Böhme oder Böhm (Jakob), Philosophus Teutonicus genannt, einer der berühmtesten Theosophen und Mystiker, geb. 1575 zu Altseidenberg unweit Görlitz, der Sohn eines armen Bauern, blieb bis in sein 10. Jahr ohne allen Unterricht. Schon in dieser Zeit regte sich, in dem Anschauen einer reichen Natur, eine Ger Einbildungskraft und ein tiefes frommes Gefü 9l in ihm, sodaß er sich einer höhern Eingebung teilhaftig hielt. Seine Eltern ließen ihn darauf das Schuhmacherhandwerk erlernen. Auf seiner Wanderschaft wurde er wohl uerst mit den im Volke umlaufenden, gegen die errschende Orthodoxie vielfach polemischen Gedanken der deutschen Mystik (s. d.) vertraut: die damals in Sachsen herrschenden Streitigkeiten über den Kryptocalvinismus beschäftigten den Ctre wie⸗ —% sein religiöses Gemüt ihn über den Streit der Sekten erhob. Nach Görlitz zurückgekehrt, ward er 1594 Meister daselbst. Mehrere Entzuckungen und Gesichte, welche sein religiöses Gemüt einer unmittelbaren Einwirkung Gottes und Erleuchtung durch den Heiligen Geist Saer bestimmten ihn, die Feder zu ergreifen. Seine erste Schrift, welche er „Aurora, oder die Morgenröte im Aufgangv (612) nannte, enthält seine Offenbarungen und Anschauungen über Gott, Menschheit und Natur, und aus ih1, wie aus feinen übrigen Schriften, leuchtet eine vertraute Bekanntschaft mit der Bibel hervor. — scheint er es Paracelu Schriften, z. B. einige Flugblätter des Paracelsus und namentlich auch Schriften von Valentin Weigel (s. d.) gekannt zu haben. Die Geistlichkeit in Görlitz feindete ihn wegen des Buches an, ließ ihn vor Gericht *— — und verdammte das Buch, während an B. sel st nichts Sträfliches erfunden wurde. Obschon von vielen Seiten aufgefordert, ließ er doch erst von 1619 an seine übrigen Werke erscheinen. Unter ihnen zeichnen sich aus die Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesensv, die Schrift Von dem Dreijachen Leben des Menscheno, die Beantwortung der „Vierzig Fragen von der Seelev, gestellt durch Balthasar Becker, die Schriften Von der Menschwerdung Jesu fler We und (Von der Geburt und Bezeichnung aller Wesen oder De signatura rerumo, ferner Der Weg zu Christo v, und besonders das Mysterium magnum enthaltend eine Auslegung des ersten Buches Mosis). Das Charakteristische der 1. R Bis ist die voll ständige % von Mystik und Naturhilosophie: die religiösen Grundgedanken welche f aus der gläubigen Betrachtung des Verhältnisses der individuellen, der Sünde anheimfallenden und durch die Gnade erlösten Seele zu der allheiligen Gottheit entwickelt —— werden für B.s großartig phantastische Weltanschauung die Kategorien, durch welche er auch den gesamten Naturprozeß, das Hervorgehen der natürlichen Welt aus dem göttlichen Wesen, ihren Abfall von demselben, ihre dereinstige Verklärung zu begreifen hofft. Das Wichtigste ist dabei, daß B. den ursprünglichen Gegensatz, aus dem alles abgeleitet werden soll, in die Gottheit selbst verlegt. So verwandelt sich diese mystische Metaphysik in ein religiöses Gedicht, welches die Selbsterzeugung der Gottheit als die metaphysische Vorgeschichte des Weltlebens behandelt, —— das bewegende Prinzip derselben (abhängig, obwohl in einer B. selbst unbewußten Weise, von gewissen Bildern und Gleichnissen der neuplatonischen Philosophie und der aus ihr hervorgegangenen Geheimlehren des Mittelalters) besteht in der Grmndvoraussehnng, daß das Positive der Negation, das Heilige der Sünde, die Gottheit der Welt, die Liebe des Zorns ebenso, wie das Licht der Finsternis bedürfe, um aoffenbar» zu werden. Mancherlei Anfechtungen der Gelehrten seiner Zeit beunruhigten B.s letzte Jahre; doch ertrug er dieselben mit großem Gleichmut. Wahrscheinlich gab dazu eine ude obn «über die Bußen Anlaß, welche B.s Freunde ohne sein Wissen hatten drucken lassen. Die Sache erregte so allgemeine Aufmerksamkeit, daß B. 1624 nach Dresden reiste, um die von 100 mitgeteilten Lehren untersuchen zu lassen. Hier fand er selbst am Hofe Beifall und Schutz; nach seiner Rückkehr erkrankte er und starb 27. Nov. 1624. Die H1 Sammlung seiner Schriften besorgte der holländ. Kaufmann Heinr. Beets seit 1660, eine vollständigere Gichtel (10 Bde., Amsterd. 1682), welcher auf ihrer Grundlage die Sekte der Engelsbrüder Ien die Seitdem erschienen mehrere dam (6 Bde.); die neueste ist von Schiebler (7 Bde., Lyz. 1831 —46). B.s erste Biographie lieferte Abraham o Biltam Law. gest. 1652. Auch in England, wo William Law eine lübersetzung seiner Schriften (2 Bde.) herausgab, fand er viele Verehrer. Es bildete sich hier eine Böhmistische Sekte, und schon 1697 stiftete Johanna Leade eine Gesellschaft unter dem Namen der Dorenl Ret zur Erklärung seiner Schriften. Der engl. l John Pordage hat sich als Erläuterer B.s berühmt gemacht. Ferner eignete sich der württemb. Theolog Oetinger B.s Ideen an, sowie auch der geistvolle ranz. Mystiker Louis Claude de Saint-Martin. nter den Neuern machte besonders Friedr. Schleel auf die philos. Tiefe seiner Gedanken aufmerkam; Schelling eignete sich in seinem spätern System vieles aus ihnen an; Hegel, der 9 oft auf V. in Beziehung auf verwandte Begriffe berief, datierte von ihm den Anfang der neuern Philosophie. Den rößten V. auf seine Erklärung aber verwandte ranz von Baader, Deptiche es sich zur Lebensaufgabe setzte, die alte deut 10 Mystik zur Grundlage einer neuen religiösen Philosophie zu erheben. Eine Darstellung der Theosophie B.s von seiten ihrer metaphys. Grundprinzipien gab L. Feuerbach in seiner 4Geschichte der neuern hilosophier (Bd. 1, Ansb. 1833), von seiten ihres Debe christl. Charakters Jatob 9.5 (Die Lehre des deutschen Philo-H sophen Jakob B., (Müunch. 1844). Beide Gesichtess punkte vereinigend, bezeichnete Carriere in seiner „Philos. Weltanschauung der Reformationszeit in ihren Beziehungen zur Gegenwartv(Stuttg. 1847) ber B. und Giordand Bruno als die beiden Höhenpunkte des philos. Bewußtseins im Reformationszeitalter. Vgl. Fechner, (Jakob B. Sein Leben und seine Schriften »(Görlitz 1857); Peip, Jakob B., der deutsche Philosopho 1860); Harleß, * die Alchimisten» (2. Aufl., Lpz. 1882); artensen, „Jakob B. Theosophische Studieno (autoris. deutsche Ausgabe von Michelsen, Lpz. 1882).