FeedAuferstehung
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Auferstehung (der Toten, des Leibes oder des Fleisches) bezeichnet die Wiederbelebung des toten Menschenleibes und (nach der Vorstellung von Leib und Seele als zwei verschiedener Substanzen) die Wiedervereinigung der unsterblichen Seele mit ihm. Im heidnischen Altertume tritt der Auferstehungsglaube nur sehr vereinzelt auf. Die griech. Volksreligion wußte nur von einem freudlosen, traumartigen Aufenthalte der abgeschiedenen Seelen im Schattenreiche, aus welchem nur Halbgötter und Heroen in die Oberwelt zurückkehrten. Doch war nach der Volksvorstellung das Schicksal der Toten von ihrem Leben auf Erden bedingt, und mit dem Glauben an ein unterirdisches Totengericht verknüpfte sich die Erwartung, daß die Bösen im Tartaros ewige Qualen erdulden würden, während den auserwählten Lieblingen der Götter in den elysäischen Gefilden ein immerwährendes seliges Dasein bevorstehe. Die Hoffnung auf Unsterblichkeit der Seele wurde von Philosophen wie Plato auf * Übersinnlichkeit und Einfachheit gegründet, in den sog. Mysterien symbolisch dargestellt. Bei den Agyptern und Indern findet sich der Glaube an eine Seelenwanderung, eine ausgebildete Auferstehungslehre dagegen nur im Parsismus, nach welchem bei der Erscheinung des Sosiosch alle Gestorbenen durch Ormuzds Macht wieder auferstehen. Die zerstreuten Körperteile werden zurückgegeben von den Elementen, die Gebeine von der Erde, das Blut vom Wasser, das Haar von der Pflanze, das Leben vom Feuer. Das Weltgericht und die Weltreinigung wird unmittelbar folgen. Dem ältesten Judentume ist der Glaube an die A. der Toten noch fremd. In den vor dem Exile geschriebenen Schriften des Alten Testaments herrscht vielmehr die dem griech. Volksglauben nahe verwandte Vorstellung vom Scheol, dem freudlosen Totenreiche, aus welchem keiner zurückkehrt. Eine Anzahl Psalmstellen, die man für die gegenteilige Meinung angeführt hat (Ps. 16, 10; 17, 15; 49, 16 68, 21; 73, 24), sind ebenso wenig wie Hiob 19, 25—27 auf die Totenauferstehun zu beziehen. Die Belebung der Totengebeine findet sich zuerst nach dem Untergange des jüd. Staats als ein Sinnbild der Neubelebung des messianischen Volks. So namentlich bei Ezechiel Kap. 37; vgl. Jes. 25, 8; 26, 10. Es ist möglich, daß hieraus allmählich sich die Vorstellung entwickelte, daß auch die abgeschiedenen Frommen ins Leben zurückkehren sollten, um Anteil zu nehmen an der neuen Herrlichkeit ihres Volks; doch scheint es, als ob die uch m Tuden lehre zuerst unter pers. Einflüssen auch im udentume festere Wurzeln gefaßt hat Jedenfalls ist im Buche Daniel (12, 2. 13) die Hoffnung auf Wiederbelebung der Frommen und der Gottlosen in der messianischen Zeit ausgesprochen; doch scheint e auch in der Folgezeit nicht zur Auch Stelen oltsvorstellung geworden zu sein. Auch Stellen wie Matth. 14, 2; 16, 14 beweisen nur den Glauben des Volks an die Möglichkeit einer wunderbaren 98 ausnahmsweisen) Wiederbelebung einzelner. as zweite Buch der Makkabäer, in welchem der Auferstehungsglaube sehr entschieden auftritt (Kap. 7) Koton der hasidäischen Partei an, deren spätere bkömmlinge, die Pharisäer, diesen Glauben zur Lehre ausbildeten, ere h die Sadducäer auch in diesem Stücke die ältere Volksmeinung, wel e diese Hoffnung nicht kannte, gegen die pharisäischen Neuerungen aufrecht erhielten. Zum allgemeinen Volksglauben ist die Hoffnung Jq A. der Leiber erst im Christentume geworden. Jesus selbst verkundigte mit der Lehre vom Himmelreiche nicht nur ein ewiges Leben aller zur Teilnahme an