Arndt (Ernst Mor.), berühmter Freiheitsdichter und deutscher Patriot, wurde 26. Dez. 1769 in Schoritz auf der Insel Rügen geboren. Sein Großvater war Leibeigener, ermöglichte es aber, dem jüngern Sohne, Ludwig Nikolaus, guten Schulunterricht geben zu lassen. Dieser wurde vom Grafen Malte-Putbus freigegeben und erwarb sich als Verwalter, später als Pachter Wohlstand und eine geachtete Stellung. Von acht Geschwistern der zweite, wuchs A. unter den gesunden Verhältnissen des Landlebens heran. Nach häuslicher Vorbereitung rückte A. 1787 in die Secunda des stralsunder Gymnasiums ein, verließ aber im Herbst 1789 die Schule, weilte bis 1791 im elterlichen Hause, studierte dann in Greifswald (1791 —- 93) und in Jena Theologie. Nach einer längern Fußreise durch einen Teil von Deutschland im Herbste 1794 heimgekehrt, lebte er wiederum zwei Jahre im elterlichen Hause, seit 1796 als Hauslehrer bei Kosegarten in Altenkirchen. Jedoch entsagte A. bald der Theologie, um sich ausschließlich histor. und litterarischen Studien zu widmen. Im Frühjahre 1798 ging er nach Stterreich, lebte ein Vierteljahr in. Wien, besuchte Ungarn, zog über die Alpen, brachte den Sommer in Paris zu und kehrte im Herbst 1799 durch Deutschland wieder zurück. Seine Erfahrungen sind in einem von scharfem Blick und klarem Urteile zeugenden Reisewerke (4 Bde., Lpz. 1804) ber (heie t. Ostern 1800 trat er als Privatdocent der Geschichte und Philologie in Greifswald auf. Seine zahlreich besuchten Vorlesungen umfaßten das ganze Gebiet der Geschichte, mit besonderer Bevorzugung des Verfassungs⸗ und Kulturlebens; auch erklärte er griech. Dichter; 1806 ward er außerord. Professor. Außer zahlreichen Gedichten schrieb er seine Dissertation egen Rousseaus „Oontrat socialp, eine kleine Schrift, Ein menschliches Wort über die Freiheit (Greifsw. 1800), welche viel Aufsehen machte, «Germanien und Europa » (1803) und die «Fragmente über Menschenbildung »H.((895). Seinen wahren Beruf zeigte A. durch die Schrift: Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Freuunt und Rügen v (1803). Der energische Freimut, mit dem die Greuel der Leibeigenschaft aufgedeckt, das sittliche Unrecht und die polit. Verkehrtheit derfelben Odeeer u wurden, zog ihm eine Denunziation adeliger Gutsbesitzer beim Könige von Schweden 490 auf A.s Verantwortung erklärte derselbe: 610 Teihet ist, so hat der Mann rechtv, und hob 1806 die Leibeigenschaft auf. Weder der eingeborene Trieb noch das gewaltsame Drängen der Zeitereignisse ließ A. die Ruhe zur stillen Thätigkeit des Docenten. Vom Herbst 1803 bis 1804 lebte er in 45 2 worüber seine „Reise durch Schweden» (4 Bde., Berl. 1806) Bericht erstattete. Nach ˙3• Heimkehr, als 1805 Osterreich, 1806 Preußen durch Napoleon J. niedergeworfen und das Deutsche Reich aufgelöst worden war, pflanzte A. in seinem« Geist der Zeit v (Altona 1807; 6. Aufl. 1877) die Fahne auf, die er von da an emporgehalten und verteidigt hat. Hatte er früher dem Genius Bonapartes bewundernde Huldigung gezollt, so mahnte er jetzt in feuriger Rede das deutsche Volk, den Erbfeind zu bekämpfen bis zur Vernichtung. Vor der Verfolgung Napoleons I. mußte er nach Schweden flüchten. Nachdem er hier in der Staatskanzlei drei Jahre ugebracht hatte, kehrte er, seit 1808 seiner Profesur durch die Franzosen enthoben, heimlich nach Deutschland zurück und gelangte nicht ohne Gefahr nach Berlin. Ostern 