FeedBandwurm
TierreichBrockhaus 1882

Bandwurm ist eine allgemeine Bezeichnung für Tiere (oder richtiger Tierketten), welche in der Klasse der Plattwürmer (Platyelmia), und zwar unter den als Schma⸗ — rotzer lebenden Plattwürmern, eine besondere Gruppe, die Cestoden, bilden, deren Bau und Fortpflanzungsweise zu den merkwürdigsten, erst mit Entdeckung des Generationswechsels (s. d.) aufgehellten Erscheinunda in der Natur gehört. er B. besteht nämlich aus einem Kopfe, dem Scolex (s. Fig. 1. a), welcher dem Muttertier (der sog. Amme) angehört und die Heftorgane, rüssel trägt, und den sog. Gliedern (s. Fig. 1. b), welche sich durch immerfort wiederholte Sprossungen und quere Abschnürungen des Halses bilden und, sobald sie völlig entwickelt sind, anz neue Tiere (die Sprossenbrut des Muttertiers) darstellen und = wissenschaftl. Namen ren. Jedes einzelne dieser Glieder ist ein selbständiges Individuum, ein besonderes Ge⸗ Fig. 1. schlechtstier, mit Geschlechtswerkzeugen, Drüsen, Gefäßkanälen u. s. w. versehen, und pflanzt sich durch befruchtete Eier (. Fig. 2, stark vergrößertes Bandwurmei' a äußere, b mittlere, e innere Eihülle, d sechshakiger Embryo) fort, während das ganz anders gebaute geschlechtslose Muttertier sich nur durch Knospung vervielfältigt. Es gibt viele Arten der Bandwürmer. Sie finden sich im Darmkanal, besonders im Dünndarm einer Menge von Tieren, 5 vorzugsweise der fleischfressenden, und nähren sich von den darin befindlichen Speise⸗ und Darmsäften durch direkte Einsaugung und Austausch durch die Haut hindurch (Endosmose) da ihnen jede Spur von Verdauungsapparat, Munddarm u. s.w. gänzlich abgeht. Der sog. Schnepfendreck, eine bekannte Leckerei, besteht keineswegs aus Exkrementen, sondern aus nestartigen Anhäufungen eines fadenförmigen, nur 5 —6 em langen, in mehrern Sumpfvögeln vorkommenden B. Im Menschen finden sich mehrere Arten Bandwürmer, die zwei sehr verschiedenen Gattungen, den Grubenköpfen und den eigentlichen Bandwürmern, angehören. Einzelne dieser Arten kommen nur als ausgebildete Tiere im Darmkanal des Menschen vor, während sie ihre Jugendzustände in andern Tieren zubringen; andere fand man bisjetzt nur in diesen Ju endzuständen als Blasenwürmer in verschiedenen Organen des Menschen. Die Grubenköpfe oder Bothriokephalen haben einen zungenförmig abgeplatteten, mit zwei eitlichen Sauggruben versehenen hakenlosen Kopf, zahlreiche breite Proglottiden und leben im reifen Zustande vorzugsweise in Fischen und Wasserer einige auch in Säugetieren. er gemeine Grubenkopf, schweizer oder breite Bandwurm (Bothriocephalus latus, s. Fig. 3, Kopf 19.—4 und Fig. 4, Glieder Fig. 3. ig. . Der Kopf ist zungenförmigen Sauggruben. Die Glieder haben durch die etwa von dem 600. Gliede an entwickelten Eier eine mittlere Rorunn in Rosettenform, in welcher die Geschlechtsöffnungen auf der Bauchfeite in der Mitte der Fläche liegen. Durch diese Charaktere unterscheidet sich der Grubenkopf leicht, der von Zeit zu Zeit lange geschlechtsreife Ketten freiwillig abstößt und dadurch seine Gegenwart im Darme verrät. Er kommt besonders häufig in der Westschweiz vor lam Genfer⸗,NNeuenburger⸗ und Murtensee) sowie in den Ostseeländern, in Polen, Holland und Belgien, aber nicht oder nur sehr selten und Deutschland in Italien, Frankreich und dem westl. Deutschland bis zur Meichsel. Derselbe ist leicht abzutreiben, wozu meist Pillen von Farnkrautwurzel (Filix mas) genügen, und verursacht im ganzen wenig Beschwerden. Die mit dem Kote abgehenden Kettenglieder faulen bald, die Cier entwickeln sich nach einigen Monaten im Wasser, springen mit einem Deckel auf und lassen ein mikroskopisches Junges austreten, welches mit Flimmerhaaren behend umherschwimmt. Entweder gelangt