Anglet, franz., m., jede kleine, rechtwinklig eingeschnittene Fuge, bes. die falzähnlichen Fugenvertiefungen bei manchen Arten der Bossage. unglo-normannische Bauweise, frz. style anglo-normand, engl. norman style, anglo-norman architecture. Für diese Modifikation des normannischen Baustils, welche ca. 1020 bis gegen 1170 in England herrschte, wird, wie für die ihr vorhergehende angelsächsische, von den englischen Kunsthistorikern das Prädikat Stil mit Unrecht beansprucht. Die Hauptanordnung der meisten Kirchen erscheint auch hier als Basilika mit Kreuzschiff und Vierungsthurm, halbrund geschlossenem Chor und Seitenapsiden; auch hier ist dieser Apsidenschluß bei einigen äußerlich sichtbar, bei anderen versteckt; auch hier steht der Altar noch ziemlich weit vorgerückt und an einen durchbrochenen Mauerschirm gelehnt; auch hier finden wir die Thürme bald vor den Westenden der Seitenschiffe, bald zu den Achseln des Kreuzes, durch Gurtsimse in Geschosse getheilt und mit meist massiven polygonen oder runden, von Fialen flankirten Spitzhelmen von nicht sehr bedeutender Höhe bedeckt oder durch einen Zinnenkranz . de. Die Säulen gleichen, wie beim normannischen Baustil überhaupt, zum Theil in Fuß und Kapitäl denen des spätromanischen oder byzantinischen Stils des Kontinents; sie haben dabei aber, abweichend von sonstigen normannischen Säulen, oft einen dem attischen ähnlichen, Fuß, und einen kurzen, runden, gar nicht oder sehr stark, stets aber ohne Entasis, verjüngten Schaft ohne Kanälirungen, wie das in Deutschland vorkommt. Die Kapitäle sind die bekannten, unten abgerundeten Würfel oder auch Glocken mit Thier⸗ oder Pflanzenverschlingungen. Die Lisenen fangen an, mehr aus der Mauer vorzutreten und so allmählich die spätere Strebepfeilerform anzubahnen, haben aber immer noch eine größere Breite als Ausladung. Portale und Fenster verengen sich nach hinten zu stufenförmig; zwischen den Abstufungen stehen Säulchen, die die entsprechenden einzelnen Rundbogen tragen. Auch die Formen und häufigen Wiederholungen der Gurtsimse, die Gewölbeformen, die Kryptenanlagen etc. ähneln sehr denen auf dem Kontinent.⸗ Die provinziellen Abweichungen reduziren sich nun auf Folgendes: den englischen Bauten dieser Zeit geht die scharfe Besonnenheit, Keuschheit und Strenge, die frische Kraft und durchgeführte Gesetzmäßigkeit der kontinentalen Werke des 11. Jahrhunderts ab, sie tragen im Gegentheil ein gewisses Gepräge von Stolz und Ostentation an sich und zeigen hier und da einen Mangel an gehöriger Verarbeitung des Systems u. Spuren von gedankenloser Nachahmung der kontinentalen Formen ohne Bwußtsein über die Entstehungsursachen derselben. Sie erscheinen größtentheils schwerfällig in den Hauptmassen, in den Details reich gegliedert, ohne inneren Zusammenhang dieser Gliederungen mit den Hauptverhältnissen. Die Mittelschiffe der größeren Kirchen sind, wie es scheint, ursprünglich nicht mit überwölbt worden, obgleich die ganze Zusammenstellung des Baues die für eine solche Konstruktion bestimmten Formen zeigt, z. B.die Halbsäulchen, die eigentlich dazu bestimmt sind, die Gewölbegurte zu stützen, und nun dazu dienen, die Bindergespärre des freiliegenden Dachstuhls zu tragen. So war es z. B. der Fall bei der 1070 bis 1075 erbauten, dann 1096 nach Osten zu erweiterten und 1174 nach einem Feuer nochmals restaurirten und dabei verlängerten Kathedrale von Canterbury, s. Fig. 183 und 