FeedAssassinen
ReligionBrockhaus 1882

Assassinen (Assassini und Assissini] heißen in mittelalterlichen Chroniken die zur schiitischen Sekte gehörenden spätern Ismaeliden nt versch und Syriens, welche wahrscheinlich zuerst verschiedene berauschende Kräuter, im Arabischen Haschisch genannt, zubereiteten. Bei morgenländ. Schriftstellern werden sie sehr selten Haschaschin (Kräuteresser) genannt, hier und da Fedäwi sich Opfernden), meistens aber Ismaili (Ismaeliden). Letztern Namen führt diese Sekte nach Jsmail, einem Urenkel Alis in siebenter Linie, welchen der 9e ere Teil der Schiiten, d. h. der Verfechter der Rechte Alis und seiner Nachkommen auf die geistliche und weltliche Oberherrschaft, als den rechtmäßigen Erben derselben anerkannte. Diese Sekte wurde in der ersten Zeit der Abbasidenherrschaft von Persern Lohftder denen die islam. Orthodoxie und die Abbasiden gleich verhaßt waren, und suchte besonders durch wohlorganisierte Missionsanstalten ihren Anhang 5 vermehren. Schon zur Zeit, als die Omajjaden die ölker des Islam beherrschten, warben im stillen eunde der Nachkommen Alis für heten. Schor und mam aus dem Hause des Propheten. Schon damals wurde gelehrt, Ali werde einst wiederkehren, um der Wahrheit und den uber die den Sieg zu verschaffen; bis dahin seien aber die Imame aus seinem Geschlechte als seine Stellvertreter anzusehen, denen hohe Verehrung und unbedingte Hingebung ebühre. Der Imam galt auch als der bestbefähigte Ausleger der göttlichen Offenbarung. Der Koran war nur noch die äußere Hülle der Religion, 15 Geist und ihr Wesen bestanden in einer allegorischen Interpretation desselben, zu welcher der Imam die Schlüssel hatte. Als die Omajjaden gestürzt wurden, aber die Abbasiden, nicht die Aliden, ihre Stelle einnahmen, wurde von letztern die An aufgestellt, sieben huen be d. h. Ali und seine Enkel bis * Jmail, seien berufen gewesen öffentlich als Religionslehrer aufzutreten, nach denselben aber, bis zum Wiedererscheinen des von Gott Geleiteten (Mahdi), sollten die Imame verborgen bleiben und an Itien Stelle ihre Missionare thätig sein. Durch diese neue Theorie konnten die Misstonare, je nach Zeit und Umständen, ohne sich zu kompromittieren einen ihnen genehmen Aliden als den wahren Mahdi erklären, und bis dahin selbst die Geister beherrschen. Missionare der Ismaeliden waren es welche unter dem Namen Karmaten sich im 9. und 10. ahrh. gegen die Abbasiden auflehnten, ihnen mehrere Niederlagen auf offenem Felde beibrachten, die Hauptstadt von Südarabien, die Städte Kufa und Basrah, einige Zeit sogar die heilige Stadt Mekka besetzt hielten. Einer ihrer Missionare war es auch, der einem Aliden die Stadt Kairawan, die damalige Hauptstadt der Berberei, in der Nähe des jetzigen Tunis, den d. 5. und hier wurde das Reich der Fatimiden, d. h. der Nachkommen Alis und seiner Gattin Fatimeh, der Tochter Mohammeds, gegründet, welches sich bald auch über Sicilien, Agypten und einen Teil von Syrien ertreckte. Kahirah, wohin der Fatimide Iuundz Lect llah seine Residenz verlegte (973), wurde jetzt auch Mittelpunkt der alidischen Missionen, und der herrschende Kalif war der wahre Mahdi, der, besonders als n8. den Thron bestieg, wie ein Gott verehrt ward. Bald kam es auch unter den Fatimiden und deren Anhängern zu Erbstreitigkeiten. Der Kalif Almustanßir-billahi hatte zuerst seinen ältesten med Nizar und später seinen zweiten Sohn Ahmed den nachherigen Kalifen Almusta libillahi, zum Nachfolger bestimmt. Viele S iiten behaupteten aber, der einmal designierte ahdi