FeedBlutung
HeilkundeBrockhaus 1882

Blutung (Haemorrhagla) nennt man das Austreten von Blut aus den für dasselbe bestimmten Kanälen, den Blutgefäßen. Jede größere B. setzt eine Zerreißung der Gefäßwände voraus, während kleinere B., besonders aus den Haargefäßen und den kleinsten Venen, nach den neuern Untersuchungen auch 77 sichtbare Verletzung der Gefäßwand zu Stande kommen können, indem die Blutkörperchen das unich durch mikroskopisch feine offnungen (sog. Stomata) in der Gefäßwand mittels einer Art Durchsickerung (sog. Diapedesis) verlassen. Je nach den Blutgefä en unterscheidet man arterielle, venöse und Kapillargefäßblutung. Bei letzterer kommt das Blut aus den die Arterien mit den Venen verbindenden feinsten Aderchen, welche das Kapillar- oder Haargefäßsystem bilden. Die B. sind entweder äußere, wobei das Blut nach außen aus dem Körper entleert wird (wie B. die Lungen⸗, Magen⸗, Darm⸗, Gebärmutterblutungen), oder innere, wo das Blut entweder in natürliche Höhlen, z. B. der Brust, des Bauches und des Kopfes ergossen wird, oder der Erguß in das Gewebe der Organe erfolgt (parenchymatöse B.), oder unter deren Oberhaut (Sugillationen, Blutunterlaufungen). Hierbei bil det das ergossene Blut entweder eine lache oder minder große Geschwulst an der Oberfläche eines Organs, eine sog. Blutbeule oder Blutgeschwulst (Hämatom), oder es bildet eine umschriebene nfiltration in einem weichen Gewebe, einen sog. lutknoten oder hämorrhagischen Infarkt, oder endlich es hat das zarte Parenchym gewisser Organe in größerm oder geringerm Umfange zertrümmert und stellt eine sog. Blutlache oder einen hämorrhagischen (Apoplektischen) Herd dar. In Bezug auf die Schnelligkeit und die Menge des auf einmal ausfließenden Blutes unterscheidet man Bluttröpfeln (Stillicidium sanguinis), wobei der Blutaustritt nur tropfenweise erfolgt, Blutfluß (Protluvium sanguinis oder Haematorrhoea) bei welchem das Blut ununterbrochen ergossen wird, und Blut sturz (Haemorrhagia), wenn durch plötzliche massenhafte B. das Leben bedroht wird. Die zur Blutaustretung Anlaß gebende Verletzung der Gefäßwände geschieht entweder von außen durch mechan. und chem. Verletzungen (gewaltsame oder traumatische B.), oder durch innere Ursachen, nämlich durch Zerberstung, Zerfressung, eiterige Schmel-Part der Gefäßwände, am häufigsten aber durch arke Blutanhäufung und lusstockung in den Häufung 1a (spontane B.). Außer der Blutanäufung trägt der Zustand der Gefäße nicht wenig zum Zustandekommen der B. bei, und darauf beruht auch zum Teil die Anlage zu B., die sog. hämorrhagische Diathese, welche sich am höchsten bei den Blutern ausgebildet findet. Je lockerer das Gewebe ist, welches die Gefäße umgibt, je weniger es ihrer Ausdehnung Widerstand zu leisten vermag und je zahlreicher seine Haargefäße sind, desto leichter kommen B. zu Stande. — die so Nased B. aus den Gefaßen der Schleimhäute der ase, der Lungen im jugendlichen Alter und des Darmkanals im Mannesalter. Der Mangel an Widerstand ist es auch, welcher beim Ersteigen hoher Berge das Austreten des Blutes aus Nase, Mund, Ohren, Augen u. s. w. herbeiführt, indem mit der Entfernung von der Erdoberfläche sich die Dichtigkeit und der Druck der Atmosphäre vermindern, während die mit dem Aufsteigen verbundene Anstrengung den Blutumlauf, besonders in der obern Körperhälfte, befördert. Dagegen bringen vermehrter Druck und Dichtigkeit der Atmosphäre Kongestion zu innern Teilen, besonders der untern Hälfte des Körpers, und somit auch B. aus denselben hervor. Überhaupt kann alles, was Blutandrang (s. d.) in einem Organ herbeizuführen im Stande ist, auch B. hervorrufen; so geistige und körperliche Aufregungen, erhitzende Speisen und Getränke u. s. w. * Der Verlauf der B. ist meist schnell, seltener in Absätzen in die Länge gezogen. Die Genesung, d. h. das Aufhören der B., erfolgt, indem sich die verletzte Gefäßstelle