diesem Reiche Berufenen, sondern wenigstens nach der Darstellung unserer Evangelien ausdrücklich auch eine A. der Toten, in Verbindung mit seiner eigenen herrlichen Wiederkunft, und ein großes Weltgericht über die Heiden, bei welchem die Guten zur Seligkeit des messianischen Reichs eingehen würden, während den Bösen das ewige Feuer bevorstehe. Die symbolischen Bilder seiner erkündigungen wurden von den ältesten Christen buchstäblich verstanden und zum Teil noch mannigfach ausgemalt. dir die älteste Christengemeinde blieb die A. Jesu die göttliche Legitimation seiner Messiaswürde und die sicherste Bürgschaft der dereinstigen Auferweckung aller entschlafenen Gläubigen von den Toten. Als Zeitpunkt der A. der Gläubigen galt die Wiederkunft Christi zur Begründung seines Reichs auf Erden, welche Paulus (1 Kor. 15, 25 fg.) und namentlich die Offenbarung des Johannes noch von der sog. zweiten A. beim Endgericht, die sich auf alle Menschen erstrecken soll, unterscheidet. 2 5 scheint Paulus anderwärts wieder nur eine A. der Gläubigen zu lehren, wenigstens ist dies die Konsequenz seiner Annahme, daß die Gläubigen in Kraft des ihnen schon verliehenen göttlichen Geistes (des Pneuma) geistige (pneumatische) Leiber erhalten sollen, während „Fleisch und Blutv das Reich Gottes nicht erben können. Er stellt sich daher den Auferstehungsleib als einen himmlischen Lichtleib vor, welcher bei den Überlebenden auf dem Wege einer wunderbaren Verwandlung des irdischen Fleischesleibes herame bei den bereits Verstorbenen aber aus dem eime des ins Grab gelegten Leibes gebildet werden soll (1 Kor. 15, 35 fg.; 2 Kor. 5, 1 ir Übrigens glaubten die ältesten Christen die Wiederkunft Christi in solcher Nähe, daß sie dieselbe noch selbst erleben hofften. Die A. der Toten wird im euen Testament nirgends auf »Vernunftgründe betabt; sondern einfach als eine Folge des Glauens an Christum und der dadurch begründeten unauflöslichen Lebensgemeinschaft mit ihm, dem Fürsten des Lebens, betrachtet. Schon in der Apostelzeit stieß diese Lehre in griechisch gebildeten Kreisen auf Angenl. mwelt daher ließen es sich nach den Andeutungen, we ch schon Paulus Danch e die ähe don Bew angelegen sein, dieselbe durch eine Reihe von Beweisen zu stützen. Nächst der A. Jesu selbst werden die von ihm und den Aposteln vollbrachten Totenerweckungen wie auch entsprechende Vorgänge im Leben der Natur, die notwendige Zusammengehörigkeit des Leibes mit der Seele, endlich die Gerechtigkeit, Güte und Allmacht Gottes als Beweismittel benutzt. In der Folgezeit lassen sich eine I und eine realistische Ansicht unterscheiden. ährend die Gnostiker die Körperauferstehung vermöge ihrer Geringschätzung alles Materiellen leugnen mußten und nur eine Unsterblichkeit der apneumatischen v Seelen lehrten, vertraten die meisten Kirchenlehrer des Altertums die mehr oder minder sinnlich ausgestattete Vorstellung, daß der Auferstehungsleib derselbe sein werde wie der ins Grab gesenkte. Dagegen neigte 0 die Alexandrinische Schule zu einer geistigern Auffassung, und namentlich Origenes lehrte im Anschlusse an Paulus sowohl wie an Ideen der Platonischen Schule, daß in der A. der nach dem Sündenfalle mit dem gröbern materiellen überkleidete ale eren Leib, von seiner verweslichen Hülle befreit, zur vollkommenen Entfisher komme. Indeffen wurde diese «Origenitisches Ansicht im 6. Jahrh. als ketzerisch verdammt, und trotz des durchs ganze Mittelalter sich Cehen und vanth Widerspruchs spiritualisierender Sekten und pantheistischer Mystiker hielt die Kirche zäh an der Vorstellung fest, daß die