FeedBrüssel (Bruxelles)
ErdkundeBrockhaus 1882

Brüssel (Bruxelles), Haupt⸗ und Residenzstadt des Königreichs Belgien, zugleich Hauptstadt der Provinz Brabant und der ehemaligen österreichis chen, früher pan. Niederlande, ist von einigen Kanälen durchschnitten, welche sie mit dem Flusse Senne, der in mehrern Armen die Stadt durchfließt, und mit dem Scheldekanal verbinden, durch welchen letztern dieselbe mit Antwerpen und der Nordsee in Verbindung steht. B. liegt teils auf einer Anhöhe, teils in einer Ebene und ist im allgemeinen, trotz der Ungleichheit des Bodens, schön gebaut. Sie zerfällt in die höher gelegene, durch das neue Quartier Leopold erweiterte Ober-und in die Riederstadt an der nunmehr überwölbten Senne und am Kanal. In jener leben die Reichern und Vornehmen, und es wird hier fast nur französisch gesprochen; in der zum großen Teil eng und winkelig gebauten, in neuester Zeit aber mit breiten, geraden Straßen und Boulevards versehenen Riederstadt wohnen die Handel- und Gewerbtreibenden. Je mehr man sich von der Oberstadt entfernt, desto mehr wiegt das Flamländische vor. Die ehemali-Wälle, welche die Stadt umgaben, sind längst abhr und durch breite Baumalleen in freundiche, schattenreiche Boulevards verwandelt, deren Gesamtlänge 6 km beträgt. Eine schöne, doch wenig mehr frequentierte Promenade bildet die Allée-Verte, eine HaEwers längs dem Scheldekanal, welche fast halbwegs nach dem 4 Em von B. entfernten Lusts e Laeken, dem Aufenthaltsorte der königl. Familie, führt; ebenso die großartig angelegte Avenue Louise nach dem 2 kmentfernten und zu einem Lustwalde umgeschaffenen Cambrewald. Außer einem mit Wasserbecken und vielen Marmorstatuen besetzten, 13 ha großen Park in der Oberstadt enthält dieselbe eine Menge schöner, zum Teil mit Springbrunnen gezierter Plätze, wie: Place Royale mit dem kolossalen, von Simonis gearbeiteten, 1848 aufgestellten Monument Gottfrieds von Bouillon; den Rathausplatz mit seiner malerischen Einfassung meist aus der span. Zeit stammender Giebelhäuser; den Münzplatz mit der königl. Oper; den Märtyrerplatz, auf welchem die im Sept. 1830 benraben Frei-MiareduOre egraben liegen; lace du Grand-Sablon; Place du Petit-Sablon, zu einem blumenreichen Square umgeschaffen, wohin das früher auf dem Rathausplatze befindliche Denkmal der Grafen Egmont und Hoorn, von Fraikin, versetzt worden; Place des Barricades mit dem Standbilde des berühmten Anatomen Vesalius; endlich den Kongreßplatz an der Königsstraße mit der reizendsten Aussicht auf die untere Stadt und die umliegende Landschaft und der prachtvollen, mit dem Standbilde des Königs Leopold I. gekrönten Konstitutionssäule. Unter den Kirchen ist die rößte und schönste die Pfarrirche von St. Gudula und St. Michael, vom 12. Jahrh. ab bis 1653 in got. Stile erbaut, mit wei unvollendet gebliebenen Türmen, vielen an 16 mhohen, reichbemalten Fenstern und den ben Draban mehrerer Herzöge von Brabant und anderer ausezeichneter Personen. Andere Piarrlirchen sind: die in griech. Stile auf dem Caudenberg erbaute, den Königsplatz beherrschende St. Jakobskirche (zur Zeit des Konvents Tempel der Vernunft), dann Notre-Dame de la Chapelle, Notre-Dame de Finisterre, die Kirche des Sablon und die 1874 eingeweihte neue Katharinenkirche. Außerdem gibt es mehrere oaentüst geban prot. Kapellen, ferner eine im Rundbogenstil gebaute, 1878 eingeweihte Synagoge. Sehenswerte Gebäude sind: das berühmte, im got. Stile von 1401—54 erbaute Stadthaus, mit einem 118 mehohen Turme, der über die ganze untere Stadt emporragt und auf seiner Spitze die vergoldete, 5,5 m hohe Bildsäule des brüsseler Schutzpatrons, des Erzengels Michael, trägt; diesem gegenüber das sog. Brothaus, ein uraltes, wieder neu aufgeführtes Gebäude, welches vor 1794 mehrern