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ReligionBrockhaus 1882

Ascese (Askese) und Asceten stammt vom griech. donnoie, das die Einübung einer Sache bezeichnet und besonders von der Lebensart und den übungen der Wettkämpfer oder Athleten gebraucht wurde, welche nicht nur ihren Körper abhärten, sondern sich auch starker Getränke und aller erschlaffenden Genüsse enthalten mußten. In den ieß A. der Philosophen, besonders der Stoiker, i0 Ascese die Einübung dessen, was zur Beherrchung der Begierden und Leidenschaften gehört. In beiderlei Sinne ging das Wort über in den Sprach ebrauch der ersten Christen, wozu schon die auliunchen Briefe Anlaß gaben, indem sie die Thristen mit Wettlämpfern vergleichen, welche mit Satan, der Welt und ihrem eigenen Fleische zu kämpfen haben. Die Ursprünge der christl. Ascese liegen in der dualistischen Weltanschauung des Zeitalters, welches Gott und Materie, Geistiges und Sinnliches als unverträgliche Gegensätze betrachtete und daher die 7 te Abtötung des Leibes für das sicherste Mittel hielt, den Geist von den Banden der Materie zu befreien. Die eigentliche Heimat der Ascese ist der alte Orient, und ihre abenteuerlichsten Formen finden sich außerhalb des Christentums, bei Indern, Phr gern, Babyloniern und Syrern. Die entsehlichsten Selbstquälereien und Selbstverstümmelungen gehen namentlich in den syr. und phryg. Kulten Hand in Hand mit bacchantischem Taumel und üppiger Sinnenlust. Dagegen sind die Ungeheuerlichkeiten des ind. Büßertums aus jener Weltverachtung hervorgegangen, welche in der ganzen Sinnenwelt nur eine Welt des Scheines sah und im Buddhismus schließlich die Auflösung alles individuellen Daseins in das Nirwana, d. h. in das Nichts, als die einzig wahre Erlösung von allem Elende des Lebens betrachtete. Mildere Formen nahm die Ascese bei den Persern und Agyptern an. Bei den letztern beschränkt sie sich auf strenge Reinlichkeit und Enthaltung von gewissen, als verunreinifeise geachteten Genüssen (z. B. von Schweineeisch) und auf stete Vergegenwärtigung des bevorstehenden Todes. Die jüd. Reinigungsvorschriften und S eiseverbote, desgleichen die Beschneidung, die gesetzlichen asten u. a. m. sind wahrscheinlich von den Agyptern herübergenommen, werden aber bei den alten Hebraern dem religiösen Gedanken dienstbar gemacht, daß Israel als das Eigentumsvolk Gottes sich von allem Unreinen, welches das Bundesver-Baond mit Gott stören kann, fernhalten müß. Besonders strenge Enthaltsamkeit von allem, was für verunreinigend galt „war namentlich den Leviten und Priestern für die Zeit, in der sie Tempeldienst hatten, auferlegt. Daneben erschienen freiwillige Gelübde, sich gewisser gesetzlich erlaubter Genüsse zu enthalten, als Zeichen besonderer Frömmigkeit (3. B. bei den Rechabitern und Nasiräern), und ebenso galt strenges Fasten und Enthaltung von berauschenden Getränken bei Propheten und Gotteshelden als notwendige Vorbereitung zum Wertert besonderer göttlicher Offenbarungen. Aber erst im spätern Judentume machten unter fremden Einflüssen teilweise auch dualistische Anschauungen von der Unreinheit der Materie sich eltend, so namentlich bei den ägypt. Therapeuten d.) und wie es scheint auch bei den Essäern Paästinas. Um die Zeit von Christi Geburt finden sich ᷣ Anschauungen auch in der griech.Welt, besonders da, wo Griechen und Orientalen in nähere Berührung traten, verbreitet. Der Neupythagoräismus und der spätere Neuplatonismus sind die bezeichnendsten Erscheinungen dieser auf den schroffen Gegensatz von Geist und Materie ge-Pie Cuth, Ethik, deren Forderungen namentlich ie Enthaltung von Fleischgenuß und vom geschlechtlichen Umgange, als Hauptbedingung der Vereinigung mit Gott, sind. Das Christentum hat diese Lebensanschauung als eine weitverbreitete Zeitrichtung bereits vorgefunden. In dem Cvangelium Jesu findet sich allerdings davon nichts. Aber die Erwartung des baldigen Anbruchs der messianischen Zeit lenkte von Anbeginn an den Blick der Gläubigen von der Gegenwart auf die Zukunft hinweg, und die Vorstellung von der gegenwärtigen Weltperiode, als einer vom Satan beherrschten, führte notwendig zu jener Weltflucht, welche zumal inmitten einer ungläubigen Welt und unter dem harten Drucke der Verfolgungszeiten, die Signatur der ältesten Christengemeinde geworden ist. Auch der aus dem 3 und Gei herübergenommene Gegensatz von leisch und Geist oder der irdisch-materiellen, der ergänglichkeit geweihten Leibessubstanz und dem überirdischen und übersinnlichen, allein eine unvergängliche Dauer verbürgenden Lebensprinzip, das den Gläubigen von oben her mitgeteilt sei, mußte einer dualistischen Ascese die