FeedBlutarmut oder Anämie
HeilkundeBrockhaus 1882

Blutarmut oder Anämie, auch Oligämie nennt man ebensowohl den abnorm geringen Blutgehalt eines Organs oder des ganzen Körpers als auch den abnorm geringen Gehalt des Blutes an festen, für die Ernährung wichtigen Stoffen, d. h. also die Wässerigkeit des Blutes (Hydrämie oder Oligocythämie). Eine Verminderung der normalen Blutmenge des ganzen Körpers kommt nur vorüber usen als akute Anämie nach starken Blutverlusten vor; sehr schnell nehmen die Blutgefäße an Stelle des verlorenen Blutes Wasser auf; die frühere Per das. . wird dadurch zwar wiederhergestellt, aber das Blut ist nun ärmer an den ihm eigentümlichen Stoffen, d. h. an Blutkörperchen und Eiweißstoffen, dagegen reicher an Wasser. Ein ähnlicher Zustand kann sich zun allmählich (chronische Anämie) entwickeln, wenn die Blutbereitung eine mangelhafte ist, insofern der Verlust, welchen das Blut durch die Ernährung des gesamten Körpers erleidet, nicht wieder ersetzt, somit das Blut allmählich verschlechtert und zur Ernährung des Körpers untauglich wird. Diese Art der B. entwickelt sich in allen schweren, fieberhaften Krankheiten; ferner bei chronischen Krankheiten einzelner, der Blutbereitung dienenden ” Mül⸗ insbesondere der Verdauungswerkzeuge, der Milz und der Lymphdrüsen, der Lunge u. s. w.; weiterhin bei länger dauerndem Verluste von Säften, besonders von Eiweißstoffen, wie nach fortgesetztem Hungern und nach zu langem Säugen, nach rasch aufeinanderfolgenden Wochenbetten, ch größern Eiweißverlusten bei Nierenkrankheiten, chronischen Eiterungen u. s. w.; endlich immer dann, wenn durch schlechte Nahrung und schlechte Luft oder aber durch übermäßige körperliche und geistige Anstrengungen oder irgend welche, den Organismus erschöpfende Ausschweifungen ein Mißverhältnis zwischen Verbrauch und Ersatz der Stoffe im Organismus eintritt. Daher sehen wir Rekonvalescenten, Magen- und Darmkranke, Lungenleidende, Skrofulöse, ferner die Bewohner dumpfer, finsterer Wohnungen, Gefangene, die schlecht genährten Kinder der Armen und die übermäßig geistig angestrengten, stubenhockenden Kinder der Wohlhabenden u. s. w. anämisch werden. Schwere Formen der B. werden endlich im Verlaufe gewisser chronischer Vergiftungen, namentlich der Arsen⸗, Blei⸗ und Quecksilbervergiftung beobachtet. Die allgemein beobachtete Zunahme des Vorkommens der B. in unserer Zeit erklärt sich aus dem engen Zusammenwohnen der Menschen in den großen Städten, aus der Fabrikindustrie, der Zunahme des Proletariats, insbesondere aber aus den übermäßigen Ansprüchen, die man an die Kinder macht, sei es bei den ärmern Klassen in körperlicher, sei es bei den wohlhabendern in geistiger Arbeit; anderer Ursachen nicht zu gedenken, wie der vorzeitigen geschlechtlichen Entwickelung der Stadtkinder und der durch die Genußsucht und Lebenshast unsers Zeitalters bedingten allgemeinen Überreizung des Nervensystems. Die Anämie verrät sich durch allgemeine Blässe und durchscheinende Beschaffenheit der Haut und urot gghärht was nicht ausschließt, daß die Wangen rot gefärbt reg oder daß die gewöhnliche Blässe bei jeder Aufregung einer starken Röte weicht; ferner durch Schwäche und Schlaffheit aller Funktionen, Verminderung der Temperatur, schnelle Ermüdung nach jeder körperlichen oder geistigen Anstrengung, Reizbarkeit des gesamten Nervensystems, daher häufige Schmerzen in . Oenchteicht Teilen Herzklopfen, Atembeschwerden, Schwindel u. s. w. Die Heilung der B. ist nur möglich, wenn 100 Ur⸗ .7* entfernt werden können, am ehesten also noch a, wo sie die Folge anderweiter heilbarer Krankheiten oder einer verkehrten Lebensweise ist. Vor allem ist für Herstellung einer uten Verdauung und einfache, aber nahrhafte Kost, sowie für frische, reine Luft zu sorgen; kommt hierzu eine mäßige geregelte Thätigkeit des Körpers und Geistes, so wird die B. sich bald bessern, wenn sie überhaupt heilbar ist. Besonders ist nie zu vergessen, daß gute Luft und Licht zum Gedeihen des Körpers ebenso nötig sind als gute Kost. Zur Unterstützung der Kur pflegt man vielfach bittere Bsondere und das Eisen mit die 3 anzuwenden. Besondere Arten der B. sind die B kichsucht (.d.), bei welcher das Blut zwar den normalen Gehalt an Eiwei stoffen, aber zu weni

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 199Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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