1810, nachdem Schweden Frieden geschlossen, nahm er wieder seine Professur in Greifswald ein, ging aber Aug. 1812 nach Petersburg, nachdem er in Berlin und Breslau in engere Verbindung mit den preuß. Patrioten getreten war. In Petersburg berief ihn Freiherr von Stein zu sich, um zur Organisation des Kampfes gegen Napoleon sich seiner litterarischen Mitwirkung zu bedienen. Rasch war das innige Verhältnis zwischen beiden geknüpft, von dem A. in seinen Wanderunen und Wandlungen mit dem Reichsfreiherrn .K. F. von Stein » (Berl. 1858; 3. Ausg. 1870) ein lebendiges Bild gegeben hat. Als Napoleon den Rückzug angetreten, eilte A. mit Stein na Deutschland zurück, und als das deutsche Volk si zum Kampfe erhob, Schach A. es durch Gedichte und Flugschriften zu Schlachten und Siegen. Er stand mit seinem Zorne und mit seinem Hoffen mitten im Volke; mit klarem Blick und festem Griff erfaßte er das Nächste, das not that; dafür stand ihm das kräftigste Wort zu Gebote, das gewaltig ündete. Viele von seinen Liedern, wie „Was ist es Deutschen Vaterland?v, «Der Gott, der Eisen wachsen ließv, Was blasen die Trompeten? Husaren heraus lo, «Sind wir vereint zur guten Stundev, leben als echte Zeugnisse großer Sa im Volksmunde noch heute fort. Seine Flug-Daterkalz wie »Landwehr und Landsturm », 4Sol-Strom, aber nicht Teutschlands Grenzeo, die letzte im frischen Eindrucke der Leipziger Schlacht geschrieben, ernn in vielen Herzen patriotische Kraft und Begeisterung geweckt. Mit dem ½½ war A. nach Frankfurt gekommen, wo er den Winter über beschäftigt ward. m Sommer 1814 durchwanderte er die Rheinande und verlebte den folgenden Winter in Berlin. Er war, schon ehe seine Heimat an Preußen ber⸗ ein Preuße in seinem Herzen geworden, weil er preußische Staat es war, der sich fähig gezeigt Dws für die Ideen zu kämpfen, welche seine Seele ewegten. Nachdem Hardenberg ihn für den preuß. Staatsdienst gewonnen, rief ihn der neu ausbre-Ränn Krieg im Frühjahre 1815 wieder an den hein, wo er in Köln eine polit. Zeitschrift, Der Wächters, herausgab. Seit 1817 lebte er in Bonn, um an der neu zu errichtenden Universität eine Professur der iich wi zu übernehmen, und hier verheiratete er sich mit Nanna Maria Schleiermacher, der Schwester des berühmten Theologen. Kaum aber waren die Vorlesungen begonnen, als er schon wieder vom Katheder verdrängt wurde. A. hatte den Krieg nur als die notwendige Vorbereitung zu einer staatlichen Herstellung Deutschlands betrachtet und sah nun mit Kummer und Unwillen, wie die bedeutendsten Männer beseitigt wurden, wie beschränkte Mittelmäßigkeit und kleinsliche Furchtsamkeit nach außen wie im Innern regierten. Auch auf ihn fiel die Ungunst, welche alle Träger jener großen patriotischen Bewegung traf, und nach Kotzebues Ermordung wurde A. in die Verfolgungen wegen demagogischer Umtriebe hineingezogen und 10. Nov. 1820 vom Amte suspendiert; er schrieb darüber: Ein abgenötigtes Wort aus seiner Sache u. s. w.» (Altenburg u. Lpz. 1821). Nach jahrelangen Chicanen einer tendenziösen Kriminaluntersuchung konnte er doch kein Urteil erlangen; man nahm ihm zwar sein Gehalt nicht, aber seine Wirksamkeit als Lehrer. In dem MNotgedrunenen Bericht aus seinem Leben u. s. w. » (2 Tle., 3. 