben hat, in die Sphäre des Allgemeingültigen; und diese Auffassung ist keineswegs auf Vorführung thatsächlicher Ereignisse beschränkt, sondern erstreckt sich auf alle Stoffgebiete figürlicher Komposition, seien sie nun der Geschichtsüberlieferung oder der Dichtung, Sage oder andern Quellen entlehnt. In diesem Betracht deckt sich der Begriff des Historischen mit dem des Monumentalen, dessen erstes Erfordernis der Stil ist. Er leidet sogar Anwendung auf die Landschaft, insofern der Künstler es unternimmt, die Naturwelt nach den Stilgesetzen des Historienbildes zu behandeln, d. h. die vorgefundene Erscheinung zum großartigen und einfachen Ausdruck zu gestalten und ihr eine entsprechende Gesamtphysiognomie zu geben (komponierte, ideale Landschaft). Diese Form des Landschaftsbildes wird oft auch Hugehenn; Landschaft genannt (so bei Sulzer, Hagedorn, Goethe), nach dem Charakter der ursprünglich mit ihr auftretenden heroischen Figuren39. 0 (die Landschaften N. Poussins, Claudes, Jos. Ant. Kochs, Fr. Prellers), welche die Landschaft in homogene Beziehung zu bedeutenden Vorgängen des Menschenlebens bringen. Im engern Sinne ist die Historienmalerei richtiger Geschichtsmalerei zu nennen, weil hier nicht sowol die Auffassung als vielmehr der Stoff den Ausschlag gibt. Es kann jedoch ein Geschichtsbild, welches zunächst treue Wiedergabe eines überlieferten Gegenstandes sein will, im höhern künstlerischen Sinne historisch sein, indem es das bloß Außerliche und Episodische zurücktreten läßt hinter dem Hauptsächlichen, dem Ausdruck des geistigen Gehalts, und deshalb das Gewicht auf die Ausprägung der Persönlichkeiten und die Durchbildung der Komposition als solcher legt; andererseits kann es zum Genrehaften neigen, wenn es in umgekehrtem Sinne verfährt. Ähnliches gilt für das Geschichtsbild im Rahmen der Illustration. Für die Wahl der Behandlungsform ist der Zeitabstand des . schildernden Ereignisses vom Darsteller wesentich. Zwar können auch fast gleichzeitige geschichtliche Ereignisse in jener gesteigerten stilvollen Form wiedergegeben werden, welche der Wiedergabe in poetischer Dichtform entspricht, doch wird sie vorzugsweise den zeitlich fernliegenden Stoffen zukommen, weil diese einen abgeschlossenern Charakter tragen. Bei Darstellung jüngstvergangener Ereignisse erhöht die porträtmäßige und kostümgetreue, also genrehaftere Auffassung die Glaubwürdigkeit. Dort kommt es mehr auf geistige Wahrheit, hier mehr auf allseitige Richtigkeit an. In der ältern Kunst fast aller Völker bis zur Mitte des 16. Jahrh. herrscht ausschließlich die stilvolle Behandlung des Geschichtsbildes; erst dann tritt vorzugsweise unter den nordischen Völkern die illustrative Auffassung auf, welche namentlich bei den Niederländern blüht, aber auch den spätern Venetianern eigen wird. Eine Mittelstellung nehmen Rubens und Le Brun ein, in deren Geschichtsbildern die malerischen mit den stilvoll-plastischen Kunstgesetzen sich verbinden. Die eigentlichen Begründer der Geschichtsdarstellung im illustrativen Sinne sind die modernen Franzosen, unter denen David in seinen frühern Gemälden der plastischpathetischen, in seinen spätern mehr der rhetorischen Darstellung huldigt, welche besonders Gros eigentümlich weiter bildet und Horace Vernet und seine Nachfolger besonders im Gebiete des Schlachtgemäldes in gesteigerter realistischer Tendenz vervollkommnet. Unter den deutschen Malern des 19. Jahrh. stehen Cornelius und die ältere Münchener Schule streng auf Seite der stilistischen Beichrüe zur Jul. Schnorr repräsentiert den Fortchritt zur mehr geschichtstreuen Auffassung unter Bewahrung strenger Kompositionsgesetze; Kaulbach strebt nach Verbindung von Gedankenreichtum und Symbolik mit moderner und malerischer Darstellung; ihm gegenüber Alfr. Rethel nach Größe, Wucht und Prägnanz des Moments. Die Düsseldorfer Schule seit den dreißiger Jahren neigt durchweg zur genrehaft-malerischen Behandlung; als Meister der realistisch-illustrativen Auffassung ragt gegenwärtig besonders A. Menzel hervor.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 270Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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