FeedCarbölsäure
NaturlehreBrockhaus 1882

Carbölsäure, C6 H, OH, Phenol, Phenylsäure, Phenylalkohol, Monoxybenzol. Dieser Körper ist als Säure . weil er die Eigenschaft hat, sich mit Alkalihydraten zu verbinden, in seinem ganzen übrigen Verhalten arakterisiert er sich aber als ein Alkohol und wird deshalb richtiger wissenschaftlich Phenol oder Phenylalkohol genannt. Wenn er hier als C. abgehandelt wird, so geschieht dies, um dem allgemeinern Sprachgebrauch Rechnung zu tragen. Die C. ist 1834 von Runge entdeckt, von Laurent näher untersucht, ihre Darstellungsweise wurde von Calvert vervollkommnet. Sie findet sich vorzugsweise im Steinkohlenteer und zwar hier in reichlichster Menge in den sog. Mittelölen, welche bei der Destillation zwischen den Temperaturgrenzen von 170 bis 210 ubergehen. Außerdem bildet sie sich bei der trockenen Destillation mancher organischer Substanzen, kommt auch spurenweis unter den Stoffwechselprodukten des Tierkörpers vor, mit denen zusammen sie im Harn ausgeschieden wird, endlich ist sie ein Bestandteil des Castoreums. Im Handel findet sich die C. in verschiedenen Formen, als rohe C. von wechselndem Gehalt und chemisch rein. Die rohe C. ist häufig der Teil des Destillats vom Steinkohlenteer, welcher innerhalb der 3 Riunintt Temperaturen Rtzelet t, oder ein durch Rektifikation aus dem Mittelöl erhaltenes Produkt, bei dessen Darstellung sowohl die zuerst wie die — übergehenden Anteile des Destillats von der C. getrennt aufgefangen werden. Die rohe C. ist ein Gemenge von Körpern der r msmene Art, Kohlenwasserstoffen verschiedener Zusammensetzung, von teils niederm, teils höherm Siedezunkt, Naphthalin, harzähnlichen Verbindungen, Farbstoffen, reiner C. und Cresol oder Cresylsäure. Bei der Reindarstellung handelt es sich darum, die C. von allen diesen begleitenden Körpern zu trennen. Man macht dabei zunächst Gebrau Wast der Eigenschaft der C., sich mit Alkalien zu in asser löslichen Verbindungen zu vereinigen. Zu dem Behufe wird das Mittelöl in großen eisernen Kesseln mit Atznatronlauge innig gemischt, was am Reartcen Luft. durch anhaltendes Einblasen eines kräftigen uftstroms geschieht, wodurch Ol und Lauge in starke wallende Bewegung geraten und dabei in innigste Berührung miteinander kommen. In der Ruhe scheiden ich dann die Flüssigkeiten, zu oberst schwimmt eine Olschicht, welche die indifferenten Kohlenwasserstoffe enthält, darunter eine wässerige alkalische Lösung, worin die C., die Cresylsäure, außerdem aber auch Harz und Naphthalin gelöst ist. Beide trennt man moglichst sorgfältig, indem man durch einen am Boden des Kessels angebrachten Hahn die wässerig-alkalische Lösung abfließen läßt. „Letztere wird darauf mit Kalkmilch versetzt und in einem Behälter, auf dessen Boden eine Dampfschlange liegt, dauernd erwärmt, wobei aber der Eintritt des siedenden Aufwallens sorgfältig zu vermeiden ist. Hierbei entstehen schaumige Massen an der Oberfläche, die durch Abschöpfen entfernt werden; es wird dadurch die Flüssigkeit von dem grö⸗ —I Teil des Naphthalins und des Harzes befreit. enn sich kein Schaum mehr bildet, zieht man die klare Flüssigkeit von dem am Boden abgelagerten Kalk ab und neutralisiert sie mit Schwefelsäure. Hierdurch wird alles, was im Alkali gelöst war, abgeschieden und steigt als ölige Flüssigkeit an die Oberfläche, um dann durch 1. Rate der wässerigen Lösung von schwefelsaurem Natron getrennt zu werden. Das Ol, welches nun vorzugsweise aus C., Cresylsäure, nebst etwas Harz bese t, wird mit Wasser gewaschen und rektifiziert, wobei zuerst eine Mischung von Wasser und Ol ubergeht, die für sich aufgefangen wird, während der Hauptanteil des drrer wi als ölige Flüssigkeit erhalten wird, von dieser wird der zwischen 186 und 204 übergehende Anteil für sich gesammelt, da dieser fast die eamtmenge der beiden Säuren enthält. Dieses Destillat wird zur Zerstörung der noch vorhandenen Harze unter Zusatz von etwas Chromsäure rektifiziert. Meist wird das Destillat dann farblos und hält sich dauernd hell; sollte dies nicht der Fall sein, so wird die Behandlung mit ate Dein