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ErdkundeBrockhaus 1882

Ansarier, rien Nossairier, nennt man eine der arabisierten Völkerschaften Syriens, welche sich durch ihre eigentümlichen, aus dem mohammed. Gnostizismus entstandenen, aber mit Elementen des altsyr. Naturdienstes vermischten Religionsformen gesondert erhalten haben. Die A. saßen ursprünglich am Euphrat und bewohnen jetzt das nach ihnen den Namen Djibäl-Nossairieh führende und als die nördl. Fortsetzung des Libanon zu betrachtende Küstengebirge von der Mündung des Nahr-Kadischa bei der Stadt Tripolis bis zu derjenigen des Orontes. Die Höhen von Lattakia sind als ihr nationaler Mittelpunkt anzusehen. Im ganzen werden sie auf ungefähr 75000 Seelen geschätzt. Schon im 10. Jahrh. n. Chr. sind sie vorhanden, im übrigen ist die Geschichte ihres Ursprungs unbekannt. Doch kann man wohl nicht bezweifeln, daß sie, wie mehrere verwandte Sekten, aus der religiösen Bewegung im Islam hervorgegangen sind, als deren Urheber der halb wahnsinnige fatimitische Kalif Hakim-biamr-illah war. Mit jenen Sekten teilen sie den Glauben an einen Mehdi, Messias, und an die Pflicht der Geheimhaltung ihrer Lehre, die verschiedenen Grade der Initiation u. s. w., mit den Schiiten im allgemeinen die Verehrung für Ali Ibn-Abi-Talib, den Schwiegersohn Mohammeds, und mit den Jeziden in Nordsyrien die unzüchtigen Mysterien, welche sie vum Gegenstande des Gespöttes der Nachbarstämme gemacht haben. In Ali, den sie den Herrn des blauen Zeltes nennen, soll Gott den ihm vom Sturmwinde entrissenen Körper wiedergewonnen haben, und der Prophet, der erste Verkündiger des so zum Gotte gewordenen Ali, ist ihnen Nossair, nach welchem sie sich benennen. Als Emanationen des göttlichen Hauchs gelten ihnen die 11 Imame, sämtlich Nachkommen Alis, welche seitdem die Welt regiert haben, und in deren zwölftem und letztem sie ihren Mehdi erwarten. Sie haben besondere Religionsbücher und eine Art Abendmahl mit dem Kelch; bei ihren Gebeten wenden sie sich gegen die auf⸗ und untergehende Sonne; sie glauben auch an eine Trinität sowie an eine dauernde Seelenwanderung, welche für die Guten und Gläubigen ein fortwährender Läuterungsprozeß ist, sodaß sie zu immer höhern und vollkommenern Stufen des irdischen Daseins gelangen, bis sie endlich als glänzende Gestirne am Horizont ihre Stelle finden, während für die ihre Religionspflichten Vernachlässigenden, die Verräter der Mysterien oder gar die Verächter und Leugner der Gottheit Alis der Tod, die Verwandiung in Juden, Christen und Mohammedaner, ja in Hunde, Schweine und Esel bevorsteht. Die A. haben wiederholt ihre Freiheit gegen türk. und ägypt. Paschas mit großem Mute verteidigt. Sie sind gastfrei, aber auch diebisch und treulos; zu Straßenraub und selbst Meuchelmord haben sie einen kis unwiderstehlichen Hang. Ihre Gebirge sind meistens gut angebaut und bringen ihnen ihre einfachen Lebensbedürfnisse reichlich hervor. Für den Export erzeugen sie den Hauptteil des unter dem Namen Lattakia und Djibeil bekannten syr. Tabaks und etwas Skamonienharz. Zu den A. werden gewöhnlich auch die Kadamisseh gerechnet, welche östlich von ihnen gegen die Orontesniederung hin einige Thäler des Kadmusgebirgs esen halte und von diesen den Namen führen. Indessen halten sich dieselben gegen die A. ebensowohl wie gegen die Mohammedaner und sonstigen Nachbarstämme streng abgeschieden, verheiraten sich auch nur untereinander und haben ihre besondern religiösen Gebräuche. Sie selhst nennen sich, wie die Assassinen des Mittelalters, Ismailier. Wahrscheinlich sind es Nachkommen der letztern, welche sich bei der Vernichtung der Macht des Alten vom Berges am Kadmus erhalten haben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 691Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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