FeedAnthropomorphismus
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Anthropomorphismus und Hamdegewdas thismus sind beides griech. Worte, von denen das erstere die Vorstellung von Gott nach der Analogie der mens Ponfde Körpergestaltung (voepr), das uch tere die Vorstellung von Gott nach der Ahnli keit menschlicher Gemütszustände (16451) bezeichnet. Beides begreift das Wort Vermenschlichung Gotteso in sich. Da die religiöse Vorstellung sich immer in Bildern bewegt, welche unserer menschlichen Erfahrung entlehnt sind, so liegt es nahe, Gott nach der Analogie der menschlichen Persönlichkeit mit einem menschenartigen Geiste, mit menschlichen Gemütszuständen und wohl selbst mit menschenartiger Gestalt ausgestattet vorzustellen. Auch die MRi liche Rede über Gott pflegt daher anthropomor ophie und ento se athisch zu sein. Die Phi 27 ie hat ebenso sehr ein Interesse daran, die ihen des Unendlichen aller menschlichen und endlichen Beschränktheit zu entkleiden, als das reli-Halt Bewußtsein, welches ein persönliches Verbmm — Gottheit verlangt, immer geneigt bleien wird, seinen Gott mit den nur nach Möglichkeit gesteigerten Eigenschaften der menschlichen Persönlichkeit auszustatten. In der heidnischen Welt tritt dieser Gegensatz am schroffsten auf. Alle polytheistischen Volksreligionen beruhen auf der Vermenschlichung des Göttlichen. Die Religion des Alten Testaments verwirft, wenigstens in ihrer reinen Entwickelung im Zeitalter der Propheten, die lange genug auch von den frömmsten Israeliten für unbedenklich erachtete Darstellung Gottes im Bilde, und wo sie ihm menschliche Gesalt, Augen, Ohren, 00. Mund, Herz, Eingeweide, Hände, Füße zuzuschreiben scheint, 10 ist dies nur als poetisch veranschaulichende, also symbolische Rede zu verstehen. Desto weniger trägt aber das Alte Testament ein Bedenken, Gott im Denken, liberlegen, Beschließen mens liche Weise, sogar Sinnesänderung und Wechsel der Entschließungen zuzuschreiben, und neben der Liebe, dem Erbarmen und Mitleiden Gottes ist auch von Aufwallungen seines Zorns, von Haß und Reue bei ihm die Rede. Das Christentum hat in seiner 45er und derwervon Gott als dem himmlischen Vater und der perche en Liebe von vornherein ein anthropopathiches Element, während es zugleich in dem Worte „Gott ist Geisto den ihm ebenso wesentlich innewickelung dieser an Atterunt an Richtungen hat schon im kirchlichen Altertum zu schroffen Gegensätzen geführt. Während namentlich die judenchristl. Richtung und im Anschluß an diese auch späterhin die Riend che der Kleinasiaten und Afrikaner fortwährend zu anthropopathischen und sogar anthropomorphistischen Vorstellungen hinneigten, waren umgekehrt die philosophisch gebildeten Rettenalenn und vor allen die Alexandriner, auf Reinerhaltung des Gottesbegriffs von menschlicher Beschränktheit bedacht, ohne jedoch zu einer wider-Airche hat u Auffassung gelangen zu können. Die irche hat in ihrer weitern Entwickelung die Meinung, welche Gott einen Körper zuschreibt, auch in ihrer subtilern Auffassung, die noch Tertullianus teilte, wenschieche dagegen die Abbildung Gottes unter mensch icher Gestalt und die symbolische Redeweise des Alten Testaments für unbedenklich erachtet. Dem Anthropopathismus dagegen konnte die Kirche von vornherein nur in seinen gröbern Ausschreitungen entgegentreten, da die Vorstellungen von Gottes Zorn, Liebe, Erbarmen und Gnade erade mit ihren wesentlichsten Dogmen unauflösich verwebt sind. Die Dogmatiker schieden zwischen dogmatischem und symbolischem Anthropomorphismus und Anthropopathismus und verwarfen jenen als Irrlehre. Nachdem schon Kant die Personifikation oder allegorische Darstellung von «Vernunftideen für anthropopathisch und unzulässig in der Metaphysik erklärt hatte, verwarf Fichte den Glauben an einen persönlichen Gott als ralische Weltord und bezeichnete Gott als die «moralische Weltordnungo. Ahnlich hatte schon Spinoza geurteilt, und die 95 von Schelling und Hegel eingeleitete philos. Bewegung schien es sich zur Aufgabe gestellt ndre ces der anthropopathischen Vorstellung der Kirche gegenüber den Begriff eines unpersönlichen Absoluten zur Geltung bringen, mochte man dies nun als absolute Substanz, oder als absolute Idee, oder als absolute Identität des Idealen