wiederholt. Endlich erfolgt eine letzte Destillation aus Omeil nen Retorten, der dabei zuerst übergehende Anteil ist trübe von in dem Ole enthaltenen Wassertropfen, die auf das sorgfältigste zu entfernen sind. Wenn das Ol ganz klar übergeht, so legt man eine trockene Vorlage an und führt die Destillation zu Ende. Das Destilat gießt man unmittelbar in die Versandgefäße, Blechflaschen von 12,5 und 50 kg Inhalt, in denen etwas bereits krystallisierte C. enthalten ist. Es handelt sich dann nur noch darum die C. von der Cresylsäure zu trennen, was durch Krystallisation erfolgt; die C. krystallisiert, die Cresylsäure bleibt dagegen flüssig. Meist ist nach einigen Tagen das Gefäß mit einer Krystallisation von C. erfüllt, oft bleibt aber auch die C. lange flüssig und krystallisiert ganz plötzlich bei irgend einer Erschütterung des Gefäßes. Nach beendigter Krystallisation stellt man das ablam umgekehrt auf, um die flüssige Cresylsäure ablaufen zu lassen; ist dies erfolgt, so füllt man es wieder mit flüssiger Säure, läßt wieder krystallisieren u. s. f.„bis das Gefäß gänzlich mit krystallisierter C. gefüllt ist. — Die so erhaltene reine C. bildet eine krystallinische Masse, die an der Luft und im Lichte si schwach rötet, bei 34 schmilzt und bei 186“ siedet, hat einen durchdringenden kreosotähnlichen Geruch und einen brennenden und ätzenden Geschmack. Sie ist schwerer als Wasser, löst sich in 33 Teilen davon, leicht in Alkohol, Ather und Essigsäure. Einen mit Salzsäure befeuchteten Fichtenspan färbt sie blau; ihre Lösung nimmt durch Ian, Asit vorübergehend eine violette Färbung an. Aus ihrer wässerigen Für Pflanzen und Tiere ist die C, ein heftiges Gift (s. Carbolv ergiftung), wirkt aber fäulniswidrig auf Fleisch und andere tieris —* Stoffe, indem sie die Fäulniskeime tötet. Sie ist deshalb ein ausgezeichnetes Antiseptikum z. B. beim Einbalsamieren, in den Leimfabriken, ein vortreffliches Desinfektionsmittel mißt, sind unter K aufzusuchen. für Schlachtfelder, Aborte, Stallungen, Käfige und zum Räuchern von Krankenzimmern und Schiffsräumen, endlich ein gutes Konservationsmittel für Holz (Bauholz und Eisenbahnschwellen). Für Desinfektionszwecke ist die Verwendung der reinen Säure in den seltensten Fällen nötig, meistens genügt dazu die rohe Säure. Die Desinfektionspulver sind meist nur Mischungen von C. mit Gips, Kieselguhr und ähnlichen Pulvern. Die wichtigste Anwendung hat die reine C. in der Chirurgie nach dem Vorgange von Lister gefunden. Bei diesem Verdas . werden die Operationen so ausgeführt, daß as ganze Gebiet des Eingriffs während der Operation mit einem Nebel von — erstäubter Carbolsäurelösung umgeben und die Wunde mit in C. präpariertem Material +7 „ und bedeckt wird. Hierdurch werden alle Krantheitserreger, welche in der Luft verbreitet sind, vernichtet, und infolge dessen heilt die Wunde ohne Entzündun ohne Eiterbildung in kürzester Zeit, ohne eine Nar zurückzulassen. Seit Einfuhrung der Listerschen Methode sind Operationen mit glücklichstem Erfolge zur Ausführung gelangt, die 6.54 nie hätten unternommen werden können. C. sollte ferner in leinem Wochenzimmer mehr fehlen, da durch ihre Anwendung der Eintritt des meist tötlich verlaufenden Puerperalsiebers verhütet werden kann, wenn man die Hebamme vor Berührung der Wöchnerin veranlaßt, die Hände in einer wässerigen Lösung der C. 1:100 gründlichst zu reinigen. Auch gegen chronische Hautkrankheiten hei sich die C. vorzüglich bewährt. Die C. dient seit 1874 zur synthetischen Darstellung der Salicylsäure (. d.). Eine große , 50 keit hat die C. in neuerer Zeit dadurch erlangt, a5 man aus ihr gelbe, braune und rote Farbstoffe (Pikrinsäure, ictoriaorange oder Janne anglais, Pheénicienne oder Phenylbraun, Isopurpursäure oder Grénat soluble und Corallin) darstellt. Das aus Steinkohlenteeröl dargestellte Kreosot ist nichts anderes als C. Dieses ist von dem Buchenteerkreosot (s. Kreosot) wesentlich verschieden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 938Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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