FeedBrougham and Vaux
GeschichteBrockhaus 1882

Brougham and Vaux (spr. Bruhm, Henry Brougham, Baron), hervorragender brit. Staatsmann, geb. 19. Sept. 1778 in Edinburgh, stammte aus einer der Grafschaft Westmoreland im nördl. England entsprossenen Familie. Unter dem Beirat des Geschichtschreibers Robertson, des Oheims seiner Mutter, erhielt er seine erste wissenschaftliche Bildung, begann, 16 Jahre alt, seine Studien auf der Universität zu Edinburgh, und schrieb schon im 18. Jahre einen Versuch über die Geschwindigkeit des Lichts (in den Philosophical Transactionso). Dabei las er die Musterreden der Griechen und Römer, lernte die Kunst des mündlichen Vortrags nach der Sitte junger Briten in einem berühmten Privatvereine, dem Speculative-Club, und widmete sich mit Eifer der Rechtswissenschaft. Nachdem er in Gesellschaft des nachherigen Lord Stuart de Rothesay eine Reise durch einen großen Teil Europas gemacht hatte, trat er 1800 als Sachwalter vor den schott. Gerichten auf. n seinem «Inquiry into the colonial policy of the European powers (2 Bde., Edinb. 1803), worin er den Ursprung und die Verbreitung des Neerhandels nachwies, gab er Beweise seiner um-We Kenntnisse und seines scharfen praktischen licks. Die 1802 entstandene Edinburgh Reviewy verdankte großenteils seiner Mitwirkung den Einfluß, den sie auf die öffentliche Meinung gewann. Sein Ruf als gerichtlicher Redner war bereits in Schottland begründet, als ihn einige von ihm übernommene wichtige Rechtssachen namentlich ein Prozeß des Herzogs von Rorburgh, vor die Schranken des brit. Oberhauses führten. Er 15 sich nun in London nieder und wurde 1810 in das Parlament gewählt. Einer seiner ersten Schritte in dieser neuen Laufbahn war der 1811 zum Gesetz erhobene Antrag, den Sklavenhandel für ein Kapitalverbrechen zu erklären. Er nahm seitdem an allen wichtigen Verhandlungen teil und zeigte besonders 1812 in der Bekämpfung der den Handel der Neutralen vernichtenden Geheimratsverordnungen von 1807 seine glänzenden Rednergaben. Nach dem Schlusse der Session von 1812 war B. vier Jahre lang nicht im Parlament, bis er abermals gewählt ward. Als England zur Teilnahme an der Heiligen Allianz eingeladen ward, erklärte er sich entschieden .— einen Bund zur Verteidigung der mit keinem ngriffe bedrohten Christenheit. r rin eines Beuchs, den er 1816 in Como der Prinzessin von ales abstattete, erwählte sie ihn zu ihrem Sachwalter, und als sie 1820 nach England zurückkehrte, um ihre Ansprüche auf die Rechte einer brit. Königin geltend zu machen, war B. ihr beredter und Lerr icher Verteidiger im Oberhause. Bleibenderes Verdienst erwarb er sich durch seine Bemühungen um Verbesserung der Volkserziehung in England, über die er seine Grundsäge in den trefflichen Practical observations upon the education of the people (Lond. 1825) entwickelte. Mit diesen Bestrebungen stand die durch ihn beförderte Stiftung der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Verbindung, die seit 1825 eine Reihe Volksschriften herausgab, von denen er einige selbst verfaßt hat. Im J. 1825 erwählte die Universität Glasgow ihn zum Lord-⸗Rektor; während der J. 1826 und 1827 bethätigte er seine eifrige Teilnahme an der Gründung der londoner Universität. Während B. als vielbeschäftigter Sachwalter wirkte, blieb er im Parlament der efen: 96 Wortführer für die wichtigsten Volksinteressen; besonders war er bemüht, eine durchgreifende Verbesserung der brit. Gesetzgebung und Rechtspflege herbeizuführen, deren arlegte,Als er 1828 mit siegender Beredsamkeit darlegte. Als daher der konservative Lord-Kanzler Lyndhurst mit Wellingtons Ministerium gefallen war, rief die Stimme des Volks den kurz vorher zum Vertreter von Yorkshire gewählten B. auf diesen Ehrenplatz, den er, weder durch Herkunft noch durch Familienverbindungen be sich selbst gewonnen hatte. Unter dem Titel B. and Vaurx ward er (22. Nov. 1830) zum Baron und Lord-Kanzler ernannt. Auch auf diesem neuen Schauplatze bewährte er seinen Ruhm bei den Verhandlungen über die Reformbill 1831 in einer seiner kräftigsten Reden. In dem mit seinem Amte verbundenen richterlichen Geschäftskreise zeigte er unermüdliche Thätigkeit in der Aufhebung verjährter Mißbräuche. Eine seiner ersten Maßregeln war die Verbesserung des gerichtlichen Verfahrens bei Bankrotten, die er trotz des heftigsten Widerstandes der Advokaten durchsetzte, und wobei er einen rühmlichen Beweis seiner Uneigennützigkeit gab, da die neue Einrichtung sein Diensteinkommen sehr verminderte. Doch schon Ende 1834 ward er durch den