184. An kleinen Kirchen ohne Kreuzarme und Seitenschiffe findet man den Thurm trotzdem häufig über dem Punkt, wo die Vierung sein würde, wenn Kreuzarme da sein würden, deren späteren Anbau man bei einigen Fällen projektirt u. bei der Konstruktion der Wände berücksichtigt zu haben scheint, die dann an dieser Stelle ausgemauerte Bogen enthalten. Viele ganz kleine Kirchen hatten ursprünglich gar keinen Thurm, sondern bestanden blos aus Schiff und Chor, der auch hier und da rechtwinkelig geschlossen war. Eigenthümlich u. provinziell ist ferner die Erscheinung, daß viele der übrigens ganz den spätromanischen des Kontinents gleichenden Portale nicht völlig hinter die Mauerflucht zurückgehen, sondern mit ihren vordersten Gliedern und zwei glatten Pfeilern an den Seiten vorspringen u. so, samt ihrer oben wägerecht abgeschlossenen Uebermauerung, ein Risalit bilden. Der schon in der Mitte des 11. Jahrhunderts vorkommende Ueberschlagsims ist direkt normannisch, ebenso die hier und da vorkommende Ausfüllung des Tympanons mit Netzwerk, Schuppen und dem sogen. Kamm-Muschelwerk (s. d.) V und die über einigen Portalen vorkommende halbrunde Nische mit Büste, sowie das Einsetzen eines Stichbogenportals in ein halbkreisförmig geschlossenes, wodurch ein sehr häßliches Tympanon entsteht. Thürangeln und sonstige Beschläge scheinen häufig mitsschneckenförmigemRankenwerk und Kreuzen verziert gewesen zu sein, natürlich ist aber davon nur wenig erhalten. Einige Portale haben, eigenthümlich genug, Arkaden in den dann sehr tiefen Laibungen, auch Sitze daselbst, und scheint dies der erste!! Schritt zu den Porches, Portalvorhallen, zu sein, die von circa 1160 an schon vorkommen, obgleich noch sehrunaus-Die Fenster sind im allgemeinen hoch und schmal, von außen herein sich wenigzusammenziehend, nach innen aber ) sich bedeutend ausweitend, wohl um wenig Kälte und doch n viel Licht einzulassen, da man die Verglasung noch nicht allgemein anwenden konnte. Allgemein normännisch, nicht t provinziell, ist die Ueberlegung eines gemeinsamen Bo-⸗l gens über je zwei gekuppelte Fenster, ohne das Zwickelfeld, I was dadurch entsteht, zu durchbrechen, sowie die Bogen⸗(l stellungen mit durch einander gesteckten Rundbögen (Kreu-⸗fl zungsbogenfriese). Auch Radfenster kommen in ganz der-l selben Art und eben da angebracht vor, wie auf dem Kon-i tinent. Provinziell hingegen ist die Durchbrechung der Chorwand, wenn diese rechtwinklig geschlossen ist, durch drei schlanke, halbkreisförmig geschlossene Fenster, die, von außen als getrennte Fenster wirkend, im Innern durch ihre Ausweitung sich so nahe rücken, daß sie den Eindruck eines Fensters machen; meist ist dann das mittlere etwas breiter und bedeutend höher als die beiden anderen. Das Mauerwerk war sehr stark und bestand blos außen aus behauenen, beinahe würfelförmigen Steinen in ungleich hohen Schichten, mit unregelmäßigem Ausfüllsel und sehr weiten Fugen von grobem Mörtel, daher selbst die Mauern aus behauenen Steinen geputzt wurden. Die Streben haben nur in seltenen Fällen eine Verzierung, und zwar dann durch einen schlanken Schaft an den Ecken, s. Fig. 185 a von 1160, bvon 1200; der Gurtsims kröpft sich um sie herum; den Hauptsims erreichen sie nur selten, übersteigen ihn niemals; dies kommt vielmehr nur an den hier u. da vorhandenen runden Eckverstärkungen eckiger Thürme vor, die dann in Fialen endigen; Fig. 186, zeigt eine; ——5 solche von