1847) erzählt A. rend des Kuieas damaligen Erlebnisse. Noch während des Kriegs hatte er am „Geist der Zeito (Bd. 2—4, 1813 — 18) fortgearbeitet, in Breslau cauf der Flucht des Lebens v 1813 seine Ansichten und Aussichten der teutschen Geschichte (Bd. 1, Lpz. 1814) niedergeschrieben. Jetzt folgten die LNebenstunden, eine Beschreibung der schottländ. Inseln und der Orkaden» (Lpz. 1826), «Schwed. Geschichten unter Gustav III. und Gustav IV. Adolf » (Lpz. 1839), (Versuch in vergleichenden Völkergeschichten »(2. Aufl., Lpz. 1844) und die kernhaften Erinnerungen aus dem äußern Leben » (3. Aufl., Lpz. 1842). Auch den polit. Fragen blieb er nicht fremd; die Julirevolution und ihre Folgen rief die kleinen Schriften: Die Frage über die Niederlande (Lpz. 1831) und „Belgien und was daran hängtv (Lpz. 1834), die er mit andern teils gedruckten, teils ungedruckten Aufsätzen in den vier Bänden der 4Schriften für und an seine lieben Deutschenv (Lpz. 1845 — 55) sene Muse: Keine 10 benso wenig verstummte seine Muse: seine «Gedichten fanden zahlreiche reunde (2Bde., Frankf. 1818; vollständige Sammung, Berl. 1860; 2. Aufl. 1865). Friedrich Wilhelm IV. beeilte sich nach seinem Regierungsantritt 1840, den Mann der sor ennr. kriege wieder in seine 7 als Professor einzusetzen; unter großem Jubel und Zudrang eröffnete A. wieder seine Vorlesungen, und für das nächste Jahr wurde er zum Rektor gewählt. Im April 1848 wurde er vom 15. rhein. Wahlbezirke zum Abgeordneten der Deutschen Nationalversammlung ewählt. Seine Thätigkeit in derselben zeichnete ich ebenso durch Anabsaare von den Strömungen der Parteien als durch Festigkeit und Besonnenheit aus. Als jedoch Friedrich Wilhelm IV. die ihm angebotene Kaiserkrone der Deputation gegenüber, zu der auch A. gehörte, ausschlug, trat er mit der Mehrzahl der Gagernschen Partei aus der Nationalversammlung aus. welchem Geist er die ganze Bewegung auffaßte, davon legen die Schriften: „Von dem verjüngten oder vielmehr zu verjüngenden Deutschland. Ein Büchlein für den lieben Bürgers⸗ und Bauersmann» (Bonn 1848), «Reden und Glosseno (Lpz. 1849), (Blätter der Erinnerung um und aus der Paulskirchen (Lpz. 1849), Arehnir ab. Zurückgekehrt nach Bonn, schrieb A. den fünften Teil seines 4Geistes der Zeito, betitelt Pro populo Germanicos (Berl. 1854). Daneben fand der unablässig Thätige noch Zeit und Stimmung für eigene Dichtungen und poetische Übersetzungen. So lebte A., mit Gartenarbeit, Fußreisen, Schwimmen den Körper rüstig erhaltend, bis an die Schwelle des 91. Jahres. Nachdem er noch an diaung 90. Geburtstage, 26. Dez. 1859, mit Huligungen aller Art geehrt worden war, starb er bald darauf 29. Jan. 1860. Eine Erzstatue (von Afinger) wurde ühm 29. Juli 1865 auf dem Plateau des Alten Zoll bei Bonn errichtet. — Seine Witwe starb 16. Okt. 1869 zu Bonn, 84 J. alt. Unter der umfangreichen Litteratur über A. sind hervorzuheben: «Ernst Moritz A.» (Berl. 1860); (Arndt-Album » (herausg. von P. J. Rein-Bacl Mannh. 1860); Labes, Ernst Moritz A. Ein üchlein für das deutsche Volk, nebst ungedruckten Briefen A.s» (Jena 1860); Rehbein und Keil, „Ernst Moritz A. Ein Buch für das deutsche Volko (Lahr 1861); Langenberg, «Ernst Moritz A., sein Leben und seine Schriften (Bonn 1865; neue Aufl. 1869); Schenkel, «Ernst Moritz A., ein polit. und religiöser deutscher Charakter v (2. Aufl., Elberf. 1869); W. Baur, «Ernst Moritz A.s Leben, Thaten und Meinungen» (3. Aufl., Hamb. 1870); F. Schmidt, 4Ernst Moritz A., ein Lebensbild v (2. Aufl., Berl. 1875); A.s Briefe an eine Freundinv andt 20 von Langenberg, Berl. 1878).