FeedCastration (lat.)
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Castration (lat.), d.h. Verschneidung, nennt man dasjenige operative Verfahren, wodurch Hoden oder Eierstöcke lebender Tiere vernichtet oder entfernt und somit deren Zeugungsfähigkeit zerstört wird. Die unblutige C. geschieht durch Zerreibung und Zerquetschung der Hoden oder Punktation der Eierstöcke; die möcde C. durch Ausschneidung der Hoden oder Eierstöcke. Wegen der tiefern Lage der letztern und der Schwierigkeit der Operation geschieht die C. bei Individuen weiblichen Geschlechts wohl nur dann, wenn krankhafte Veränderungen der Eierstöcke solches verlangen (zuweilen bei den Haustieren, besonders Hühnern, Kühen und Schweinen), und daher versteht man gewöhnlich darunter nur die an männlichen Individuen vorgenommene Ausschälung der Hoden, die Entmannung. Die Beiton der C. gestalten sich verschieden nach dem Zeitpunkte, wo dieselbe vorgenommen wird; anders nämlich da, wo sich die Geschlechtlichkeit noch nicht bis zur vollständigen Reife ausgebildet, als da, wo dies der Fall war. Wenn die C. vor der Pubertät deC so gelangt das operierte Individuum (der Castrat) nicht zu dem ihm von Natur ukommenden Geschlechtscharakter, sondern nähert sich mehr oder weniger dem entgegengesetzten: das männlich geborene Individuum nimmt den Charakter des weiblichen, dieses den des männlichen an. Wie der Typus des weiblichen sich ni reichlichern ildung der Bauchhälfte, Übergewicht der Nerven über das Gefäßsystem, des Zellgewebes über das Muskelgewebe auszeichnet, so bilden sich bei den männlichen Castraten Bauch und Hüften aus, während der Brustkasten mehr weibliche Formen annimmt. Die Muskeln bleiben weich; das Fleisch der Tiere wird daher zarter (Kapaunen oder castrierte Hähne, und Poularden, wie man verschnittene und gemästete Hennen nennt), das Fett lagert sich berall, besonders an und im Bauche ab; die Tiere mästen sich leichter, weshalb auch Haustiere castriert werden. Die Haut wird weich, sehr weiß, aber es mangelt die eigentliche Frische, und wenn castrierte Knaben auch längere Zeit ihre jugendliche Schönheit aufzalles so werden sie daegen doch im Alter au hesend häßlich. Hervortechend ist bei Castraten, besonders beim Menschen, die Eigentümlichkeit der Stimme. Dieselbe (Castratenstimme) erhält sich, weil der Kehlkopf um ein Dritteil kleiner bleibt, knabenhaft, wird aber durch Kultur zur kräftigen Sopranstimme und gewinnt um mehrere Töne an Umfang. Alle äußern Attribute des Mannes kommen nicht zur gehörigen Entwickelung. Die äußern Genitalien bleiben, wenn sie nicht gleichfalls amputiert waren (vollständige Castraten), in der Entwickelung zurück; es erscheint kein Bart, keine Achsel- und Schamhaare, beim Hirsche kein Geweih, beim Hahn verschrumpft der Kamm, wenn er nicht, wie dies beim Kapaunen zu geschehen pflegt, nebst den Sporen weggeschnitten wird. In geistiger Beziehung verrät der Castrat überall das Bewußtsein des Mangels an wirklicher Kraft, welche er meist durch Hinterlist zu ersetzen sucht; er ist reizbar, aber dabei sehr zur trägen Ruhe geneigt, ohne Energie des Willens, wenn nicht der vorherrschende Egoismus beteiligt wird. Je längere Zeit nach der Pubertät und vollständig erlangter Geschlechtsreife die C. vorgenommen wird, desto weniger treten die körperlichen Veränderungen hervor, und nur die geistigen machen sich bemerkbar. Die Betthen nannten die Castrierten Eunuchen, d. i. Bettbewahrer; in die deutsche Schriftsprache ist dafür durch Gottsched