und Realen bezeichnen. Unter den Theologen hat Schleiermacher die Persönlichkeit Gottes ausdrücllich in Abrede gestellt, und Strauß, Zeller, Biedermann u. a. haben auf die Unmöglich keit hingewiesen, den über alle Gegensätze hinausliegenden unendlichen Geist zugleich wieder als Einzelpersönlichkeit zu denken. Die Frage ist nur, wie weit es möglich sei, der menschlichen Sberrrfen von Gott zu entrinnen, ohne den Gottesbegriff selbst in leere Abstraktion aufzulösen. Wenn der neuere Pantheismus, wie er namentlich durch Strauß seinen bestimmtesten Ausdruck gefunden hat, zwar die Analogie des menschlichen Geistes von Gott fernzuhalten strebt, dafür aber das Absolute als die in der Natur mit bewußtloser Notwendigkeit wirkende, im denkenden Menschengeiste zum Bewußtsein kommende Vernunftidee faßt, so heißt dies doch nichts anderes als Gott nach der Weise des Naturprozesses betrachten, was im Vergleiche mit der menschenähnlichen Vorstellung von Gott keine höhere, fendern eine niedere O der Betrachtung ist. Macht man aber mit der Vorstellung der Persönlichkeit Gottes Ernst, so bleibt gar nichts übrig, als das göttliche Wesen nach Ahnlichkeit des Menschengeistes vorzustellen, als mit Freiheit und Selbstbewußtsein wirkend, wenn auch unendlich erhaben über den Menschen. Die theistische, über Hegel sohtern Wendde Philosophie (Schelling in seiner spätern Periode, J. H. Fichte, Weiße u. a.) hat demgemäß sich ausdrückli nte verstanden, Gott, wenn er wirklich Geist sein solle, nach Analogie des Menschengeistes vorzustellen, namentlich also auch innere Unterschiede, ja Gegensätze in Gott zuzugeben, und die moderne Vermittelungstheologie hat nach ältern Vorgängen darauf hingewiesen, daß der menschliche Geist nur die Offenbarung oder das Ebenbild des göttlichen sei, der Mensch also, wenn er sich Gott denke, notwendig anthropomorphisiere, weil Gott, als er den Menschen schuf, theomorphisierte. (So im Gegensatze zu Schellings Henekaben Lehn schon Jacobi.) Am bestimmtesten haben Liebner, Dorner u. a. gefordert, das göttliche Wesen von vornherein unter ahalt Kategorien, und als seinen wesentlichsten Inhalt die absolute Liebe zu fassen, woraus 0 wiederum die Notwendigkeit ergebe, nicht jede Gestalt des Anthropopathismus sofort als Gottes unwürdig zu verwerfen. Selbst dem Anthropomorphismus haben alle die, welche von einer Natur in Gotto reden (nach Jakob Böhmes und ahe Harl Vorgang 1.B. Schelling, J. H. Fichte, Weiße, Karl Schwarz, Richard Rothe u. a.), eine berechtigte Seite zugestehen wollen. Indessen hat ein strengeres Denken sich mit allen diesen Versuchen je länger je weniger einverstehen können. Allerdings liegt es im Wesen der religiösen Vorstellung, sich Gott nicht nur als Einzelwesen gegenüberzustellen, sondern dieses Ein-Ienice auch mit mehr oder minder menschenähnichen Eigenschaften auszustatten. Auch wo man sinnliche Vorstellungen nach Möglichkeit fernhält, muß man doch von Gott ein wirkliches Denken und Wollen aussagen, welches wir nur nach menschlicher Analogie auffassen können. Eben damit trägt man aber wieder ein Moment endlicher Begrenztheit in Gott hinein, und die Forderung, uns ein unendliches Denken und Wollen, ohne besondere, also begrenzte Denk⸗ und Willensakte vorzustellen, erweist 190 als unvollziehbar. Stellt man sich aber Gott doch wieder endlich begrenzt vor, so hebt man seine Absolutheit und damit die metaphysische Voraussetzung der religiösen Gottesidee auf. Die DHehte⸗ alles, was im Menschen das Wesen des Geistes ausmacht, auch von Gott auszusagen, dagegen alles, was im Menschen die Endlichkeit seines Geisteslebens ausmacht, von Gott fernzuhalten, ist ebenso richtig wie unerfüllbar. So bleibt nur übrig zuzugestehen, daß die Wissenschaft zwar nicht davon ablassen kann, den letzten Grund der Welt so zu bestimmen, daß er wirklich auch als Urgrund des menschlichen Geisteslebens begriffen werden könne, daß aber diese Forderung immer nur annäherungsweise erreicht werden könne, daher sich die subjektive Berechti-Hesto des religiösen Anthropopathismus nicht wohl estreiten läßt. Is. Kannibalismus.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 709Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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