verwesten Gliedmaßen am Auferstehungstage bis auf Haut, Haare und Nägel sich wieder zusammenfinden würden. Erst in neuerer Zeit ist der auch von der Reforlch augesoch e von der theol. Wissenschaft ernstlich angefochten worden. Der Rationalismus, welcher, vermöge des ihm eigenen Dualismus zwi⸗ . n. und Leib, die Unsterblichkeit der Seeler 910 doch die leibliche A. verworfen und bald für loße Accommodation an jüd. Vorstellungen, bald für eine symbolische Darstellung der Unsterblichkeit erklärt. Indessen wurde der ältere dualistische Standpunkt, welchem die Seele als eine vom Körper spezifisch verschiedene Substanz galt, deren Einfachheit ihre Unzerstörbärkeit in sich schließe, von der neuern philos. Spekulation immer stärker bedroht und bald auch von der Naturforschung immer entschiedener für unhaltbar erklärt. Daher hat die neuere spekulative Philosophie (Schleiermacher und die konsequenten Anhänger der Hegelschen Schule) mit der A. der Leiber zugleich auch die persönliche Fortdauer der Individuen überhaupt auben an ei und Strauß bezeichnete sogar den Glauben an ein Jenseits als den letzten Auddden die Wissenschaft zu überwinden habe. Andererseits hat es auch in neuerer und neuester Zeit nicht an Versuchen 14 fert die individuelle Fortdauer zwar nicht als fertigen und angeborenen Besitz, sondern als ein durch sittliche Entwickelung der Personlichkeit anzueignendes Gut zu betrachten, daher man im Anschlusse an die Andeutungen des Paulus und die Origenistische Lehre, von einer pneumatischen Leiblichkeit sprach, welche, allmählich durch die fortschreitende Ausbildung des geistigen Lebens aus dem grobmateriellen Körper ausgeschieden, der «Seeley bleibend als Organ ihrer Empfänglichkeit und Thätigkeit diene, und auch nach der Zerstörung des schtbaren Leibes ein persönliches Leben und Wli e Gemeinschaft 1•0 liche (so J. H. Fichte, ehe, Richard Rothe u. a.). Der moderne Pietismus hat sich mit Vorliebe auf die »Lehre von den letzten Dingen » und «von der himmlischen Leiblichkeit geworfen. Daß der Materialismus die individuelle Fortdauer bestreiten muß, liegt auf der Hand. Umgekehrt wird sich jedoch der fromme Glaube der Christen, doch wenn er auf die A. der Leiber verzichtet, do schwer mit einer Lehre befreunden, welche mit der persönlichen Fortwirksamkeit Christi auch den Glauben an eine unauflösliche Lebensgemeinschaft des Erlösers mit den Seinigen aufhebt, und auch schon dem religiösen Gottesglauben überhaupt liegt es nahe, in der Lebensgemeinschaft des Frommen mit Gott ein Gut von unbedingtem und eben darum unzerstörbarem Werte zu schen. Dennoch wird eine unbefangene Betrachtung mit Schleiermacher zugeben müssen, daß, wie es eine unfromme Weise gibt, an die Fortdauer nach dem Tode zu glauben, es auch eine fromme Weise geben kann, auf sie zu verzichten, und jedenfalls ist der geistige Gehalt des Glaubens an ein Kewiges Leben» durch die bloße Erwartung einer endlosen persönlichen Fortexistenz durchaus nicht erschöpft. Auf rein philos. Wege wird sich die Streitfrage schwerlich jemals ausmachen lassen; wenigstens schlagen die philos. Gründe gegen die persönliche Fortdauer ebenso wenig durch, als die vormals mit Vorliebe gepflegten Beweiser für sie. Daß zur persönlichen Fortdauer die Identität des un n Selbstbewußtseins gehört, diese aber mit der Aufhebung der organischen Bedingungen des menschlichen Geisteslebens für unser Denken unvollziehbar ist, wird zuzugestehen sein, ohne daß jedoch damit schon die ganze Frage erleie Auferstehung Jesu ist eine Frage, welche für Dulihen 5 Glauben mit der Frage nach