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ReligionBrockhaus 1882

Böhmische Brüder nannte sich eine religiöse Gemeinschaft, welche im 15. Hen „in Böhmen auftrat. Ihre ersten Anfänge gehen zurück auf einen gewissen Peter, nach seinem Stammort Cheleieer Beuder (seine Anhänger eißen deshalb Chelczicer rüderr). Obgleich nur Grundbesitzer vom niedern Adel und Laie, gewann Peter als bedeutender Denker zahlreiche Anhänger, welche durch die Lehre von der Gerechtigkeitz geeinigt wurden zu einer Gemeinschaft, in der freilich keine durchgeführte Gutergemeinschaft, wohl aber der Grund atz herrschte, daß der Reiche in freiwilliger Armut seine Güter nur r die Brüder verwalten solle. Auf Verwendung calirtinischen Erzbischofs Rokyczana wies der König Georg Podiebrad den Brüdern 1453 auf dem Liticzer Gute Kunwald bei Senftenberg Wohnsitze an. Verfolgungen verscheuchten sie wieder in die Wälder und Berge, 7 wuchs ihre Zahl immer derde und 1467 entschlossen sich die Brüder, von der verderbten kathol. Kirche Ord loszusagen und nach apostolischem Muster eine Ordnung der Einrichtung der ersten Kirche herzustellen. Durchs Los bestimmten sie drei aus ihrer Mitte zu 1. 1 tern und von diesen wiederum einen als Bicho Deren Ordination vollzog ein Bischof der Waldenser. Gegen die ewüll, herrschenden strengern Grundsätze betreffs freiwilliger Armut, besonders vertreten durch Gregor, den Neffen Rokyczanas, erhob sich bald eine mildere Partei. Dieselbegelangte 1494zur Herrschaft unter Lukas von Prag, welcher als zweiter Begründer der Brüderunität bis an seinen Tod (11. Dez. 1528) großen Einfluß hatte, obgleich auf seinen Antrieb die oberste Leitung statt einem Bischof einem engern Rat von vier Senioren übertragen ward. Die überwundene strengere Partei bestand noch etwa 50 Jahre lang neben der Unität unter dem Namen der »Amositeno oder ader kleineren Parteiv. Weder die friedlichen Bekehrungsversuche der Dominikaner (um 1500) noch die blutigen Verfolgungen, welche König Wladislaw II. über sie verhängte (1503—16) führten die Brüder zur kathol. Kirche zurück. 116 Luther gegenüber, mit dem sie mehrfach verhandelten, bewahrten die Brüder, solange Lukas von Prag an * Spitze stand, ihre Eichenlog in Beibehaltung des Cölibats, der Siebenzahl der Sakramente, der kath. Abendmahlslehre, in Verwerfung der Rechtfertigung allein aus dem Glauben und Forderung apostolischer Lebenszucht. Nach Lukas' Tod verloren die Brüder indessen immer mehr ihre ursprungliche Reinheit; anfangs, unter Augusta, wandten sie sich besonders der luth., Duldr mehr der reform. Lehrweise zu, vor allem um uldung zu gewinnen. So schlossen die aus Anlaß erneuerter Verfolgung 1548 nach Polen ausgewanderten Brüder 1570 mit den Lutheranern und Reformierten den mdem Bi von Sandomir, auf Grund dessen ihnen in dem Dissidentenfrieden 1572 Duldung zugesichert ward. Demselben Zweckdiente in Böhmen die Contfessio Bohemica (1575), ein Vergleich der Brüder mit den Lutheranern, Reformierten und Calixtinern, auf Grund dessen Kaiser Rudolf II. 1609 den Majestätsbrief ausstellte. Der für den Protestantismus ungluckliche Ausgang des Böhmischen Kriegs hatte auch die fast gänzliche Vernichtung der Brüder in IMamn zur Folge. Nur im stillen konnten sie sich sammeln und ihr Ienland Amos Comenius (s. d.) mußte 1627 sein Vaterland verlassen; doch erlebten sie in der Stiftung der erneuerten Brüdergemeine (s. d.) eine zweite Blüte. Vereinzelte Überreste der alten Böhmischen Brüder kamen 1sich unter Joseph II. wieder zum Vorschein, mußten si aber zu einer der beiden allein geduldeten Konfessionen, der Augsburgischen oder Helvetischen, bekennen. Die Eigentümlichkeit der Brüder liegt weniger auf dem Gebiete der Lehre als darin, daß sie in Nachahmung apostolischer Kirchenverfassung und Kirchen-D830 eine Erneuerung des ganzen Lebens im Geiste es Christentums Teunaft Allerdings bekämpften sie die Lehren von Transsubstantiation, Fegfeuer, Heiligen⸗ und Reliquiendienst, aber ihre Abendmahlslehre blieb so unbestimmt, daß sie bald mit den Lutheranern, bald mit den . sich vereinigen konnten; im Interesse strenger Zucht bekämpften sie die Rechtfertigung allein aus dem Glauben und hielten fest am Cölibat. Dabei ist es ihnen wie kaum einer andern Gemeinschaft gelungen, die Grundsätze des Christentums im Leben zur Durchführung zu bringen. Vgl. von Zezschwitz, „Die Katechismen der Waldenser und Bohmischen Brüder» (Erlangen 1863); Gindely, «Geschichte der Böhmischen Brüder v (2 Bde., Prag 1868); Goll, Quellen und Studien zur Geschichte der Brüder» (Prag 1878). VBöhmische Deisten, s. Abrahamiten.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 257Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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