Brüten nennt man die Einwirkung des elterlichen Organismus auf das aus den eigentlichen Geschlechtsorganen ausgestoßene Ei, wovon die Entwickelung desselben zu einem selbständigen Organismus abhängt. Es kommt diese Einwirkung bei den verschiedensten Tieren vor, bei den niedern meist in der Weise, daß die Eier dem Körper der Mutter bis zur vollständigen Entwickelung der Junen entweder angeheftet bleiben oder sogar in besondern Taschen verwahrt werden. So schleppen die Wolfsspinnen chen Eier in einem gesponnenen Sacke am Hinterleibe mit sich, während bei vielen Krebsen dieselben an fadenförmigen Fußfortsätzen angeklebt sind. Dann kommen aber bei Ringelwürmern, Quallen, vielen Krebstieren, bei einigen Fischen, ja selbst bei Kröten (Pipa) und Dosen (Notodelphys) besondere Taschen vor, in welchen die Eier ihrer Entwickelung harren, oder es werden auch anderweitige Organe, wie — die äußern Kiemenblätter der Flußmuscheln (Unio), zu diesem Zwecke benutzt. Bei einigen Tieren sind es ausnahmsweise die Männchen, die diesem Geschäft Racdotet So wickelt sich die männliche Geburtshelferkröte (Alytes obsteétricans) die Eierschnüre um die Beine, und die männlichen Seepferdchen (Hippocampus) haben einen Beutel, die Seenadeln (Syngnathus) Gruben mit Hautfalten außen am Bauche, worin sie die Eier ausbrüten. Bei den niedern Tieren ist der Zweck der Bebrütung teils der Schutz der Nachkommenschaft, oft aber auch die Herbeiführung von Nahrungsstoffen, Luft oder Wasser, in welchem die sich entwickelnden Eier oder Larven atmen. So können sich z. B. die Eier vieler Krebse nur in stark strudelndem 2 Hen entwickeln, das ihnen durch die beständige Bewegung der Bauchfüße, an welche die Eier geheftet sind, zugeführt wird. Bei den die Tieren scheint durch die Brütung namentlich die Erhaltung eines gleichrend die höhern Wärmegrades beabsichtigt. Während die meisten Schlangen ihre Eier in Sand oder sens legen (die Ringelnattern), rollen sich die Riesenschlangen (Python) in einen Würn Kegel darüber und entwickeln eine höhere Wärme. Die Vögel brüten * allgemein, und die Brütung ist bei ihnen fast stets mit wichtigen Veränderungen des Organismus verbunden. Es entstehen Kongestionen nach dem Unterleibe und daher erhöhte Temperatur desselben. Zugleich fallen entweder die Federn, welche die schnelle Übertragung der Wärme hindern würden, an den ich Stellen (Brüteflecken) aus, besonders bei den dichtgefiederten Schwimmpögeln, oder der Vogel zieht sie selbst aus und verwendet sie zur I des Nestes. Zugleich entwickelt sich ein so heftiger Affekt, daß das Weibchen, nur auf das B. bedacht, zuweilen selbst Nahrung zu nehmen versäumt, darüber abmagert, oder auch den Ciern freiwillig in die Gefangenschaft folgt. Als Ausdruck dieser Steigerung oder Veränderung ist es 45 5. mnen 508 daß viele Arten Vögel während des B. einen hohen Grad Mut entwickeln, der sich bei schwächern passiv zeigt, indem sie bei der Annäherung von Menschen ruhig auf den Eiern sitzen bleiben, andere aber zur entschlossensten Verteidigung befähigt, obgleich sie sonst zu den furchtsamern und schwächern gehören. Die bei dem B. vorzugsweise einwirkende Kraft ist die Wärme des mütterlichen Körpers. Sie ist darum nicht mit Schärfe in Graden der thermometrischen Skala anzugeben, weil sie 15 keineswegs zu allen Zeiten gleich, nicht bei allen Vögelfamilien dieselbe ist, und außerdem der Instinkt den brütenden Vogel dahin leitet, daß er die hohe Temperatur vermindert durch eigene Entfernung auf kurze Zeit, durch Umwenden der Eier, durch Wegschieben der mittelsten nach dem Rande des Nestes u. s. w. Im übrigen entspricht jedesmal die Festigkeit, Dichtigkeit und innere e, desen d des Nestes dem Grade der Brütewärme, dessen die Eier und Im all zur gedeihlichen Entwickelung bedürfen. m allgemeinen beträgt die Brütwärme zwischen 36—41 C., ist in der ersten Periode des B. niedriger oder doch nicht notwendig so hoch wie später, Famien 4. aber höher bei den entwickeltern Familien, z. B. Raubvögeln, Singvögeln, als bei den weniger sensibeln, den Wasservögeln. Es — ubrigens dafür gesorgt, daß der brütende Vogel, wenigstens im Anfang dieses Geschäfts, die Eier einige Zeit verlassen kann, ohne daß diese hierdurch leiden. Einmal ist Eiweiß an sich ein schlechter Wärmeleiter, und außerdem sind solche Eier, welche vermöge des u Medten Nestbaues oder der Nähe von erkältenden Medien (3. B. die Eier vieler am Wasser brütenden Schwimmvpögel) leiden könnten, mit starken Schalen versehen. Die Dauer der Brütung scheint mit der Größe des Vogels und der Geschlossenheit und Wärme seines Nestes in Verbindung zu stehen; daher brüten