nun dieses Junge mit dem Trinkwasser in den Magen und entwickelt sich dann im menschlichen Darme, oder es entwickelt sich nach Analogie mit andern Bandwürmern zuerst in einem andern Tiere (wahrscheinlich einem Fisch), um dann von diesem aus in den Menschen zu gelangen. Man hat bis zu acht gleichzeitig im Darme vorhandene Grubenköpfe beobachtet. In Grönland kommt ein anderer Grubenkopf bei den Eskimos vor. Die eigentlichen Bandwürmer oder Tänien unterscheiden sich durch vier Saugnäpfe und meist auch durch einen rüsselartigen, einziehbaren Vorsprung am Kopfe, der mit Haken bes etzt ist, meist deren 0 Glieder, die mehr lang als breit, und deren Geschlechtsteile am Rande, nicht in der Mitte angebracht sind. Die Glieder (Proglottiden) lösen sich meist einzeln ab, sind weit selbständiger und kriechen sogar einzeln umher. Von dieser Gattung leben mchrere Arten teils im ausgebildeten, teils im Jugendzustande im Menschen, darunter besonders zwei: der gemeine oder schmale Bandwurm, auch Kürbisbandwurm (Taenia solium, Fig. 1 Kopf und Glieder, ig. 5 U— u. ig. 6 Glied des gemeinen Bandwurms vergrößert]; a Rüssel mit Hakennäpfe, e Hals), ö u. der schw arze ö Fig. 5. Fig. 6. Bandwurm oder Rinnenbandwurm (Taenia mediocanellata, dig 7 Kopf, und Fig. 8 Glied des schwarzen Bandwurms ([vergrößert!: 3 Geschlechtsöffnung). Die Eier dieser Bandwürmer entwickeln sich infolgender Weise. Aus der oft doppelten Schale kriecht, wenn das Ei in den Magen des rechten Tieres gekommen ist (aus dem Wasser, durch den Kot, den Dünger u. s. w.), ein mikroskopisch kleines Tierchen mit sechs Haken, das sich durch die Darmhaut durcharbeitet und in den Körpergeweben wandert, bis es an einen günstigen Ort (Leber, Bindegewebe, Muskeln, Auge, Hirn gelangt ist. Dort angekommen, entwickelt sich aus dem s W Hals Tierchen ein kleiner dalenrüsel, wah und ⸗Hals mit Saugnäpfen und Hakenrüssel, während die ursprünglichen Haken abgeworfen werden und das Hinterteil des Körpers wassersüchtig anschwillt und eine mit Flüssigkeit gefüllte Blase bildet, in die sich der Bandwurmkopf zurückziehen und einstülpen kann. In diesem Zustande ist der Wurm eine Finne, ein Blasenwurm (Cysticercus, s. Blasenwürmer). Die Finne tspandwr sich nach und nach. Die Finne des Kürbisbandwurms findet sich am Moeste ten in den Schweinen, dann aber auch im Menschen, und sehr selten soll sie auch in Affen, Hunden u. Han gefunden worden sein. Gibt man Schweinen Bandwürmer zu Fsh so werden sie finnig; essen Menschen rohes finniges Schweinefleisch, so wird die Blase im Menschen abgeworfen und verdaut, der Kopf geht in den Darm und wächst dort zu einem B. aus (s. Fig. 9, drei Entwickelungsstufen des gemeinen Bandwurms vergrößert!]; a eben freigewordener Scolex, b sprosender Scolex, e Bandwürmchen). Die Finne des Rinnenbandwurms entwickelt sich auf gleiche Weise im Rinde und wird ebenso durch rohes Rindfleisch in den Menschen übertragen. Diese Art ist jedoch seltener, da rohes Rindfleisch nicht so oft genossen wird und außerdem auch Rinder weniger Gelegenheit haben, aus Menschenkot stammende Bandrührt, besonders dadurch, daß der Rinnenbandwurm feister aussieht, keinen Hakenrüssel und — „meist schwärzlich gefärbte Saugnäpfe hat. dieser ist am schwersten auszutreiben und widersteht häufig den stärksten Mitteln. Außer diesen beiden in ganz Europa, Nordamerika, Asien und Afrika verbreiteten Arten hat man noch einige andere Bandwürmer beim ½½ kennen gelernt, die teils nur als Finnen, teils nur als vollendete Würmer bekannt sind und in Agypten, Nordamerika u. s. w. vorkommen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 429Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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