FeedCentrum
NaturlehreBrockhaus 1882

Centrum (lat., d. i. Mittelpunkt) wird zunächst in der Mathematik und Physik, dann aber auch metaphorisch vielfach gebraucht. In der Geometrie ist C. derjenige Punkt einer Figur oder eines Körpers, welcher alle durch ihn däne verzwei Punkte des Umfangs oder der Oberfläche verbindenden geraden Linien halbiert, z. B. eines Kreises, eines Parallelogramms, einer Kugel, eines Parallelepipeds mit gleichen oder ungleichen Diametern. C. der Schwere oder Schwerpunkt (s. d.) — in der Physik der Punkt, durch dessen Unterstützung ein Körper verhindert wird zu fallen; C. der Bewegung dagegen der Punkt, um welchen sich ein Körper oder ein System von Körpern bewegt; C. des Stoßes endlich der Punkt, in welchem ein Körper einen andern treffen muß, um mit ganzer Kraft auf ihn zu wirken. In der Kriegswissenschaft wird als C. die Mitte einer Schlachtlinie oder eines Treffens bezeichnet, im Gegensatz zu den beiden Flügeln. Bei arbsern Schlachtlinien ist das C. gewöhnlich der stärkste Teil derselben. Das C. zu durchbrechen gehört daher stets zu den wichtigsten Unternehmungen des angreifenden Teils, deren Gelingen in der Regel den vollständigen Sieg herbeiführt. In ältern Zeiten, wo die Lineartaktik noch herrschte und man von den Reserven keinen Gebrauch zu machen verstand, war das Durchbrechen des C. leichter als jetzt. Die neuere Schlachtordnung in mehrern Treffen hintereinander mit ihren ausgedehnten Schützenx˖ Owürtger hat das Durchbrechen der Mitte ungleich schwieriger gemacht; es gelingt nur noch bei Stel—⸗ lungen, die für die disponible Truppenmenge eine zu bedeutende Entwickelung besitzen. Das Durchbrechen des C. war ein Lieblingsmanöver Napoleons I.; am besten ist es ihm bei Austerlitz gelungen. In der Politik versteht man unter C. diejenien Mitglieder einer parlamentarischen Versammung, 910810 nicht nur die mittlern Platze des Verschen den aals, sondern in der Regel zugleich zwichen den beiden extremen Parteien, der Rechten und der Linken, eine mittlere polit. Stellung einnehmen. Zuweilen teilt sich das C. in zwei Gruppen, in ein rechtes und ein linkes C. In der Deutschen Nationalversammlung von 1848 gab es zuerst nur Ein C., den so Württemberger Hof (3ell, Cetto, Mittermaier, Kierulff u. s. w.), den man indes bisweilen wohl auch linkes C. nannte, wenn man das Casino, weil neben ihm noch eine Große Rechte stand, als rechtes C. betrachtete. Später spaltete sich vom Württemberger 50 nach rechts der Augsburger Hof ah n Riesser, W. Beseler, R. von Mohl u. a.), vom Casino nach links der Landsberg (von Buttel, W. Jordan, die beiden Löwe u. a.) ab, und von da an pflegte man wohl diese beiden letztern Parteien als rechtes, den Württemberger Hof als linkes C. zu bezeichnen. Eine ganz besonders wichtige Bedeutung hat der Ausdruck C. in der neuesten parlamentarischen Geschichte Deutschlands erhalten, indem sowohl im preuß. Abgeordnetenhause als im Deutschen Reichstage sich eine ultramontane kath. Partei konstituierte, welche nicht blos in den Fragen, welche das Verhältnis des Staats zur röm. Kirche berühren, das unbedingte Vorrecht der letztern vor dem erstern verfocht, sondern 0 auch von eben diesem Standpunkte der Universa loich chaft Roms dem neuen Reiche, welches eine solche Herrschaft bei sich nicht anerkannte, grundsätzlich feindlich erwies, bis sie infolge des Rücktritts des preuß. Kultusministers Falk und der vom Fürsten Bismarck inaugurierten Schutzzollpolitik ihre strikt oppositionelle Haltung aufgab. Dieses ultramontane C. „Pzählte im Reichstage von 1871 fg. einige 60, in dem von 1874 und den folgenden Reichstagen gegen 100 Mitglieder; seine Hauptführer waren die Gebrüder A. und P. Reichensperger, von Mallinckrodt (gest. 26. Mai 1874), Schorlemer-⸗Alst und Windthorst(⸗Mep en), letzterer der unermüdlichste und gewandteste Sprecher der Partei.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 132Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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