Antwerpen (frz. Anvers), früher Hauptstadt einer niederländ. Provinz, die 1814 aus der vormaligen Markgrafschaft A. und der Herrschaft Mecheln gebildet ward, während der franz. Herrschaft aber das Departement der beiden Nethen ausmachte. Sie ist jetzt die Hauptstadt der gleichnamigen belg. Provinz, die, im W. durch die Schelde von Ostflandern getrennt, im N. an Holland, im O. an Limburg, im S. an Brabant grenzt und eine fruchtbare Ebene, ohne Berg und Thal, von 2831,73 Akm mit (1879) 569 279 überwiegend vläm. E. umfaßt. Die Stadt A., ein wichtiger Knotenpunkt der Eisenbahnen zwischen Aachen, Brüssel, Gent und Rotterdam, liegt am rechten Ufer der hier 350—600 breiten Schelde, auf welcher die größten 1 in die unter Napoleon I., König Leopold I. und Leopold II. angelegten Bassins gelangen können. A. hat eine Ralerhtader Maler⸗ und Bildhauerakademie (die Malerakademie von St. Lukas wurde schon um die Mitte des 17. Jahrh. gegründet und gab eine Hauptstütze der niederländ. Kunst ab), ein königl. Gymnasium, ein Handelsinstitut, eine Seeschule, eine Musikschule, eine archäol. Akademie für anz Belgien, mehrere gelehrte, zum Teil vläm. Lereine, eine städtische Bibliothek, ein franz. und ein flamändisches Theater, ein Museum mit einem reichen Schatz von Gemälden, besonders von Rubens, van Dyck, Massys, Jordaens, Teniers, ein seit 1876 hergestelltes und aus den Sammlungen und Druckapparaten der berühmten Druckerfamilie Plantin bestehendes Musée Plantin-Moretus und einen zoolog. Garten, welcher in Mannigfaltigkeit der darin gehaltenen Tiere den berühmtesten gleichsteht. Die Stadt hat ansehnliche Fabriken und Manufakturen in Zucker, Bleiweiß, Dünger, baumwollenen Zeugen Spitzen, Spitzenzwirn, Teppichen, Gold⸗ und Silbertressen u. s. w. Ihre Nähseide und schwarzen Seidenstoffe sind berühmt; früher waren es auch ihr Samt, Damast und Atlas. Unter den vielen zum Teil prachtvollen Gebäuden sind besonders merkwürdig der 117 m lange Dom Unserer lieben Frauen, dessen Gewölbe auf 125 Säulen ruht, mit dem 123 m hohen Turme und mehrern Denkmälern. Auch befinden sich hier Rubens' größte Meisterwerke, die Kreuzesabnahme und die Kreuzeserhöhung. Dann ist bemerkenswert die Jakobskirche mit der Kapelle und dem Grabmal der Familie Rubens; die 1853 beendigte St. Georgskirche mit Wandgemälden von Guffens und Swerts, die alte Dominikaner⸗ und die Jesuitenkirche; das Hanseatische Haus (Haus der Oosterlinge, d. h. der Ostseeländer), die ehemalige R eine 2 der Hansa, 1564 erbaut, unter Napoleon eine Marinekaserne; das 1560—65 in florent. Stil erbaute Rathaus mit wertvollen Wandgemälden von Leys; die neue, an die Stelle der 1531 gebauten, 1858 ahjlder: Muerrichtete Börse; endlich m Duck Standbilder: Rubens (von W. Geefs), van 9 (von L. de Cuyper)/ van Brée (von demselben), Leopold I. (Reiterbild von 9 Geefs), Teniers (von Ducajou), Boduognat, der Nervierfürst (von Ducajou), H. Leys (von demselben), der vläm. Dichter van Ryswyck (von de Cuyper), Quentin als beh A. ist nicht nur als belg. Handelsmetropole in stetiger Entwickelung begriffen, sondern die Stadt n. 1882 geschleift wird, um anlagen Platz zu machen, auslaufend. Vor dieser Enceinte und mit ihr durch Palissadengänge und unterirdische Wege verbunden, liegen mehrere detachierte Forts und vorgeschobene Hornwerke. Die ehemaligen innern Wälle sind abgetragen, die Gräben ausgefüllt und in schöne Boulevards umgewandelt; nach allen Richtungen hin erheben sich neue Stadtviertel mit breiten, regelmäßigen Straßen. Die am südl. Endpunkte des Festungswalls gelegene alte Citadelle (Citadelle du Sud) und deren Dependenzen sind seit 1874 geschleift. Der größte Teil (98 ha) der dadurch frei gewordenen Räumlichkeiten wird auf die Herstellung neuer Straßen und auf die Errichtung eines