Gerichtshöfen diente und in [welchem die Grafen Egmont und Hoorn als Gefangene saßen, jetzt von der städtischen Verwaltung verwendet; der Justizpalast, früher Jesuitenkloster; die 6eD Oper; das Entrepöt am Kanal; der bedeckte Markt in der Madeleinestraße; das Hospital Jean mit 600 Betten, dem Botanischen Garten baus sür das Grand-Hospice, ein Verpflegungsaus für 600 alte Leute; die von Quetelet gegründete und bis zu seinem Tode geleitete Sternwarte, eine der schönsten Europas; das Palais de Topographische Lage von Brüssel. l'Industrie, jetzt Staatsbibliothek (davor das Denkmal des österr. Generalstatthalters Karl von Lothringen) und der vormalige Palast des Generalgouverneurs (Ancienne cour], jetzt Museumsgebäude; der Palast der Nation für die Sitzungen der beiden Kammern; die im Neubau begriffene Residenz des Königs, zur Zeit der franz. Herrschaft Sitz der Präfektur, mit reichen malerischen Kunstschätzen ausgestattet; der frühere Palast des Prinzen von Oranien, jetzt Palais des Academies (davor seit 1880 das Standbild Quetelets); das alte Haller Thor mit dem Museum der Altertümer und Kriegsgeräte; das Schloß des Herzogs von Aremberg mit seiner wertvollen Gemäldegalerie; das Palais des Grafen von Flandern; das 1880 vollendete Palais des Beaux-Arts für Kunstausstellungen; das Musik-Konservatorium; die Nationalbank; die Neue Börse, im reichsten Stile Ludwigs XIV. ausr Lebe die Halles Centrales, ein bedeckter Markt für ebensmittel aller Art; der Universitätspalast mit dem Standbilde des Hauptbegründers der Anstalt, P. Verhaegen (von W. Geefs); endlich der 1866 begonnene, noch unvollendete, in 0b die Verhältnissen angelegte, mit seiner Kuppel die ganze Stadt überragende neue Justizpalast mit riech.⸗röm. Architekturformen, ein Rechteck, 180 m ang, 170 m breit (Baukosten über 50 Mill. Frs.). Die 1847 vollendete, 213 melange, 8 mbreite, drei Stockwerk (18 m) hohe und von Kaufläden, Cafés u. s. w. eingefaßte Glaspassage St.⸗Hubert darf sich mit den schönsten in London und Paris vergleichen. Unter den in neuester Zeit vorgenommenen öffentlichen Arbeiten ist vor allem zu erwähnen die Umwandlung des 2 km vom Boulevard — abliegenden, 124 ha umfassenden Bois de la Cambre in einen öffentlichen Park, und die dahin führende, 2400 m lange und 55 m breite Baumallee, genannt Avenue Louise, auf deren beiden Seiten ein neues Stadtviertel mit stattlichen Häusern ersteht; ferner die Wölbung des Sennebettes und die Herstellung eines die untere Stadt in ihrer ganzen Breite durchziehenden Boulevards über demselben; endlich der völlige Umbau des in der höhern Stadt gelegenen Stadtviertels Notre-Dame aux Neiges. Die Stadt ist Sitz der höchsten Staatsbehörden, des Senats und der Repräsentantenkammer und des ome, der Hemeinde und 5 besitzt eine von der Provinz, der Gemeinde und den Freimaurerlogen unterhaltene freie Universität, eine Militär⸗ und Kriegsschule, ein königl. Athenee (Gymnasial⸗ und Wifen ealschule), eine königl. Akademie der issenschaften und Künste, eine mediz. Akademie, eine Schule für Bildhauer⸗, Maler⸗ und Baukunst, ein Konservatorium für Musik, eine Tierarzneischule, eine Nationalbibliothek mit mehr als 200000 Bänden und über 20000 Handschriften, eine Gemäldegalerie älterer und neuerer Meister, ein physik., mechan. und Naturalienkabinett, ein Museum der Altertümer und einen Botanischen Garten. Außerdem befinden sich hier, mit und ohne Subsidien von der Stadtkasse, sechs Theater, mehrere Musikgesellschaften, gelehrte Vereine, von der Stadt, freien Vereinen, religiösen Körperschaften und Privaten geleitete Schul⸗ und Bildungsanstalten für beiderlei Geschlechter, eine Phildon Wohlth wrteitem und eine große Anzahl von Wohlthätigkeitsinstituten. Die Bevölkerung, die sich 1825 nur auf 84000 Seelen belief, war 1. Jan. 1880 auf 170345 gestiegen und wird durch die auf dem Gemeindegebiete der Dörfer Etterbeek, Tcarb. St.