der Ausdruck Hämmlinge (wahrscheinlich von Hammel, verschnittener Schafbock, abgeleitet) eingeführt worden. Der vollständigen Eunuchen bedienen sich vorzüglich die Türken zur Bewachung ihres Harems. Dieselben werden von den christl. Klöstern des Orients, besonders Abessiniens geliefert, da der Koran die Verstümmelung des Menschen verbietet. Im Altertum und fast bei allen rohern Völkern wurde die C. als Strafe oder Rache, namentlich gegen Ehebrecher, geübt. Die Ärzte schreiten nur bei gefährlichen Beschädiungen oder Entartungen (Krebs, Tuberkulose, deuralgien) der Geschlechtsteile zur C. Die Castration der Frauen, die operative Entfernung beider Eierstöcke nach vorhergegangener Eröffnung der Bauchhöhle, ist neuerdings bei schweren, auf andere Weise nicht heilbaren Erkrankungen (chronischen Entzündungen, Neuralgien, Brüchen u. s. w. mißt, sind unter K aufzusuchen. der Eierstöcke unter Vorsichtsanwendung der antiseptischen Behandlungsweise wiederholt mit günstigem Erfolge ausgeführt worden. Vgl. Hegar, „(Die C. der Frauend (Lpz. 1878). 2510 Durch Religionsschwärmerei ward die Sitte des Entmannens (besonders junger Knaben) in ältern Zeiten befördert und zum Teil erzeugt. Sie ging von den Priestern der Cybele in Asien aus und kam mit deren Dienste auch nach Rom. Die Kaiser Konstantin und Justinian mußten sich mit ganzer Macht diesem religiösen Wahnwitze widersetzen, dem sie nur dadurch zu steuern vermochten, daß sie jede solche Verstümmelung dem Menschenmorde gleichsetzten. Die Valerianer, denen das Beispiel des Origenes, der aus übertriebenem ascetischen Eifer und unter Berufung auf Matth. 19, 12 sich selbst castrierte, die Sinne verwirrt hatte, hielten eine solche Elaren nen dl für eine Pflicht, welche die Religion ihnen auferlegte, und sie glaubten auch an andern Mitmenschen dieselbe Pflicht ausüben zu müssen. Noch heute gibt es in Rußland Sekten (Skopzen), welche sich trotz schwerster gesetzlicher Ahndung fanatisch verstümmeln. In Italien wurde in früherer Zeit die C. der Knaben häufig ausgeführt, um in ihnen Sopransänger (namentlich für Kirchengesang) zu erhalten, weshalb die Benennung Castrat mit Sopransänger gleichbedeutend ward. Clemens XIV. verbot diesen Misbrauch, der aber noch lange nachher fortdauerte, bis in der neuern Zeit noch nachdrücklichere Gesetze dagegen ergingen. Raß den Berichten des 2 Weiber und Suidas hat früher auch eine C. der Weiber stattgefunden, was auch aus der Erwähnung des Galenus hervorgeht, welcher behauptet, daß das Weib nach der C. ihre weibliche Natur auch in psychischer Beziehung ganz ablege. Anstatt castrieren, welches in Bezug auf die Tiere üÜberhaupt verschneiden heißt, sagt man bei den Pferden wallachen oder reißen, bei den Hähnen kappen oder kapaunen, bei jungen Hühnern poulardieren, welche Operation gegenwärtig kaum noch irgendwo vorgenommen wird, da erfahrungsgemäß junge Hühner bei geeigneter Fütterung ebenso fett und zart in Fleisch werden als mit Hilfe des Ausschneidens der Cierstöcke u. s. w. Eine castrierte Schrift nennt man eine solche, in welcher gewisse Stellen, die ursprünglich darin jruhe sollten, weggelassen sind. Es geschah dies rüher besonders mit röm. und griech. Schriftstellern, um das Anstößige zu aßhzauf d. man bezeichnete diese Verstümmelung gleich auf dem Titel durch Hinzufügung des Wortes castigatus.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 61Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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