gan-Komplexes maritimer Konstruktionen (Werfte, Bassins, Entrepöts) und eines Eisenbahnhofs verwendet werden. Der Widerstand, den die Bevölkerung der Herstellung der Nordeitadelle, wegen deren gegen die Stadt gerichteten Fronten und der daraus erwachsenden Servituten, entgegensetzte, hatte zwischen der Stadt und der Regierung eine langjährige Spannung herbeigeführt, welche erst 1870 durch einige Konzessionen von seiten der Regierung sich gelegt hat. Den Aufschwung der Hafenbewegung 9 belegen folgende statist Ziffern: Die Zahl der shrlich einlaufenden Schiffe belief sich im Durchschnitt: e 1840—49 auf 1544 mit 242468 t Wult⸗ 1870—e 78 auf 4510 mit 2083516 t Gehalt, 1880 auf 4040 mit 3008 647 t Gehalt. Zur Hebung des Handelsverkehrs hat Wter R beigetragen der im 8. 1863 durch den Minister Rogier zu Stande gerachte Rückkauf des infolge des Friedensvertrags von 1839 3Dim Are. lastenden Scheldezolls. Von dem nah 36 Mill. Frs. festgestellten Rückkaufskapital übernahm Belgien ungefähr ein Drittel; der Rest wurde auf die verschiedenen bei der Scheldeschiffahrt beteiligten Staaten verteilt. Die meist vläm. redende Bevölkerung A.s, welche 1829, zu Ende der holländ. Herrschaft, nur 72962 Seelen betrug, war Ende 1880 auf 169 112 gestiegen und beträgt mit den beiden dazu gehörigen Vorstädten Borgerhout-Berchem über 200000 Seelen. Geschichtliches. Die alte Burg A. an der Schelde wurde schon im 7. Jahrh. bei Ausbreitung der Dar en in den Niederlanden belagert, 837 von den Dänen, 863 von den Normannen zerstört. Bis zum 13. Jahrh. war die Stadt unbedeutend, später wuchs ihr Wohlstand, namentlich nach Brügges Niedergang. Sie erhielt 1201 eine neue Umwallung unter Heinrich I., welche 1298 — 1314 durch ohann III. von Brabant erweitert wurde. Karl V. ließ dieselbe durch den —.— Baumeister Franz 1540 nach dem Bastionärsystem befestigen und 1543 die Werke durch den Italiener Pellizuoli erweitern. Vor dem Kriege der Niederländer mit den Spaniern war A. eine bedeutendere Handelsstadt als selbst Amsterdam, dessen Größe im 16. Jahrh. durch den Verfall von A. rasch stieg. Damals war die Schelde stets mit Schiffen aller Nationen bedeckt; es sollen auf einmal 2500 Schiffe in ihrem Hafen gelegen haben. A. zählte aber auch 1550 über 200000 E. Am 22. Aug. 1567 legte Herzog Alba Garnison nach A. und ließ durch den SavoyardenPacciotto 1567—71 eine (die Süd⸗) Citadelle, 1874 geschleift, und Fort Lillo anlegen. Im J. 1576 kam es zwischen den deutschen, ständischen und den in der Citadelle zurückgebliebenen span. Truppen zum Kampfe, infolge dessen 600 Häuser niedergebrannt und 10000 C. gemordet worden sein sollen; 1577 wurde die Citadelle geräumt und den Bürgern übergeben, welche die nach der Stadt gerichteten Fronten zerstörten und das in einem Hofe der Festung aufgestellte Standbild des Herzogs Alba zerschlugen. In den nächsten Jahren ließ Wilhelm von Oranien die Schelde-Forts erbauen. Ein 1583 vom Herzog von Alencon unternommener Angriff scheiterte an dem Widerstande der Bevölkerung; dagegen mußte die Stadt 17. Aug. 1585 nach 12monatlicher Belagerung dem Prinzen von Parma, dem span. Statthalter der Niederlande, dörrhehen werden. Durch diese Belagerung bekam der blühende 35verui der Stadt den ersten Stoß; er ward gänzlich vernichtet, als im Westfälischen Frieden die Scheldemündungen in Hollands Besitz kamen. Später wurde die Citadelle 1746 —• die Franzosen nach 7tägiger Belagerung durch Marquis de Breze 31. Mai genommen und erst 18. Okt. 1748 wieder geräumt, sowie 1792 durch republikanische Heere Frankreichs, 1793 durch die Preußen unter Knobelsdorf und im Ratz 1794 durch Pichegru erobert. Als die vom ationalkonvent erklärte Freiheit der Schelde durch den Haager Traktat vom 16. Mai 1795 von der Republik der Niederlande anerkannt