ca. 1180. Als? Fi Gurtsimsprofil kamen manchmal die in Fig. 187 a, b, c dargestellten Formen, am häufigsten aber ein halbes Sechseck, Fig. 187 e, vor, manchmal auf seiner vorderen lothrechten Fläche noch mit einem Rundstäbchen besetzt, s. Fig. 187 d, oder die unten abgefaste Platte, Fig. 187 f; als Besetzungen derselben kommen Einkerbungen aller Art vor, zum großen Theil gleich denen an Bauten des Kontinents; doch scheint die vielfache Gestaltung dieser Besetzung fast das einzige Feld gewesen zu sein, auf welchem sich die Phantasie der ging; die große Anzahl der Varietäten dersels otu — 30 7. ben giebt dafür Zeug— Fig. 183. Kathedrale zu Canterbury, nis. Man sehe die Art. Grundriß. Zickzack, Sägezahn, Billet, Nagelkopf, eingezahnt, scolloped, embattled, dovetail, lozenge, frett, studdedtrells, reticulated, chain, beakhead, birdshead, catshead, firapple, Doppelkegel, Schiffstau, gewundener Stab, astreated, twisted panel, open heéart ete. Die Gurtsimse liegen oft in der Kämpferhöhe der Fenster u. gehen äußerlich um die Bogen herum, ein Motiv, welches zwar nicht blos in England vorkommt, sich aber dort ganz vorzüglich einheimisch gemacht und durch das ganze Mittelalter hindurch erhalten hat: die Hauptsimse enden fast immer in Zinnen oder Brüstungen und ruhen auf Bogenfriesen, welche sich ebenfalls zum Theil allgemeinen normannischen Formen anschließen, zum Theil auch provinzielle Ge- sich d staltungen annehmen; s. Art. arched, Bogenfries, cor-behal beltable und Zinne. Die Thürme sind massig und nie-oder! driger als auf dem Kontinent, selten beträgt die Höhe mehr oder als das Dreifache der Breite; selbst in der letzten Zeit er⸗ Seite heben sie sich höchstens um das Mäß ihrer Breite über das auch Kirchdach; sie haben unten blos kleine Schlitzfenster und lichen oben an der Glockenstube Doppelfenster, bei reicher Ge-schen staltung Blendarkaden, in deren Zwickeln Pateren liegen, schen wenn sie nicht die allgemein normannischen, verschlunge⸗((Beis nen Halbkreise tragen. Rundthürme sind selten; sie sind figster zuweilen durch verzierte Gesimse in Stockwerke getheilt provi und dann werden die Gesimse nach oben zu stärker. Ihre siehei Spitzen bestehen aus einem cylinderförmigen Untersatz wie a Fig. 184. Kathedrale zu Canterbury. Südöstlicher Kreuzarm. (Tambour) mit konischem od. polygon-pyramidalem Helm; s. auch d. Art. irische Bauten. Im Innern weicht die Bauweise vielfach vom allgemeinen Typus ab. Die Wölbungen bekommen von 1100 an Rippen, s. Fig. 188 d, e, f, gy u. in den vor 1240 nur höchst selten überwölbten Hauptschiffen ist der freiliegende Dachstuhl durch Dienste, auf die sich die Trummhölzer und Winkelbänder für die Binder stellen, in den Organismus hereingezogen. Der Lichtgaden (claréstory) des Mittelschiffs spielt eine sehr hervorragende Rolle, indem er in jedem Joch mindestens ein mäßig großes oder drei zu einem vereinigte Fenster (s. oben) hat; in ein auch die Triforien sind mächtiger und weiter durchgebil- mentedet als in Sizilien etc. Die Träger erscheinen nicht als platter eigentliche Säulen, sondern als starke Pfeiler; doch zeigt romanr das Bestreben, die Form der Säulenbasiliken beizulten, auch hier; die Pseiler sind nämlich ofteylindrisch polygon, doch auch quadratisch, mit Stäben, Kehlen Abfasungen an den Ecken und Halbsäulen an den en; doch kommen hier die gewöhn- und normanni-Formen vor spiele der amhäuinziellen Formen in Fig. 189), sonich