em Bluipff und sich durch Gerinnung des Blutes ein Blutpfropf (Thrombus) bildet, welcher die Offnung verschließt und später eine lt. 01 2 Verwachsung der Gefäßwandungen bewirkt. (S. Thrombose.) Wo die B. sehr heftig oder aus einem edeln Wobei dle Yiwege tritt nicht selten Ohnmacht ein, wobei die B. wegen des matt werdenden Herzschlags 4 205 bu zum Stehen gebracht wird, aber auch der Tod durch Verblutung nachfolgen kann. Meist gehen der Ohnmacht und der Verblutung Blässe der Haut und der sichtbaren Schleimhäute, Spitzwerden der Nase, kalter Schweiß, Schwindel, Schwarzsehen, Phantasieren, Übelkeit und Krämpfe verschiedener Art vorher. In diesen 12·d bleiben, auch wenn das Leben gerettet wird, tets die Zeichen der Blutleere zurück. Die Haut nimmt eine Wachsfarbe an, fühlt sich khl an; der Kranke kann sich kaum erwärmen, ist muskelschwach, der Herzschlag ist häufig, aber matt, der Rige kaum fühlbar, und es können selbst unter günstigen Verhältnissen viele Wochen vergehen, ehe das verlorene Blut wieder völ ersetzt ist. Die innern B. töten entweder durch Verblutung und ihre Folgen oder durch den Druck, den sie auf ein wichtiges Organ üben; besonders die die nachfole durch sog. Blut und dercr oder durch die nachfolgende Entzündung und deren Folgen (Eiterung, Erweichung des Gehirns u. s. w.). Nach der Menge des entleerten Blutes, welche von wenigen Tropfen bis zu mehrern Pfunden betragen kann, sowie nach der Zeit, innerhalb welcher der Blutverlust stattfindet, richtet sich die Größe der Gefahr der B. für den Organismus: beim Erwachsenen bewirkt der ind die Verlust von 1 Pfd. Blut schon Ohnmacht und die übrigen . der akuten Blutleere, der Verlust von 4—5 Pfd. Berlust w Tod; bei Neugeborenen wirkt schon der Verlust weniger Unzen tödlich. Einen günstigen Einfluß auf den . bel porh Körperzustand äußern manche örtliche B. bei vorhandenen Wallungen und Blutstauungen; so verschwinden gewisse Formen des Kopfschmerzes bei eintretendem Nasenbluten und die Kreuz⸗ und Rückenschmerzen der Hämorrhoidarier nach eingetretener Hämorrhoider Rure hei Auch die sog. vikariierenden B., z. B. der Nase bei ausbleibender Menstruation, wirken im allgemeinen günstig. Die Behandlung der B. im anen verlangt vor allem ruhige Lagerung des Kranken, mit Er-Dodnand des blutenden Teils; ferner Lösung aller eengenden Kleider, kühle, reine Luft, meist auch kuhle und säuerliche Getränke, wie Citronen⸗ oder Essiglimonaden, Cremortartari, niederschlagende Pulver; wo es angeht, Anwendung der Kälte durch Eispillen, Eiswasser, Kaltwasser-oder Eisumschläge. Bei B. aus größern Arterien versuche man bis zur Ankunft des Arztes die B. dadurch zu stillen, daß man den Daumen fest auf die blutende Wunde aufdrückt oder einen gut anschließenden Verband aus Charpie, Verbandwatte oder alten weichen, mit blutstillenden Mitteln (Alaun, Tannin, Eisenchlorid) getränkten Leinwandstücken anlegt, oder endlich den blutenden Körperteil vermittelst Tüchern, Binden oder elastischen Gurten fest oberhalb der verletzten Stelle umschnürt. Fällt der Verletzte in Ohnmacht, so lagere man ihn sofort horizontal, besprenge ihn mit kaltem Wasser, wasche Stirn und Schläfe mit Essig, Ather oder Koölnischem Wasser, lasse ihn an Salmiakgeist riechen und flöße ihm einige Tropfen Ather, Hoffmannsche Tropfen oder einige Loöffel starken Weins ein. Bei heftigen B., welche von den Erscheinungen hochgradiger Blutleere begleitet werden, ist die schnelle Vornahme der Transfusion (s. d.) nicht selten von lebensrettendem Erfolge. Die nach erheblichern B. zurückbleibende Blutarmut wird am schnellsten dunch eine leicht verdauliche und kräftige Diät (Milch, Eier, Fleisch, leichtes gutes Bier) so- wie durch China⸗ und Eisenpräparate geheilt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 216Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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