FeedBoccaceio (Giovanni)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Boccaceio (Giovanni), berühmter ital. Dichter und Humanist, war wahrs aurs f.. der außereheliche Sohn eines Kaufmanns aus Florenz und wurde 1313 nach den Angaben seiner ältesten Biographen in Certaldo, einem Flecken in Toscana, nach andern in Florenz, nach der wahrscheinlichern Annahme aber zu Paris geboren. Seine Familie stammte von Certaldo, weshalb er sich selbst da Certaldo nannte und von Spätern oft il Certaldese genannt wird. Schon als Knabe zeigte er eine entschiedene Neigung für die — Doch mit seinem 10. Jahre gab ihn der Vater bei einem Kaufmann in die Lehre, der ihn einige Guach später mit nach Paris nahm, ihn aber endlich nach einer sechsjährigen Lehrzeit seinem Vater zurückschickte, da B. dem Kaufmannsstande keine Neigung abgewinnen konnte. Trotzdem mußte B. beü weitere acht Jahre in Neapel diesem Gewerbe sich widmen, bis sich endlich sein Vater entschloß, ihn das kanonische Recht studieren zu lassen. Erst nach dem Tode des Vaters (1348), bis zu welcher Zeit B. größtenteils in Neapel lebte, konnte B. seiner Neigung für die Litteratur ganz folgen. Schon vorher hatte er in ital. und lat. Sprache gedichtet, jedoch ohne sich bedeutend hervorzuthun; seine Prosa aber bildete er zu jener Vollkommen-Pre aus, die ihm die höchste Stelle unter Italiens rosaikern sichert. Seine gründliche Beschäftigung mit Dante wurde für ihn später der Anlaß, einen Kommentar zu einem Teil der Göttlichen Komödier und eine Biographie Dantes zu schreiben, welche letztere allerdings mehr Roman und Apologie als die Geschichte seines Helden ist, aber ebenso wie der Kommentar zu einer umfassendern Würdigung des großen Florentiners wesentlich beitrug. Aber auch andere ernste Studien vernachlässigte B. nicht. Von Andalone del Nero ließ er sich in der Astronomie unterweisen; den Leontius Pilatus, einen Calabresen, der ein großer Kenner der griech. Litteratur war, unterhielt er drei seien. in seinem Hause, um mit ihm den Homer zu lesen. Mit Petrarca trat er Hach vor 1350 in ein enges Freundschaftsbündnis. ach seines Freundes Beispiel sammelte er Bücher und schrieb sehr viele seltene Handschriften eigenhändig ab, welche bei dem Brande des Klosters Sto.⸗Spirito 1471 fast alle zu Grunde gingen. Seinen Bemühungen gelang es, die Florentiner zu bewegen, einen eigenen Lehrstuhl für —7 Sprache und Litteratur zu errichten, auf welchen Leontius Pilatus berufen wurde, zunächst um öffentliche Vorlesungen über den Homer zu halten. Auch schrieb er verschiedene histor. und mytholog. Abhandlungen und die 15 Bücher De genealogia deorumv. So ist B. in der That nicht nur zu den ausgeeichnetsten Gelehrten seiner Zeit, sondern auch zu en Besorderern einer freiern Richtung in der Wissenschaft und einer größern Ausbreitung derselben e zählen. Er bediente sich seines ganzen Einflusses, um seine Zeitgenossen zur Erlernung des Griechischen anzufeuern und das Studium des Altertums an die Stelle der Scholastik zu setzen. Nachdem er sich um das Jahr 1349 bleibend in Florenz niedergelassen, betrauten ihn seine Mitbürger mit diplomatischen Aufträgen. Er soll 1350 als Gesandter nach Ravenna und nach Bologna geschickt worden sein; im März 1351 wurde er gewählt, um nach Padua zu gehen und dem Petrarca die Aufhebung seiner Verbannung und seine Berufung an die florentiner Universität anzukündigen. Iu Dezember des gleichen Jahres erhielt er eine endung an Ludwig von Brandenburg, Ludwigs des Bayern Sohn, um dessen Hilfe gegen die Visconti in Anspruch zu nehmen. Er mußte ferner 1354 in Aufträgen der Republik nach Avignon zu nnocenz VI. und, nachdem er einige Zeit ein städtiches Amt in Jußers bekleidet, zu Urban V. nach om reisen. In der Zwischenzeit, 1359, besuchte er Petrarca in Mailand, der ihn ermahnte, ein ernsteres, heiligeres Leben zu führen, später aber auch, als B. 1362 seine Bücher an Petrarca verkaufen und allen weltlichen Dingen entsagen wollte, den Entschluß des Freundes mäßigte. Wenigstens scheint B. damals in den geistlichen Stand getreten zu sein. Von Neapel, wohin ihn 1363 der dortige Großsenechall Nic. Acciajuoli rief, wandte er sich bald wieer weg. Er lebte seitdem seinen Arbeiten auf einem kleinen Landgute, welches er zu Certaldo besaß. Dort befiel ihn eine langwierige Krankheit, von der er nur langsam genas. Auf sein Betreiben errichteten damals die Florentiner, die ihren großen Mitbürger Dante einst verfolgt und verbannt hatten, um sein Andenken zu verdöhnen, einen öffentlichen Lehrstuhl für die Erklärung seines Gedichts. Diese Professur wurde B. 1373 anvertraut, der sich der übernommenen Pflicht mit rastlosem Eifer unterzog. Er starb indes schon 21. Dez. 1375 zu Certaldo. Sein Denkmal auf der Piazza Solferino zu Certaldo wurde 22. Juni 