worden war, hob sich A.s Handel aufs neue und würde noch mehr aufgeblüht sein, wenn Napoleon den Ort nicht in einen Waffenplatz umgeschaffen hätte. Durch ein Dekret vom 21. Juli 1803 wurde A. zum ersten Kriegshafen Frankreichs an dessen Nordküste erklärt, und Napoleon beschäftigte sich von 1803—13 mit dem Bau der Werfte und zweier großen Bassins. Lord Chathams Versuch, im Aug. 1809 A. zu nehmen, die Docks und Schiffe zu zerstören, scheiterte an Bernadottes Thätigkeit. Im Frühjahr 1814 wurde es von den Engländern unter Graham blockiert, aber nicht förmlich angegriffen und dann infolge des mit dem Grafen vonArtois abgeschlossenen Waffenstillstandes von Carnot 5. Mai übergeben. Die Vereinigung Belgiens mit Holland 1815 war für A.s Handel und Wohlstand von sehr wohlthätigen Folgen. Durch die Revolution im 1830 ward es an Belgiens Schicksal gefesselt. Als die revolutionäre Partei sich der Stadt bemächtigt, 0 si der holländ. Kommandant General Chasse (s. d. in die Citadelle zurück. Durch den Übermut gereizt, mit welchem man den Waffenstillstand brach, ließ er 28. Okt. 1830 die Stadt sieben Stunden bombardieren, wobei das große Lagerhaus nebst 30 andern Häusern und dem Arsenale bis auf den Grund niederbrannten. Ein später abgeschlossener Waffenstillstand beließ die Citadelle in der Gewalt der Holländer. atreich Unglück bedrohte die Stadt 1832, als Frankreich und England, zur Erfüllung des Traktats vom 15. Nov. 1831, die Übergabe der von 5617 Holländern mit 145 Geschützen besetzten Citadelle an Belgien mit Gewalt zu bewirken suchten. Ein franz. Heer von 66450 Mann, 14300 Pferden, mit 72 Feld⸗ und 80 Belagerungsgeschützen unter Marschall Geérard erschien zu diesem Zwecke 22. Okt. 1832 vor A. Die Belagerung der Citadelle und der davon abhängenden Forts an beiden Schelde-Ufern leitete General Haxo, General Neigre kommandierte die Artillerie. In der Nacht vom 29. zum 30. Nov. wurden die Laufgräben eröffnet. Eine zweimalige Aufforderung an den General Shas 6, die Citadelle zu übergeben, hatte keinen Erfolg. Auch weigerte 500 dieser, die Stadt als neutral zu behandeln, wenn ie Franzosen von den Werken der Stadtbefestigung, namentlich von Fort Montebello aus, die Citadelle beschießen würden. Die Franzosen beschlossen jedoch, die Citadelle vom Fort ontebello aus anzugreifen. Chassé aber h sich von der Beschießun der Stadt durch die Drohung abhalten, daß Holland später allen Schaden werde ersetzen müssen. Nachdem die Franzosen, unter starkem Feuer aus der Citadelle, 14. Dez. das zertrümmerte Fort St.⸗ Laurent genommen und dann durch Breschebatterien die Citadelle fast zusammengeschossen hatten, kapitulierte Chassé 23. Dez. abends, worauf am 24. die Franzosen die Citadelle besetzten. Am 31. Dez. wurde letztere, die Flandrische Schanze und die Forts Burght, Zwyndrecht und Austroweel den belg. Truppen übergeben; die holländ. Truppen 490 man als Geiseln für die Räumung der Forts Lillo und Liefkenshoek nach Frankreich ab. Der bedeutende Handel, den A. nach dem Sturze des franz. Kaiserreichs mit den holländ. Kolonien betrieb und der von Jahr zu Jahr wuchs, hat sich nach Amsterdam und Rotterdam gewendet. Dennoch war die nülehad von kurzer Dauer, und die neuen Verhältnisse haben den Wohlstand der Stadt bald wieder gehoben. Über das frühere reiche Kunstleben A.s, dessen Denkmäler überall und in Fülle dem Reisenden 6 (Stutt. vgl. Schnaase, Niederländ. Briefer (Stuttg. 1834); über die Geschichte der Stadt, außer den ältern Werken von Poitevin de la Croix und von Mertens und Torfs, Gens, Uistoire de la ville d'Anverso (Antw. 1861); Prevost, Etudes historiqueso (Par. 1869); Perrier, Wescription historique et topographique d'A. (Brüss. 1836); Reitzenstein, «Geschichte der milit. Ereignisse in Belgiend (Berl. 1834).