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BaukunstBau-Lexikon 1881

Anordnung, f., frz. disposition, k., agencement, m., engl. disposition. Gute A. ist wesentliches Bedingnis für die Vollkommenheit eines Bauwerkes, bes. für die Wirkung, die dasselbe macht; Vitruv schon sagt: Anordnung ist die angemessene Beschaffenheit der Theile eines Gebäudes, in Rücksicht sowohl auf ihre besondere Bestimmung als auf das allgemeine Verhältnis. Bei der Anordnung muß man daher sowol die Bestimmung des ganzen Gebäudes und der verlangten, in ihm enthaltenen einzelnen Räumlichkeiten, als auch die Lage desselben berücksichtigen. Daraus wird der Baumeister abnehmen, in wie viel Haupttheile und Geschosse dasselbe zerfallen muß, wie dieselben unter sich gruppirt sein müssen, wie er die Nebenräume am zweckmäßigsten u. angenehmsten mit denselben verbindet, wo er die Zugänge, Korridors u. Treppen am besten hinlegt re., und wenn ihm dies Alles einmal klar geworden und in seinem Kopf geordnet ist, so wird er es auch geordnet auf das Papier bringen und so ausführen können, daß Jeder die Anordnung klar, leicht übersichtlich und zweckmäßig findet. Aber nicht blos die Eintheilung und der daraus hervorgehende Grundriß sind bei der A. zu berücksichtigen, sondern auch das Bedürfnis der einzelnen Räume an Licht und Luft; daraus gehen die Mäße für Geschoßhöhen, Thüren und Fenster hervor. Auch die Fagçaden sollen nicht nur an sich im ganzen und einzelnen schön sein, sondern sie müssen in ihrer Anordnung und dem Charakter, den sie an sich tragen, mit dem Grundriß harmoniren, organisch aus ihm entwickelt sein, u. so mit ihm zusammen ein künstlerisches Ganzes bilden, welches bei vollkommen zweckmäßiger Anlage jeden Beschauer anmuthet und also vollkommen schön ist. Es darf weder der Symmetrie der Façade die Annehmlichkeit des Innern oder die Bequemlichkeit für die Bewohner geopfert sein, noch darf die Fagade wegen einer, vielleicht nur scheinbaren, oft auch auf manche andere Weise nochzu erreichenden Bequemlichkeit im Innern ganz vernachlässigt werden. Es sind für die A. der Entwürfe, ebenso wie für alle anderen Theile der Asthetik der Baukunst (s. d. Art.), manchfache Regeln aufgestellt worden; man hat z. B. gesagt: Zu kleinen Gebäuden schiene sich die Figur des Würfels am besten zu eignen; die Länge des Gebäudes dürfe die Tiefe desselben nicht mehr als zweimal enthalten etc. Auch der goldene Schnitt (s. d.) ist zur Anwendung empfohlen worden. Alle solche Vorschriften können höchstens vor Karikaturen schützen, der wirkliche Künstler wird sie bald beiseite werfen, denn er wird sich überzeugen, daß die Schönheit sich nicht in so enge Grenzen bannen läßt. Wo Bauplatz und äußere Frontlinie vorgeschrieben sind, z. B. in den Straßen einer enggebauten Stadt, oder sonst auf beschränktem Areal, muß er sich freilich nach dessen Gestalt richten; bei freistehenden Gebäuden, auf unbeengtem Terrain aber kann er sich freier bewegen. Zu vermeiden sind jedoch: allzu große Nüchternheit, welche durch sehr lange, ununterbrochene Fronten leicht herbeigeführt wird; zu gleichmäßige Behandlung der Außenseiten an Haupträumen und Nebenräumen; zu große Eintönigkeit in der Verzierung; eben so sehr Gesuchtheit in der Gruppirung, Zerstückelung der Massen durch unnöthig viele Vor⸗ und Rücksprünge; Kokettiren mit blos äußerlich angeklebten Dekorationsgegenständen, die