FeedBöser Blick
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Böser Blick, auch Böses Auge, Augenzauber, nennt man jenen Aberglauben, nach welchem gewisse Menschen mit dämönischen Mächten in Berührung stehen und die Kraft besitzen sollen, durch bloßes Anschauen andern Personen, vor allem Kindern, dann aber auch Haustieren und felbst leblosen Gegenständen in ähnlicher Weise Schaden zu-Bas en, wie solcher vermeintlich dur Behexen, échreen, Besprechen u. s. w. herbeigeführt wird. Bei den Griechen und Römern war der Glaube an die Wirksamkeit des Bösen Blicks allgemein verbreitet. Ganze Familien, ja ganze Völkerschaften, namentlich unter Skythen und Alsein. sollten die unheimliche Gabe besitzen. Als ein Paichen derselben galten von jeher doppelte Pupillen, bei Frauen auch rotrandige und Triefaugen. Die Alten kannten zahlreiche Mittel (bei den Griechen IIeogg-HAa, bei den Römern Fascina), um sich und die hrigen vor der Hieieloen Macht des Bösen licks zu schützen. Dieselben bestanden teils in gewissen Formeln und Handlungen (wie namentlich das Ausspucken), mit denen man dem gerade drohenden Augenzauber begegnete, teils in Amuletten, die man sich, seinen Kindern, seinem Vieh anhing, oder an den Geräten, Häusern und Mauern anbrachte, oder auch frei im bebauten Felde aufrichtete. Die Antiquitätensammlungen bewahren noch Urm. 5 Schutzmittel dieser Art in Gestalt von rm⸗, Brust⸗ und Halsbändern aus den verschiedenartigsten Stoffen, welche Götterbilder, kleine Halbmonde, eine Hand mit ausgespreizten Fin-Rom ein osfsenes Auge u. s. w. zeigen. Bei den ömern galt der Phallus für das sicherste Amulett Roen allen Schaden des Neides oder Bösen Blicks. doch gegenwärtig lebt die Furcht vor dem Augenauber in den südl. und östl. Ländern * fort, ganz allgemein in Italien, namentlich im Nea-Ran änst wo er den Namen Jettatura führt. schützt sich vor Enuetne, urch erade so wie im Altertum durch Amulette, durch Formeln und Geberden. Zu letztern gehört die geballte Hand mit zwischen dem Zeige-und Mittelfinger hindurchgestecktem Daumen. Nicht weniger verbreitet ist die Furcht vor dem Bösen Auge bei den Albanesen und Neugriechen. Bei letztern heißt dasselbe Rakomati. Ganz ähnliche Vorstellungen herrschen unter den Rumänen und Slawen, vorzüglich bei den Serben, Russen und Polen. Sehr gefürchtet ist das Böse Auge (Ajin-rah) bei den russ. und oln., sowie den orient. Juden. Mit den Arabern at sich der Aberglaube auch über ganz Nordafrika verbreitet. Im Orient schützt man sich vor dem Augenzauber oder Na ssr durch allerlei Koransprüche, Mineralien und Pflanzen, die als Amulette getragen werden. Im nördlichern Europa spielt der Glaube an den Bösen Blick oder das Evil eye in Nordengland und in Schottland im Volke noch eine Rolle. Aber auch in Deutschland ist dieser Aberglaube noch weit verbreitet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 364Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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