könne diese Würde nie mehr verlieren; sie huldigten Nizar und erkannten auch nach seinem Tode nur seine Nachkommen als die wahren Imame an. Letztere Ansicht teilte auch Hasan Ibn-Sabbah, der eigentliche Stifter des Assassinenordens, der deshalb aus Agypten verbannt wurde. Er kehrte nach Persien, seinem Geburtslande urück, wo er schon früher Stellvertreter eines issionshäuptlings war, mußte aber, von den Seldschuken verfolgt, mehrere Jahre umherirren, bis es ihm endlich 1090 gelang „die feste Burg Alamut in der Nähe von Kaswin, in erobern. Hier bildete er die kräftigsten Jüng 11 zu Werkzeugen seines Willens eran und nahm, um dies zu ermöglichen, zu allerlei Täuschungen seine Zuflucht. Er machte von betäubenden Opiaten Gebrauch, welche die Jünger bald in einen Zustand innerer Behaglichkeit versetzten, sodaß sie im Paradiese zu weilen glaubten, bald in gewaltige Aufregung, bei welcher sie vor den gefährlichsten Unternehmungen nicht zurückschreckten. Hasan trotzte der Übermacht der Seldschuken und schüchterte durch Meuchelmord, zu welchem seine Jünger stets bereit waren, die mächtigsten Fürsten, Feldherren und Staatsmänner seiner Hen ein, sodaß später das Wort Assassin gleichbedeutend mit Meuchelmörder wurde. Auch dauerte es nicht lange, so fielen noch andere Burgen in verschiedenen Frovinzen Persiens und Syriens in die Gewalt seiner Anhänger, die er seinen Kreaturen anvertraute. Vor seinem Tode (11²⁴) ernannte Hasan den Buzurg-Umid, seinen Statthalter von Lemsir, 10 seinem Nachfolger. Zwei eigene Söhne soll er selbst zum Tode verurteilt haben, den einen, weil er als der Mörder eines angesehenen Missionshäuptlings wvon Kuhistan galt, welchen vielleicht Hasan zu seinem Nachfolger designiert atte; den andern, weil er die Vorschriften des oran verletzte, während Hasan selbst durch sein streng . Bülnt Leben Vertrauen und Ehrfurcht erweckte. Buzurg-Umid folgte in allem dem Beisener Hasans und ernannte vor seinem Tode (1138) einen Sohn Mohammed zu seinem Na folger, welcher gleichfalls die Macht und das Ansehen des Ordens vermehrte. Dessen Sohn und Nachfolger Hasan II. (1162—66)“ frönte seinen Gelüsten, dehnte die allegorische Deutung des Koran auck auf dessen gesetzliche Vorschriften aus und gab sich zuletzt sogar nicht mehr für den Stellvertreter des Imam, sondern für den Imam selbst aus. Hasan wurde von seinem Schwager ermordet. Sein Sohn Mohammed II., der gleiche Tendenzen hatte, behauptete sich bis 1210 und wurde nach einigen Berichten, vergiftet. Hasan III. kehrte wieder zu den Regeln des Stifters des Ordens zurück und starb 1221. Ihm folgte sein Sohn Mohammed III., der weder die Klugheit noch die Enthaltsamkeit seines Vaters besaß; auch er wurde ermordet (1255). Rokneddin-Churschah, der letzte Assassinenhäuptling in Persien, war zu schwach, um den wiederholten ngriffen Hulagus zu widerstehen; er unterwarf sich ihm nach einer längern Belagerung von Alamut, wurde aber doch auf Befehl Mengu-Chans hingerichtet (1256). * Schon unter Hasan I. wurden Missionare nach Syrien geschickt, welche zu Anfang des 12. Mh sich in Haleb niederließen und den Fürsten Rid wan für sich gewannen. Sie überrumpelten 1107 Apamea, aber Tancred entriß ihnen diese Stadt wieder. Später wurden sie vom Vezier des Fürsten Buri von Damask begünstigt, der ihnen die feste Burg Banias überlieferte. Meuchelmord war auch hier an der n Damast. wie in Persien. Die Fürsten von amask/ Himß, Moßul und Meraga, ein Vezier der Fatimiden, ja sogar der Kalif Aamir selbst, den sie als einen Usurpator ansa Rite