1879 enthüllt. Die auf Dante bezüglichen Schriften B.s sind: „Origine, vita e costumi di Dante Alighieris und «„Commento sopra la commedia di Dante, der nur bis zum Anfang des 17. Gesangs der Hölles reicht (beste Ausg. von Milanesi, 2 Bde., Flor. 1863). Lateinisch schrieb er außer der erwähnten Göttergenealogie noch: «De montibus, silvis, fontibus, lacubus, fluminibus etc. in + Ordnung; De casibus virorum et feminarum illustriumo; De claris mulieribuso; 16 Eklogen, Briefe u. s. w. (Vgl. Hortis, «Studj sulle opere latine del Boccaccio, Triest 1879.) Unter seinen ital. Dichtungen ist die Teseides (erste Ausg., Ferrara 1475) der erste Versuch eines romantischen Epos, in Ottaven geschrieben, für deren Erfinder er gilt. Dieselbe, deren Mittelpunkt die Liebe von Palemon und Arcitas zu tktebten Schwester Emilie bildet, ist seiner Jugendgeliebten gewidmet, die er Fiammetta nennt. Als diese betrachtet man die Prinzessin Marie, König Roberts natürliche Tochter, zu der er in seiner Jugend in Neapel in intimer Beziehung gestanden haben soll. Ein großes noch ungedrucktes Gedicht, die KAmorosa visionen, besteht aus Terzinen, deren Anfangsbuchstaben zwei Sonette und eine Kanzone bilden, die in der That die Der anocopon als Gebieterin des Dichters feiern. er „Filocopo (zuerst Vened. 1472), ein umfangreicher, aber durchaus verfehlter Ritterroman in Prosa, rosall die lustigsten Abenteuer im gewichtigen Prosastil der alten Geschichtschreiber; der Stoff desselben ist zum Teil der bekannten altfranz. Erzählung von Flore und Blancheflore entnommen. Die Fiammetta v (zuerst Padua 1472; deutsch von Sophie Brentano und W. Röder Stuttg. 1844) ist ein Seelengemälde, ein Vorläufer von Goethes „Werthers», und enthält rührende Liebesklagen der verlassenen Fiammetta; die Hirtendichtung Ninkale Fiesolanoo (zuerst Vened. 1477) ist eine schalkisch naive, oft an Byrons Don Juanv erinnernde, liebliche Idylle von Fiesole in achtzeiligen Stanzen; der Ametos (zuerst Rom 1478) ein Schäferroman in Prosa und in Versen; II Filostraton (zuerst Vened. 1480), ein Gedicht in Ottaven, erzählt die Liebesgeschichte des Troilus und der Cressida; II Corbaccion oder Labirinto d'amorer (zuerst Flor. 1487), in Prosa, eine bittere Schmähschrift auf die Weiber. Die meisten seiner Gedichte verbrannte B., nachdem er die Poesien Petrarcas gelesen. Seinen festgegründeten Ruhm verdankt B. seinem Decamerone „, den er ebenfalls der Fiammetta sowie der jungen Königin Len ueret die ihn in Neapel gütig aufnahm, zu Gefallen verfaßt haben soll. Es ist dies ein durch die völlige Durchdrinsalin von Form und Inhalt, sowie durch die Getaltung anmutiger Bilder des wirklichen Lebens in einer kunstvollen Prosa durchaus klassisches Werk, welches aus einer Sammlung von 100 Novellen und Geschichten besteht, in denen er Menschen aus allen Ständen, von allen Charakteren und Altern, Ereignisse aller Art, die ausgelassensten und heitersten wie die rührendsten und tragischsten, in unubertrefflicher Prosa schildert. Fast in alle Sprachen ist der Decamerones übersetzt, und unzählige Schriftsteller, vor allen auch Shakspeare, haben aus ihm eschöpft. Die erste Ausgabe desselben, die sog. eo gratias, erschien ohne Angabe des Jahres und des Ortes; die zweite erschien 1471 in Venedig: beide in Folio und äußerst selten. Unter den neuern Ausgaben zeichnen sich aus die von Poggiali (4Bde., Livorno 1789—90), die kritische Ausgabe von Biagoli mit histor.⸗litterarischem Kommentar (6 Bde., Par. 1823), die von Ugo Foscolo mit einer geschichtlichen Einleitung (3 Bde., Lond. 1825), namentlich aber die von Fanfani (2 Bde., Flor. 1857; dazu als 3. Bd. die berühmten „Annotazioni dei Deputatir). Eine brauchbare Handausgabe erschien in der „Biblioteca d'autori italiani (Bd. 3 u. 4, W 1865). Die beste deutsche Übersetzung ist von itte (3. Aufl., 3 Bde., Lpz. 1858). Die alte deutsche Übertragung von Heinr. Steinhöwel wurde von Keller (Stuttg. 1860) neu herausgegeben. Vgl. Landau, «Die Quellen des Decameronev, ien 1869.) B.s 4Opere completes gab Moutier heraus (17 Bde., Flor. 1827). liber B.s Leben schrieben Filippo Villani, Manetti, Manni in der «Storia del Decameronen (Flor. 1742), Mazzuchelli und Tiraboschi, und am ründlichsten Graf Baldelli (Flor. 1806); neue Aufsclüsse eben die Monumenti d'un manoscritto Autograto di Giov. B. „ (herausg. von Ciampi, Flor. 1827). Vgl. ferner Landau, Giovanni B., sen Leben und seine Werker (Stuttg. 1877; italienisch, um das Vierfache vermehrt von Antona-Traversi, Neap. 1881); Körting, B.s Leben und Werker Lpz. 1880); Hortis' Monographien über B.; A. artoli, H Precursori del B.v (Flor. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 220Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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