⸗Gilles, Anderlecht, Molenbeek, Laeken, charbeck, St.⸗Josfe-ten-Roode gelegenen Vorstädte noch um mehr als 229000 E. vermehrt, sodaß die Bevölkerung der Deifrert. Agglomeration sich nun auf 400000 E. beziffert. er Handel ist mehr Luxus⸗ und Detailhandel, und die geringe Anzahl der großen uicht, B. unter die sich hier befinden, erlaubt es nicht, B. unter die Handelsstädte zu rechnen. Hingegen blühen mannigfaltige Gewerbszweige: Spitzen⸗, Möbel⸗ Darde Papier⸗, weche bein und Lederfabriken. Handel und Gewerbe be ördern eine Börse, verschiedene Vereinsbanken (vorzüglich die Société générale und seit 1851 die Nationalbank), große Märkte, Kanäle, schöne Kunststraßen, vor allem aber die Eisenbahnen, welche B. mit Antwerpen, Gent, Lüttich, Mons und Namur verbinden. Geschichte. Schon im 8. Jahrh. geschieht in Chroniken des Ortes Brucsella Erwähnung, das zuerst eine Villa der fränk. Monarchen gewesen zu sein scheint. Ein Diplom Ottos I. vom J. 966 bestätigt das Vorhandensein einer Kirche, unter welcher die neuern Forscher die Kirche zum heil. Michael verstehen, an deren Stelle später die St. Gudulakirche erbaut worden ist. Gerberge, Schwester Ottos d. Gr., brachte die Ortschaft dem Herzog Giselbert von Lothringen als Mitgift zu. Pres Sohnes Karl Tochter, Gerberge, haratele Lambert, Grafen von Löwen, und mit diesem Geschlecht kam der Bezirk B. unter die Herrschaft der Herzöge von Niederlothringen und Brabant, durch deren Einfluß die Stadt zu großem Ansehen gelangte. Von Joann I. an scheint sie die Residenz der rsten geblieben zu sein, während Löwen noch den itel der Hauptstadt behauptete. Nach vielfachen Kämpfen der auf ihre Privilegien eifersüchtigen Bürger mit den Patriziern oder mit den Fürsten, nach fürchterlichen Bürgerkriegen, die der Tod 0, Iumd. III. (1355) über die Stadt hereinbrachte, am das Erbteil Johannas, seiner Tochter, an die Gräfin von Flandern, Gemahlin des burgund. Herzogs Roilev des Kühnen,‚ welche die Verwaltung Brabants und Limburgs ihrem Sohne Anton übertrug. Nach dem Tode der Söhne desselben (1430) trat der Herzog von Burgund abant der Gute, in den Besitz des Herzogtums Brabant, unter dessen Enkelin Maria, der Gemahlin des Kaisers Maximilian, die starkbefestigte und schon bedeutende Stadt an das Haus Habsburg überging. Die wiederholten Eingriffe desselben in die beschworenen Freiheiten gaben zu steten Aufständen Anlaß, die jedoch immer mit einer beide Teile befriedigenden Aussöhnung endeten. Bereits Karl V. hatte B. faktisch zur Hauptstadt der Niederlande icbmen und dasselbe mit allem Glanze des Hofebens umgeben. Unter seinem Sohne n p II., der hierher auch den Sitz der Generalstatthalterschaft unter Margaretha von Parma verlegt hatte, wurde es der Hauptschauplatz der niederländ. Revolution. Nachdem 1566 Brederode an der Spitze des verbündeten Adels der Regentin die Beschwerden übergeben, wurde hier denselben Abend der Bund der Geusen (s. d.) ges 0 In B. war es, wo die Inquisition und Philipps Feldherr Alba mit grausamer Blutgier und Sudder in dem langen Kampfe gegen die Niederlande war B. der Hauptwaffenplatz abwechselnd der Niederländer und der Spanier. Zu B. wurde 1576 die Genter Pacifikation abgeschlossen und 9. Jan. 1577 die Brüsseler Union, deren Bedingungen der Generalstatthalter Don Juan von Osterreich eine Zeit lang sich unterwarf. Nach seiner Entfernung zog Oranien als Ruwaert von Brabant in B. ein 223. Sept. 1577), mußte jedoch schon nach Don Juans Sieg bei Gembloux fehi Jan. 1578) die Stadt räumen. Trotz entetzlicher Anarchie im Innern wußte sich die Stadt mehrere Jahre unabhängig zu erhalten, bis sie endlich nach Oraniens 10n Ponma. Don Iu Tode mit Alexander