Wege bereiten, die denn auch bald, besonders unter essäischen und heidnisch-orient. Einflüssen, in der ältesten Kirche Eingang fand. Dennoch hat diese dualistische Lebensanschauung nur die von der Kirche frühzeitig abgetrennten Kreise der Gnostiker b d.) und au diese nur teilweise, beherrscht, während schon das kath. Christentum des 2. Jahrh. durch die Unterscheidung einer höhern und einer niedern Sittlichkeit mit der Welt ein Abkommen traf und die ascetische Zeitrichtung in eine geordnete Bahn lenkte. Die Scheu vor dem heidnischen Staate und der heidnischen Gesellschaft, die Fernhaltung von Staats⸗ und Kriegsdiensten, von öffentlichen Lustbarkeiten, Kampfspielen und Schauspielen, welche den Christen der drei ersten Jahrhunderte gemein ist, erklärt sich zur Genüge aus der allgemeinen Lage der Christengemeinden inmitten einer heidnischen Welt, in welcher die Befleckung mit Götzenreueln ohne Weltflucht fast unvermeidlich war, aber ihren Grund keineswegs in einer eigentich ascetischen Weltanschauung. Wirkliche Ascetik tritt 6483Nen in der namentlich bei den Montanisten (s. d.) gesteigerten Fastenstrenge und in noch höherm Grade in der früh verbreiteten Ansicht von der besondern Verdienstlichkeit des ehelosen Lebens ervor. Dennoch galt namentlich die ewige Jungäulichkeit als eine freiwillige Enthaltsamkeit besonders Begnadigter, keineswegs als Vorschrift für alle. Während die zweite Ehe in montanistischen Kreisen us den W. von der herrschenden Meinun wenigstens den Geistlichen alrge Che wurde, blie in der kath. Kirche die einmalige Ehe den Priestern jahrhundertelang allgemein gestattet „und das später im Abendlande eingeführte Cölibat (s. d.) erwuchs erst aus einer allmählich gesteigerten hierarchischen Vorstellung von der höhern Heiligkeit des geistlichen Standes. Dagegen gehen die Anfänge des Anachoretentums und Mönchswesens schon bis ins Ende des 3. Jahrh. zurück, und die seit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion zunehmende Verweltlichung der Kirche trieb bald Unzählige in die Einöden oder hinter Klostermauern, um hier ein ascetisches Leben zu führen. Die Kirche kam einer weitverbreiteten Zeitrichtung entgegen, indem sie unbeschadet ihrer immer glänzender sich entwickelnden Machtstellung in der Welt, die klösterliche Weltflucht zu einer geordneten, in feste Schranken eingeschlossenen Institution erhob und mit dem Ruhme höherer Heiligkeit auszeichnete. Die Folge war früh schon eine Veräußerlichung der mönchischen Ascese, gegen deren vermeintliche Verdienstlichkeit einzelne erleuchtete Geister, wie Vigilantius und Jovinianus, vergeblich ankämpfen. Im Mittelalter wiederholte sich innerhalb der abendländ. Christenheit noch einmal der schrosse Gegensatz selbstquälerischer Ascese und roher, ungebändigter Sinnlichkeit. Das Klosterleben erreichte damals den Höhepunkt seiner Entwickelung; gleichzeitig kamen als Übungen kirchlicher Zucht allerlei Kasteiungen des Leibes auch in bürgerlichen Kreisen auf und wurden von der Kirche als ein Mittel, ihre Herrschaft zu befestigen, aberd empfohlen. Je mehr aber die Meinung überhandnahm, daß solch äußere Ascese als solche Gott wohlgefällig sei, desto der Si zeigte sich einer derartigen Ppdtion Dald er Sittlichkeit gegenüber die Opposition, bald im Namen einer wirklichen, aber ernst gemeinten ascetischen Lebensansicht, wie schon seit dem 11. Jahrh. bei den Katharern, Waldensern u. a., bald im Namen einer innerlichern und geläutertern Frömmigkeit, wie bei den Vorläufern der Reformation, bald endlich im Namen einer aufgeklärten Weltbildung, wie bei den ital. und deutschen Humanisten seit dem 14. und 15. Jahrh. Der Protestantismus hat die höhere Verdienstlichkeit all dieser ascetischen Übungen bestritten. Indem er in ihnen eine Verdunkelung, ja Verleugnung des Grundartikels im Cvangelium, der Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein aus der Gnade durch den Glauben erblickte, clich 8 er dem Mönchtume und allen äußern kirchlich gebotenen Werken innerhalb seines Bereichs mit Einem Schlage ein Ende. Dennoch sind auch den prot. Kirchengemeinschaften ascetische Anschauungen nicht völlig fremd geblieben. Im Gegensatze zu der luth. Orthodoxie, welche das ramentlic oe auf die areine Lehre v legte, forderte namentlich der Pietismus wieder aein heiliges Lebeno und verstand diese Heiligkeit im Sinne wieder einer weltflüchtigen Moral, welche auf 1—— lei äußere Entsagungen, wie von Tanz, Spiel, Kritise sichte der Asceser (Frankf. 1863).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 38Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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