kleine Singvögel 14—17 Tage, Pfauen 30—31 Tage. Unter den Vorrichtungen eigentümlicher Art, um das B. zu erleichtern, ist eine der merkwürdigsten die des Flamingo, der, durch seine langen Beine am Hinsitzen ehindert, aus Lehm einen Kegel aufführt, dessen lach ausgehöhlte Spitze die Eier enthält, und der erade hoch genug ist, um bis an den Bauch des beim B. gleichsam reitenden Vogels hinaufzureichen. Nicht bei allen Vögeln versieht das Weibchen allein das Geschäft. Bei monogamischen nimmt das Männchen insofern Anteil, als es das Nest beschützt und dem Weibchen Futter zuträgt, oder es setzt sich abwechselnd auf die Eier, wie bei Tauben, Sperlingen und Meisen. Polygynische Männchen sind aber eher ihrer Nachkommenschaft feindlich und suchen die Eier zu zertreten, was dann das Weibchen, z. B. die Truthenne, veranlaßt, diese zu verbergen. Die meisten Vögel brüten jährlich nur einmal und nisten gewöhnlich einzeln; wenige legen ihre Eier in ein gemeinschaftliches Nest und brüten amerit au lich. Nur der Kuckuck und der nordamerik. Kuhvogel oder Kuh-Trupial (Icterus pecoris) legen ihre Eier in fremde Nester und überlassen die weitere Sorge den Stiefeltern. Auch die Talegalla in Australien bebrütet ihre Eier nicht, bereitet ihnen aber auf eine merkwürdige Weise eine solche Lagerstätte, welche die mütterliche Wärme vollständig ersetzt. Mehrere Weibchen werfen nämlich durch eifriges Scharren mit den Füßen, indem sie von einem Mittelpunkte ausgehen und in stets erweitertem Kreise fortschreiten, alles abgefallene Baumlaub und selbst angewurzelte Gräser hinter sich auf einen Haufen, welcher endlich einen 1 —1½5 m hohen und 2,—3 mbreiten, flachen Kegel bildet, wozu eine Arbeit von mehrern Wochen nötig sein muß. Hat nun das feuchte Laub, welches hier sich zu erhitzen beginnt, den nötigen Wärmegrad entwickelt, so öffnen die Weibchen durch die modernden Schichten armestiefe Löcher, welche, in regeldenentn Entfernung von 20—30 em voneinandergestellt, zur Aufnahme der Eier dienen, die alle, mit dem stumpfen Ende nach oben . völlig senkrecht stehen und zuletzt sorgfältig bedeckt werden. In einem einzigen solchen Brüthaufen sollen schon 18—20 1 dieser Eier gefunden worden sein, denen Eingeborene wie Kolonisten Australiens wegen ihres Wohlgeschmacks sehr nachstellen. Die sorgfältigste Beobachtung der während des B. im Ei (s. d.) vorgehenden Veränderungen ist nicht nur von allgemeinem Interesse, sondern darum von besonderer Wichtigkeit, weil auf lichtes Wege die Bildungsgeschichte des Fötus am leichtesten sich studieren läßt und man, auf ihm Hnichtli fort-Bisdun. u richtigen Folgerungen hinsichtlich der ildung solcher Fötus gelangt, deren Ausbrütung eine innerliche und darum schwerer zu verfolgen ist. Es ist daher dieser Teil der * in neuern Zeiten mit besonderm Fleiß und Scharfsinn bearbeitet worden. Man bedient sich zu diesem Zwecke der künstlichen Ausbrütung in den physiol. Laboratorien besonderer, mittels Gasfeuers in möglichst gleichmäßiger Temperatur erhaltener Maschinen, sog. Brutmaschinen. Des ökonomischen Nutzens wegen hat man seit alten Zeiten, besonders in Agypten, Hühnereier künstlich ausgebrütet in Kammern aus Lehm, die mittels großer, aus Ziegelsteinen zusammengesetzter und in die Erde hineinebauter Ofen täglich 3—4 Stunden lang fabl geheizt werden. Die meist bloß nach dem Gefühl abgeschätzte Temperatur vermindert man nötigenfalls durch Offnung von Luftzügen. Die Eier liegen am Boden auf Stroh, werden alle 6 Stunden autbewendet, nach 10 Tagen untersucht und die gutbefaben G. in eine höhere, wärmere Abteilung deselben Gemachs Aavot Nach Plinius' Bericht erzielten die alten Agypter auf solche Weise jährlich an 100 Mill. junge Hühner. Die Vorrichtungen, welche Réaumur, Copineau u. a. erdacht, z. B. in einem mit Mist umgebenen Fasse Körbe mit Eiern aufzuhängen, misglückten, ebenso ein Versuch von Bornes, der 1829 in Paris Brütöfen anlegte, die er mit desen die Wasser heizen wollte. Seitdem man indessen die Bedingungen der künstlichen Brütung, nämlich hetonmnen einer gleichmäßigen, der Blutwärme nahekommenden Wärme und geregelten Zutritt athembarer Luft, deren Sauerstoff dem im Ei sich entwickelnden Jungen nötig ist, besser studiert hat, sind auch geeignete Brütöfen in Europa gebaut worden, und man wendet fast überall, wo lche Drätun im Großen betrieben wird, die künstliche Brütung mit Erfolg an. Vgl. Ottel, «Der Bertelge oder Geflügelhof' (6. Aufl., Weim. 1879); derselbe, eliber künstliche Brut von Hühnern u. s. w. (nach dem Englischen von Cantelo, Weim. 1874); Krantz, «Praktische Anleitung zur kunstlichen Ausbrütungy (2. Aufl., Berl. 1874).