uns —— persönlichen Fortdauer unzertrennlich zusammenhängt. Die älteste Gemeinde verstand darunter unzweifelhaft die Wiederbelebung seines am Kreuze gestorbenen Leibes und dessen Hervorgehen aus dem Grabe als die Haupt⸗ und dlo fet siehr die des ganzen christl. Glaubens. Ebenso fest steht die Thatsache wiederholter Erscheinungen des Gekreuzigten vor seinen Jüngern, bald vor einzelnen, bald vor mehrern, bald vor einer größern Menge von Gläubigen zugleich, Die Erklärung dieser Thatsache, auf der das ganze Dasein der christl. Kirche beruht,‚ fällt der histor. Kritik anheim. Der älteste auf uns gekommene Bericht ist das Zeugnis des Paulus, welcher die ihm auf dem Wege nach Damaskus gewordene Christusvision auf völlig gleiche Linie mit den übrigen A des Auferstandenen stellt (1 Kor. 15, 4—8). Die Auferstehungsberichte der Evangelien, welche ein leibliches Hervorgehen aus dem Grabe bezeugen, sind zwar ein vollgültiges Zeugnis für den Sinn, in welchem schon die apostolische Zeit das Auferstehungswunder verstanden hat, stimmen aber untereinander wenig überein, und während das echte Markus-Evangelium über die Erscheinungen des Auferstandenen keine nähere Auskunft gibt (der jetzige Schluß von Kap. 16, 9 —20 ist unecht), so scheint in den brigen Berichten die fromme Sage in immer gesteigertem Maße geschäftig zu sein, namentlich auch in dem nach Johannes benannten Evangelium. In den uns erhaltenen evangelischen Berichten kann man eine ältere (galiläische) und eine jüngere (udaische) Tradition unterscheiden. Jene weiß nichts von der Erscheinung Jesu vor den Frauen am Grabe, sondern (in der ältern Form des Matthäus-Evangeliums) nur von einem n Galllda ewordenen Iung des an die Jünger in Galiläa, der Erscheinung des Auferstandenen zu warten, und von einer den Elfen, der Engelverheißung gemäß, auf adem Berger zuteil gewordenen Christophanie. Wahrscheinlich war diese Erscheinung, der noch mehrere andere nach dem Berichte des Paulus vorangingen und nachfolgten (eine vor Petrus, eine vor 500 Brüdern auf einmal, eine vor Jakobus und noch eine vor allen Aposteln), ähnlich wie die dem Paulus gewordene Vision ein Sichtbarwerden der vom himmlischen Verklärungsglanze umgossenen Gestalt Christi in den Wolken. Das Anschauungsbild ist also wesentlich dasselbe wie bei der Himmelfahrte, von welcher Lukas berichtet (Luk. 24, 50 fg.; Apostelgesch. 1, o fg.), und dieses trägt wieder dieselben Züge wie das Bild, welches sich die urchristl. offnung von der dereinstigen sichtbaren Wiederunft Jesu, im himmlischen Lichtleib, Kauf des Himmels Wolken 4.—r— at. Nach dem allen wird die Kritik die Erscheinungen des Auferstandenen als Visionen der Jünger erklären müssen, u denen die Wolken. n von denem Kommen in es Himmels Wolken, welche durch das Buch Daniel an die Hand gegeben war, Form und Farben liefert. Die Schwierigkeiten, welche dieser Auffassung des Auferstehungswunders im Wege stehen, sind wenigstens nicht größer als bei der von dem Rationalismus und selbst von Schleiermacher empfohlenen, aber jetzt mit Recht aufgegebenen Annahme, Ch ristus sei scheintot gewesen, welche Vorstellung obendrein für das sitt hebaltenin ewußtsein immer etwas Anstößiges behalten wird; die von dem leeren Grabe entlehnten Bedenken lassen sich auf histor. Kritischem Wege, anderweite Einwände durch psychol. Erklärung des Wunders erledigen. (S. Unsterblichkeit. Auserstehungsiann Jesu, s. Ostern.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 182Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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