der Stützenwechsel zwischen Pfeilern und = Säulen. Den großen runden Pfeilern konnte man nicht gut ein ganzes byzantinisches dem Pfeiler zu Ang o-normannische treben. viel von seiner Höhe genommen u. ein zu plumpes Ansehen gegeben haben würde; man nahm daher seine Zuflucht zu Verschlingungen, wie Fig. 189 a, oder zu Anreihungen von oft 7—9 Vorderansichten kleiner Würfelkapitäle, die auf einem gemeinschaftlichen Halsgliede aufsitzen; so entstand das Faltenkapitäl, Fig. 189 b, c, d, ein mannisches, aber nicht gerade schönes Motiv. Bei den mit Pflanzenver⸗ Fig. 188. schlingungen etc. besetzten. Anglonorm. Rippen. Kapitälen zeigt sich der Hauptmangel dieser Bauweise am auffälligsten; die Räume sind nicht gleich-Fig. 189. Anglo⸗-normannische Pfeiler. g ausgefüllt, die einzelnen Ranken nicht so genial iander verschränkt, als an den kontinentalen Monuein derselben Zeit. Fig. 190 zeigt einige Kapitäldeckn-Profile. Ebenso wie in dem kontinentalen spätnischen Stil geht in dieser Bauweise der Rundbogen allmählich in den Spitzbogen über, bes. von 1160 an, bis um 1230 die Spitzbogen völlig gesiegt hatten. Auch für diese Übergangsphase beanspruchen die englischen Archäologen das Prädikat Stil, und zwar unter den Namen semi-norman, mixedmorman oder transition; s.d. Art. englisch-gothisch. Die Zickzackverzierung nimmt immer mehr überhand, überzieht sogar die Säulenschäfte u. Pfeiler u. wird oft auf ganz unorganische Weise angebracht; neben einander stehende Säulen sind von einem Band mit Nagelköpfen umzogen, kurz das ganze Ornamentwerk trägt das Gepräge des Überganges aus einer auf unverstandener Nachahmung beruhenden Bauweise in einen sich aus verschiedenen zusammengetragenen fremden Elementen eben erst entwickelnden Stil. Außer den Portalen sind namentlich auch die Triumphbogen mit Zierwerk überladen. Zu den provinziellen Eigenthümlichkeiten gehört dabei, daß die späteren Werke dieser Bauweise, selbst die, woran sich schon viele Spitzbogen zeigen, statt, wie auf dem Kontinent, sich allmählich schlanker und leichter zu heben, durch Vermehrung der horizontalen Gurte immer schwerer —.— — eisenbogen, gestelzte Bogen und —5 ö vor, scheinen aber diese Formen! e überhaupt die Technik Englands, — 2 — bes. in Bezug auf die Wölbung, da— — mals noch weit hinter der des Kon— Fig. 190. Anglo-norm. Kapitäl-Deckplatten. leichternde Spitzbogen in England rasch Aufnahme finden. Die Rippen wurden zugleich reicher profilirt, s. Fig. 188 a, b, C. Von Holzdecken dieser Übergangsperiode ist sehr wenig erhalten, sie sind meist als Hängewerk mit Schwertern ohne Balken behandelt, in den Sparrenfeldern vertäfelt und bemalt, wie die norm. auf Sizilien, nur etwas roher. Die Grabmonumente, resp. Sargdeckel, bestehen aus flachliegenden oder dachförmigen Platten mit Kreuz und Inschrift; die Kanzeln sind entweder an der Außenseite der Kirche od. innen an einer Wand auf steilen Konsolen angebracht und haben keinen Schalldeckel. Über die Profanbaukunst dieser Periode s.d. Art. Haus; hier sei nur bemerkt, daß Kamine seit 1130, Feueressen aber erst später vorkommen. Die Fußböden bestanden meist aus braunen blauen u. gelben Ziegelplatten, in welche vor dem Brennen die Muster eingeprägt und mit weißem Thon ausgelegt wurden. Statuen und andere selbständige plastische Kunstwerke scheinen gar nicht beliebt gewesen zu sein, vielmehr tritt die Plastik fast überall nur als Dienerin der Ornamentik auf.