Bradlangh (Charles), engl. Freidenker und Politiker, geb. 26. Sept. 1833 in London. Sein Vater, ein Advokatenschreiber in ärmlichen . nissen, konnte ihm nur eine beschränkte Erziehung geben. Nachdem B. sein 12. Jahr erreicht hatte, wurde er Laufbursche bei dem Prinzipal seines Vaters. Vierzehn Jahre alt, fand er eine Anstellung als Schreiber und Kassierer bei einem Kohlenhändler. Seine Mußestunden füllte er als Lehrgehilfe in einer hochkirchlichen Sonntagsschule aus. Im J. 1848 brachte die chartistische Bewegung einen mächtigen Eindruck auf ihn hervor. So oft er konnte, besuchte er 9.—.— Meetings, ja nahm gelegentlich an den Diskussionen teil. Hen, un begannen religiöse Zweifel in ihm zu erwachen, und da weder die Burcden seines Vaters noch der Geistlichen ihn überzeugten, verließ er, um ihren Vorwürfen zu entgehen, Dienst und Vaterhaus und suchte bei einem ältern gleichgesinnten Prwatt Zuflucht (1849). Eifrig bemüht durch Privatstunden die Lücken seiner Erziehung zu ergänzen, redete er von nun an häufig in Mäßigkeitsvereinen, nahm teil an allen zu Gunsten der Polen und Ungarn gehaltenen öffentlichen Versammlungen, schrieb Gedichte auf Kossuth und Mazzini, hielt unch en und veröffentlichte, nachdem er die Bekannt chaft Holyoakes, des Stifters der Sekte der Säkularisten, gemacht, erst siebzehnjährig seine erste 309 f18500 few words on the Christian Creedo (1850). seinen Freunden nicht länger zur Last zu fallen, ließ sich B. bei einem in Dublin stationierten Regiment Gardedragoner anwerben. Nach mehrern Dienstjahren wurde er des gewöhnlichen Dienstes enthoben und als Schreiber in dem Ordonnanzburegu beschäftigt. Inzwischen hatte der Tod seines Vaters seine Mutter und Geschwister in große Not gestürzt. Um diesen 10 helfen, erkaufte B. im Okt. 1853 mittels einer kleinen Erbschaft, die ihm um dieselbe Zeit von einer Tante zufiel, seine Entlassung aus dem Militärdienst und kehrte nach London zurück. Er fand dort Beschäftigung bei einem Advokaten, der seine vorgeschrittenen polit. und religiösen Ansi ten teilte und seiner Agitation für dieselben kein Hindernis in den Weg legte. Um aber seinen Freund wie sich selbst vor Angriffen zu schützen, die ihn von neuem brotlos gemacht haben würden, nahm er für seine antitheol. Wirksamkeit das Pseudonym &Ikonoklastes» an, das er seitdem bis 1868 beibehielt. Der Charakter seiner Agitation war in diesem Beiwort genügend angedeutet. Bilderstürmerischer Radikalismus, Dialelen von einem Dunch r Verstand, einer kühnen Dialektik und einer urch Ubung zur Meisterschaft ausgebildeten bedeutenden Naturgabe der Beredsamkeit bezeichneten ihr innerstes Wesen; in ihrer Form war sie teils litterarisch, teils juristisch, teils ein rastlos wanderndes Kämpfer⸗ und Aposteltum. Nachdem er mehrere Jahre in Arbeitervereinen Vorlesungen gehalten, ab er 1856 eine Reihe von Flugschriften unter dem Titel Half hours with Freethinkerso heraus und begann einen Kommentar über den Pentateuch, der später als Buch unter dem Titel The Bible as it iso erschien. Im J. 1858 war er als Advokat und Journalist an der Verteidigung des Buchhändlers Truelove und des Dr. Bernard beteiligt, die, im Zusammenhang mit Orsinis Attentat auf den Kaiser Napoleon, vor den engl. Gerichten an-Cbaht waren. In demselben Jahre hielt er in heffield mit einem nonkonformistischen Prediger seine erste öffentliche Diskussion über theol. Gegenstände und wurde an Holyoakes Stelle zum Präsidenten der londoner Secular Society erwählt. Von 1858—59 redigierte er die freidenkerische Zeitschrift „TIhe Investigatoro und setzte, außer seinen Vorlesungen in Handwerkervereinen, seine öffentlichen theol. Diskussionen mit nonkonformistischen Predia und jüd. Rabbinern in Northampton, Sheffield, lasgow und Halifax fort. Allmählich begann sein Name durch diese Diskussionen bekannt zu werden. Während aus den arbeitenden Klassen eine Partei sich um ihn sammelte, trat die Geistlichkeit ihm mit feindlich organisiertem Widerstand entgegen. Neben seiner Bibelkritik erregte besonders die Entschiedenheit, womit er die arbeitenden Klassen auf die praktischen