Wiedereintritt der Tories gezwungen, die Kanzlerwürde niederzulegen, und seitdem hat er nie wieder ein öffentliches Amt bekleidet. B. geriet später, ohne zur Torypartei überzutreten, in eine oppositionelle Stellung gegen die Whigs und ließ sich zu Schritten hinreißen, die sich nur als Ausflüsse persönlicher Gereiztheit bezeichnen lassen. Überhaupt trat mit zunehmenden Jahren auch die Excentricität seines Chara ters stärker ans Licht und verleitete ihn u Kundgebungen, die mit den Grundsätzen seines ühern Lebens in Widerspruch standen. Nachdem er sich wiederholt .. en die drückenden Korngesetze erklärt und deren udehung gefordert hatte, mißbilligte er 1845 die zu diesem Zwecke vorgeschlagenen Maßregeln, bekämpfte, im Gegensatz zu seinen Bemühungen um die nrn des Volksunterrichts, die Einsetzung einer Kommission zur Reform der Universitäten Orford und Cambridge, und sprach 7 sogar mit leidenschaftlicher Heftigkeit gegen die schaffung der Sinekuren aus. Die franz. Revolution von 1848 begrüßte er anfangs mit Anerkennung, kam jedoch bald davon Rarg und verurteilte in seinem Schreiben an den arquis von Lansdowney (1849) dieselbe und ihre Urheber in den land ate Ausdrücken. Während er 1823 gegen Rußland als den Erzfeind der Freiheit edonnert hatte, pries er 1850 den Zaren als den etter der Civilisation, sprach dann 1859 und 1863 wieder mit Wärme für Italien und Polen, und 1864 mit noch größerm Eifer für die Dänen. Noch und usb Erstaunen mußte es erregen, daß B. nach Ausbruch des amerik. Bürgerkriegs halb und 2 für die Südstaaten Partei nahm. Obwohl olche Inkonsequenzen seinem Rufe einigen Abbruch thun, bleibt er doch einer der bemerkenswertesten Charaktere, die England je hervorgebracht hat. Eine seltene Geistesfrische und körperliche Beweglichkeit zeichneten ihn noch in hohem Alter aus. In durch lütezeit war er durch glänzenden Vortrag, urch treffenden und oft in schneidenden Spott überehenden Witz, durch die Kraft und Biegsamkeit 0 Stimme einer der ersten Redner, und im ettstreite der parlamentarischen Debatte konnte außer Canning, Lyndhurst und Derby kein Gegner sich mit ihm messen. Groß als Rechtsgelehrter, war er mit den mannigfachsten Kenntnissen in fast allen andern Bereichen der Wissenschaft ausgerüstet, auch entwickelte er, namentlich seitdem er seiner amtlichen Funktionen enthoben wurde, eine bedeutende Iahee ehne Thätigkeit. Während der letzten ahre seines Lebens zog er sich gänzlich von den arlamentarischen Verhandlungen zurück. Seine etzte öffentliche That war die Begründung der National association for the promotion of social science, bei deren Ranb 9. Mat er noch 1866 den Vorsitz führte. Er starb 9. Mai 1868 auf seinem Landsitze in Cannes. Da er kinderlos starb, folgte ihm als zweiter Lord B. sein Bruder William, leiz 1795, früher Advokat, Beamter in dem Kanzeigerichtshof und Parlamentsmitglied für Southwark, der aus besonderer Anerkennung für die Verdienste seines Bruders durch königl. Patent vom J. 1860 zum Erben der Peerage ernannt wurde. Von Lord B.s Werken sind, außer den «Speeches at the bar and in parliamento (neue Aufl., 4 Bde., Lond. 1843), den 4Opinions on polities, theology and lawy (Lond. 1837) und dem Essay on the British constitution o (Lond. 1844), besonders zu nennen die histor. Werke: Sketches of statesmen of the time of George IIII (3 Bde., Lond. 1839 —43) und Lives of men of letters and science who flourished in the time of George IIIo lecter 1845; zweite Serie, Lond. 1846), in welchen etztern besonders die Schilderung Voltaires Beachtung verdient. Seine physik. Untersuchungen erneuerte er 1850 mit der Abhandlung «Experiments and observations on the properties of lightv, denen 1852 und 1853 weitere Arbeiten über denselben Gegenstand und «Analytical view of Newtons principia (Lond. 1855) folgten. Eine Sammlung seiner Schriften (Critical, historical and miscellaneous workso, 10 Bde., Lond. 1857; 2. Aufl., 11 Bde., Lond. 1863) wurde von ihm selbst semer Wertee Eine neue vollständige Ausgabe seiner Werke erschien in 11 Bänden (Edinb. 1872—73). Aus seinem Nachlasse gab sein Bruder heraus: The life and times of Henry Lord B., vwritten by himselfo (3 Bde., Edinb. 1871). Auch von dem ihm zugeschriebenen Roman Albert Lunelp erschien nach seinem Tode eine neue Ausgabe (3 Bde., Lond. 1872). Vgl. Campbell, ELives of Lord Lindhurst and Lord B.d (Lond. 1869). Brougham (engl., spr. Bruhm), zweisitziger, verdeckter Wagen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 587Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6