keine Motivirung im Innern haben, z. B. ein Balkon vor einer Küche, eine Säulenhalle vor einer Niederlage etc., kurz: alles Unlogische, alles Ermüdende u. Langweilige u. ebenso alle Koketterie muß sorgsältig vermieden werden. Das Aeußere soll ein logisch richtig entwickelter Ausdruck des Innern sein und mit seiner Umgebung im Einklang stehen. Wenn der Architekt sich der ihm gewordenen Aufgabe recht klar ist, dann mit genauer Berücksichtigung Alles theils speziell durch die Aufgabe, theils durch die Lokalität an sich und die Technik Geforderten u. Gebotenen die innere Eintheilung ganz zweckmäßig gestaltet, das Außere als Aussprache des Innern entwirft und mit den Umgebungen in Einklang setzt, so wird niemand dem Bauwerk eine gute A. absprechen können, und die Dekorirung des Außern wird leicht werden, auch in vielen Fällen gar nicht nöthig sein, denn ein gut angeordnetes Gebäude wird auch ohne alle Verzierung schon durch seine Verhältnisse angenehm auf den Beschauer wirken, während ein schlecht angeordnetes selbst durch die geschmackvollsten Details u. die korrekteste Ausführung immer nur zu einem leidlichen Machwerk gemacht werden kann. — Überzweckmäßige A.en des Innern von verschiedenen Gebäudearten sowie über die durch einzelne Stile für das Außere gegebenen bindenden Regeln s. die betr. einzelnen Art. Ms. nnorganisch od. unorganisch, adj., 1. nicht organisch aus dem Ganzen hervorgegangen, nicht logisch herausgebildet; alle anorganischen Verzierungen etc. sind zu vermeiden; s. d. Art. Organismus. — 2. (Chem.) anorganisch oder unorganisch heißen solche Körper, welche nicht den Zellenbau der Pflanzen- und Thierkörper zeigen, sondern in ihrer Masse bis in die kleinsten Theilchen durchaus gleichartig zusammengesetzt sind und bei deren Bildung nicht die noch unerklärte Kraft des Lebensprozesses, sondern nur mechanische Kräfte, Schwere, Kohäsion und Adhäsion od. Chemismus thätig waren. Die unorganischen Körper gehören sämtlich dem Mineralreich an. WI. nnnormal, adj., abnorm, unregelmäßig, regelwidrig; zwischen dem wirklichen, wahren Begriff der Unregelmäßigkeit und der durch pedantische Tabellenästhetiker diesem Wort Steienteten Bedeutung ist ein gewaltiger Unterschied. Diese verstehen unter Unregelmäßigkeit in der Anordnung jede Abweichung von der strengen Symmetrie, in den Details jede Abweichung von den von ihnen aufgestellten Tabellen über die Verhältnisse und Größen der einzelnen Details, Glieder etc. der verschiedenen Stile, die in der Regel nach nur wenigen Beispielen von Erzeugnissen der betr. Stile entworfen sind, ohne Kenntnis vom innern Organismus dieser Stile, und daher zwar vor Karikaturen bewahren, aber doch nicht als direkt mäßgebend anzusehen sind. Der eigentliche Begriff der Unregelmäßigkeit aber ist ungefährfolgender: Unregelmäßig ist Das, was aus einer Abweichung von den Regeln der Zweckmäßigkeit, Festigkeit etc. hervorgegangen ist, od. was gegen die vom guten Geschmack gegebenen Regeln für die Schönheit verstößt. Dies ist allerdings sehr allgemein, aber für Denjenigen, der volle Kenntnis der Technik mit gesundem Gefühl für Schönheit u.klarer, vorurtheilsfreier Anschauungsweise vereint, völlig genügend. s.)

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 1, S. 116Scan: Getty Research Institute (Internet Archive) · gemeinfrei

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