Konwies 2l. von Malthus' Bevölkerungslehre hinwies, Aufsehen; in politischer Hinsicht hielt er 1. an seinen republikanischen Sympathien. Als Organ für seine Lehren gelang es ihm 1860 die Wo-Wührend The National Reformers zu begründen. ährend des amerik. Bürgerkriegs vertrat B. konequent die Sache der Nordstaaten gegen die rebellichen Sklavenhalter. Im J. 1866 zu einem der izepräsidenten der Reformliga erwahlt, beteiligte er sich eifrig an der Agitation, welche die Reformbill von 1867 herbeiführte. Bei den allgemeinen parlamentaris en Neuwahlen von 1868 erschien er als radikaler Kandidat in Northampton und gewann die ansehnliche Minorität von 1100 Stimmen. Während des Dorles Jahrzehnts setzte er sein Wanderleben als Vorlesungen haltender Agitator in größerm Umfange fort und veröffentlichte zugleich rckung la von Schriften, die zum Teil weite Verbreitung fanden. Unter denselben verdienen Erwähnung «The National Secular Societyꝰs Almanacho (1869), Heresy, its utility and moralityy (1870), &The impeachment of the House of Brunswicko (1873), 4A few words about the devil and other biographical sketches and essaysv (1874), The freethinkers text-booko (1876), Jesus, Shelley and Malthus, or pious poverty and heterodox happiness(1877), A plea for Atheismy (1877), The laws relating to blasphemy and heresyv (1878) u. s. w. Eine allgemeinere öffentliche euht Durch en wurde jedoch zuerst auf ihn hingelenkt durch den Prozeß, den 1877 die Herausgabe der „Fruits of Philosophyn ihm zuzog, einer Schrift, welche die praktische Anwendung der Malthusschen Lehren in sexueller Hinsicht befürwortete und der strafbare Obscönitat vorgeworfen wurde. B. bestand auf dem wissenschaftlichen Charakter des erks und entging, nach einer glänzenden Verteidigung, obgleich in erster Instanz verurteilt, durch geschicke Benutzung eines Formfehlers der gegen ihn erkannten Strafe. Noch größeres Aufsfehen machte seine Wahl zum Abgeordneten für Northampton bei den allgemeinen parlamentarischen Neuwahlen von 1880. Als Atheist den üblichen Treueid mit der Anrufung der Gottheit verwerfend, kündete er bei Eröffnung der Session am 3. Mai lhe Absicht an, statt dessen die Affirmationo zu eisten, welche den Parlamentsmitgliedern aus Sekten, welche den Eid mißbilligen, schon seit Jahrzehnten freistand. Da es jedoch zweifelhaft schien, ob jene Erlaubnis in B.s Falle zulässig sei, ernannte das Haus ein Untersuchungskomitee, dessen Entscheidung gegen ihn ausfiel. B. erklärte nun bereit den Eid zu leisten, wurde indes au hieran verhindert durch die Entscheidung eines zweiten Komitees, und da er sich weigerte das Haus zu verlassen, auf den Antrag Sir Stafford Northeotes, des Führers der Konservativen, verhaftet (23. Juni). Schon am folgenden Tage freigelassen, erlangte er durch Gladstones Vermittelung die Erlaubnis, die Affirmation zu leisten und an den Verhandlungen des bpnche teilzunehmen, bis die Frage der Legalität durch einen Gerichtshof entschieden sei. Diese Entscheidung verzögerte sich bis zum 29. März 1881 und ging gegen B. Er legte hierauf sein Mandat nieder, wurde aber schon 9. April von neuem in Northampton gewählt und stellte sich nun wieder zur Tmiesoiurior Noch einmal durch eine konservative Resolution Sir Stafford Northeotes an derselben verhindert, und bei einer spätern Gelegenheit durch eine zweite n ucett unter Androhung von Gewalt von dem Zutritt ins Haus ausgeschlossen, wurde er gegen das Ende der Session, 3. Aug. 1881, bei einem schließlichen Versuch, Zutritt zu erlangen, thatsächlich mit Gewalt entfernt. Bei der Eröffnung der Session von 1882, am 7. Febr., lunen Ldorn die Konservativen mit Hilfe mancher lauen Liberalen ihre frühere Taktik. B. trat ihnen entgegen, indem er 21. Febr. aus freien Stücken den Eid ablegte, wurde indes mit. Marz ue aus dem Unterhause ausgestoßen. Am 4. März noch einmal in Northampton gewählt, wurde er am 6. März von neuem zur Eidleistung unfähig erklärt, was sich dann noch mehrmals wiederholte. Vgl. «The Autobiography of B.v (Lond. 1873); Katscher, Charles B.y (in «Unsere Zeito, Lpz. 1882, I, 441 fg.).