nacheinander, von A. ermordet. Gegen die Mitte des 12. Jahrh. erwarben die A. mehrere Iebe Burgen im Libanongebirge, von welchen die bedeutendsten Kadmus, Massiat und Aleika waren. Letztere wurde die Residenz ihres Häuptlings, Scheich-al-Dschebl (Gebieter des Ber 8), genannt, aus welchem die Abendländer den «Alten vom Bergey gemacht haben. Von hier aus bekriegten sie die Kreuzfahrer und ermordeten Raimund I., Grafen von Tripoli. Dieser Meuchelmord bewog die Templer, gegen sie ins Feld zu ziehen und ihre Burgen so lange zu belagern, bis sie ihnen einen jährlichen Tribut von einigen tausend Denaren bewilligten. Oberhaupt der A. war um diese Zeit ein gewisser Sinan, welcher, wie n II. in Persien, auch in Syrien seine Anänger von der Befolgung der Vorschriften des oran befreite. Sinan schrieb sogar dem Könige Amalrich I., er sei bereit, mit den ie Ten zum Christentume überzutreten, wenn er die empler bewegen wollte, ihnen den Tribut zu erlassen. Amalrich ging auf das Anerbieten ein; die Gesandten der A. wurden aber von den Templern ermordet, und da bald nachher Amalrich starb, war von ihrer Bekehrung keine Rede mehr. Saladin wurde zu wiederholten malen von A. überfallen, schloß aber s äter Frieden mit ihnen und benutzte sie huster zu seinen Zwecken, denn er wird als der An 2˙ des Mordes genannt, welchen einige A. in Mönchskleidung an dem Markgrafen Konrad von Tyrus begingen. Auch nach dem Tode Sinans (1193) waren die A. in Syrien noch allgemein und. Den sodaß sie wagen konnten, 1214 Raimund, den Sohn des Fürsten von Antiochien, zu ermorden und 1250 den 3 —6 Ludwig, bei seiner Landung in Acca (Aere), aufzufordern, ihnen, wie andere Fürsten, gleichsam um sein Leben zu versichern, Geschenke u machen. Ihr Verfall hing mit dem ihrer Glauensgenossen in Persien zusammen, denn auch sie mußten einen Teil ihrer Burgen den Mongolen überliefern, welche Syrien besetzten, und 2* lange nach der Vertreibung derselben wurden sie von dem mächtigen Sultan Beibars von Agypten bekriegt, der 1272 ihre letzte Burg eroberte. Beibars 1n45 sie jedoch als Sekte fortbestehen und bediente sich ihrer auch als mörderischer Werkzeuge ö sowohl gegen den Fürsten Barthelemy von Mera⸗ ö kieh als gegen den Prinzen Eduard von England, der damals in Palästina Krieg führte. Gleiche igypten. So sanken die A. nach und nach zu gewöhnlichen Mördern herab, die für Geld jede Mordthat begingen (daher seit dem 12. Jahrh. frz. assassin Is. d.], ital. assassino das gewöhnliche Wort für Meuchelmörder). Als religiöse Sekte bestehen sie noch heutzutage im Libanongebirge fort, zählen aber nur noch einige hundert Familien, während die Nossairi und die Drusen, deren Lehre mit der ihrigen große richunge Maßd hat, noch immer in Syrien eine ansehnliche Macht bilden. Göttliche Verehrung Alis, Glauben an Re. karnation der Gottheit, Seelenwanderung und allegorische Interpretation des Koran haben alle drei miteinander gemein; sie unterscheiden sich 4sächlich dadurch, daß die A. an die Wiederkehr Ismails, des siebenten Imams, glauben, die Nossairi an die des zwölften, Mohammed Nalisen Al während die Drusen den fatimidischen Kalifen Alhakim als einst wiederkehrenden Gottmenschen anbeten. Vgl. Hammer, „Geschichte der A.» (Stuttg. u. Tüb. 1818); Weil, 4Die A.» (in Sybels «Histor. Zeitschriftv, Jahrg. 1863); Guyard, «Fragments relatits à la doctrine des Ismaéliso (Par. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 75Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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