Farnese von Parma, Don Juans Nachfolger, kapitulierte (10. März 1585). Die Geistlichen, besonders die Jesuiten, boten hierauf alles auf, um den Protestantismus, der unterdessen, wenn auch unter Greueln, tiefe Wurzeln geschlaen hatte, wieder auszurotten. Die Regierung Fbei der Tochter Philipps und ½ des zherzogs Albert, der 1598 die treu gebliebenen ber Provinzen übergeben wurden, war zur Wieerherstellung der zerrütteten Verhältnisse förderlich, obgleich sie eine Unzahl von Mönchsorden hervorrief und einem unwürdigen Korruptionssystem nicht zu steuern vermochte. Viel litt die Stadt in den Kriegen Spaniens mit Ludwig XIV. (Beschießung vom J. 1595 unter Villeroy) und sterreichs mit Ludwig XV. (Belagerung und Ein-Ew. von 1746 unter dem Marschall von Sachsen), noch mehr aber von dem beständigen Oppositionsgeiste, den die habsburg. Politik in ihr wach erhielt Enthauptung des Zunfisyndikus Agneessens 1719), bis endlich nach dem Aachener Frieden die mildere Regierung Maria Theresias eintrat. erhielt in diesem Zeitraume viele wichtige Anstalten und Bauten und segnet das Andenken des Generalgouverneurs Karl von Lothringen, dem man noch 1848 ein Standbild gesetzt hat. Mit Joseph II. trat wieder eine Zeit bitterer Prüfunen ein, in der Geschichte unter dem Namen der rabanter Revolution bekannt (1789). Kaum war nach kurzer eingefeht, 10 1790 die österr. Herrschaft wiedereingesetzt, so fiel infolge der Schlacht von Jemappes Belgien den Franzosen anheim, und Dumouriez hielt 14. Nov. 1792 seinen Einzug in B., das den Osterreichern seit dem Beginne des Kriegs als Hauptsammelplatz und den Emigranten als Zufluchtsort gedient hatte. Der Sieg der Osterreicher bei Neerwinden (März 1793) vertrieb die Franzosen aus der Stadt, und des Kaisers Franz Bruder, Erzherzog Karl, bezog aufs neue den Palast der Sen lu Selbst Kaiser zh d II. erschien 9. April 1794 und beschwor danti die sog. Joyeuse Entrée (s. d.) oder Brabantische Verfassung. Einige Monate darauf brachte jedoch der Sieg Jourdans bei Fleurus aufs neue die Daupilad nach B. (10. Juli 1794), welches zur Hauptstadt des Departements der Dyle herabsank und auch durch den Schutz Napoleons, der es mehrmals besuchte, nicht wieder den alten Glanz zu erreichen vermochte. Im Febr. 1814 durch die Verbündeten von der franz. Herr-Belat befreit, ward es 21. Sept. 1815 mit ganz elgien dem neugeschaffenen Königreich der Niederlande einverleibt. Abwechselnd mit dem Haag war B. nunmehr der Sitz der Generalstaaten und des königl. Hoflagers. Trotz des bedeutenden Aufschwungs, welchen die materielle Wohlfahrt der Stadt nahm, brach doch nach der franz. Julirevolution die lang genährte Gärung gegen Holland zuerst zu B. (25. Aug. 1830) in offenen Ausstand aus, und es wurde die denkwürdige viertägige Straßenschlacht zwischen holländ. Militär und den Blusenmännern des Bürgerstandes geliefert. Der glückliche Ausang dieser Revolution entschädigte B. mit dem Titel und Range der Hauptstadt des unabhängigen Königreichs Belgien (s. d.. Am 21. Juli 1831 trat der neue Souverän, Prinz Leopold von Sachsen-Coburg, in seine Thore. Glücklich und ohne erwähnenswerte Störungen ging auch der Sturm von 1848 über B. hinweg, sowie die übrigen polit. Erschütterungen, welche seit jener Zeit die Nachbarstaaten zu bestehen hatten, und im 1880 scharten sich hier Hunderttausende belg. taatsbürger, um freudig das 50jährige Jubiläum der belg. Unabhängigkeit zu begehen. Litteratur. Guide de l'étranger dans Bruxäelles et ses environs (10. Aufl., Brüss. 1879); „Trois jours dans Bruxelles (11. Aufl., Brüss. 1880); Dremel, „Guide de Bruxelles et de ses

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 634Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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