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ErdkundeBrockhaus 1882

Cevennen (im Altertum Mons Cebenna oder Gebenna, Cebennici Montes), der Hauptgebirgsug im südl. Frankreich, bildet mit seinen Fortichm en und Ausläufern die O zwischen dem Rhönesystem und dem der Garonne und füllt die Depart. Allier, Haute-Loire, Ardeche, Lozere, Gard, Aveyron, Tarn und Herault. Das Kern-Laf de liegt in den Depart. Lozere und Ardeche. uf den C. im engern Sinne erhebt sich der 1567 m hohe granitische Mont-Aigoual und der Mont-Lozere 1702 m. An ihn stößt nordöstlich das Plateau von Gevaudan und Vivarais, mit den zwei hervorragendsten Spitzen Méezenc 1754 m und Gerbier de Jonc 1551 m. Die fast nördl. Fortsetzung bildet das Gebirge von Lyonnais, abgegrenzt durch den erzreichen Mont-Tarare im Westen von Lyon. Hier nun teilt sich der Zug in das östl. Macongebirge, welches bis an Chälon-sur-Saöne herantritt, und in das westl. Gebirge von Charolais, dessen nördl. Ende der Canal du Centre schneidet; nördlich von diesem führt zunächst die Cöte-d'Or bis zum Kanal von Burgund und Dijon die Höhenlinie weiter, der in ebenfalls nordöstl. Richtung das Plateau von Langres ich anschließt, bis etwa 485 V nördl. Br. in den Monts-Faucilles eine fast südöstl. Wendung eintritt und dadurch eine Verbindung mit den Vogesen hergestellt wird. Alle Flüsse und Flüßchen, welche von der Ostseite dieses in seiner größten Ausdehnung vom Kern bis zum nordöstlichsten Punkt etwa 465 Em langen Gebirgszugs herabkommen, gehören zum Saone⸗ und R önegebiet. Zwischen ihm und dem westlichern 0 der sich auch in fast nördl. Richtung von dem Kerngebirge der C. ablöst, liegt das Thal der obern Loire. Dieser zweite Zug, zuerst als Forezgebirge mit dem Pierre-sur-haute (1640 m) auftretend, erreicht in den Magdalenenkuppen sein nördl. Ende; seine Länge I etwa 180 km. Er wird durch das Thal des Allier von seinem nordwestl. Nach— Mitien geschieden, der als etwa 90 km langes, im Mittel 1300 m hohes Margeridegebirge an das Plateau von Auvergne (s. d.) sich anlehnt. Von diesem Zuge wendet sich ganz westlich die Aubrac-Kette mit einer Länge von 60 Em. Die letztern Höhenzüge versorgen mit ihren Quellen die Flußebiete des Lot und der Dordogne. Die südl. Fortsehungen nun des Cevennenzugs bilden die Garriguesberge; die Montagnes de l'Espinouse, und endlich am Südende die Montagnes-noires bis 43 14 nördl. Br., wo der Canal du Midi die Scheidelinie gegen die Nordabhänge der Pyrenäen abgibt. Dieser sudl Teil wendet seine Hauptwassermassen dem Flußgebiete der Garonne, dem Tarn u. s. w. zu. Rechnet man seine Länge zu etwa 180 Em, so ergibt sich für das ganze System der C. mit seinen natürlichen Ausläufern und Lusnohnamg eine Länge von 648 km. Bei dieser Ausdehnung ist eine roße Klima⸗ und Bodenverschiedenheit natürlich. Während die westl. Teile Wälder, Wiesen und Ackerfeld bieten, erzeugen die östlichen auf dürftigerm, aber zum Teil sorgfältig kultiviertem Boden Olivenbäume, Wein, Maulbeer⸗ und Kastanienbäume. In dem mittlern Teile des Gebirges beschäftigt sich eine sehr rege und thätige dichte Bevölkerung mit Obstbau und Seidenzucht. Die Masse des im Durchschnitt 975—1300 m hohen Gebirges besteht aus amphibolischen Gebirgsarten, Grauwacke und Kalkstein, mit übergelagerten tertiären Bildungen, die an mehrern Stellen durch vulkanische Gebirgsarten unterbrochen sind. Schon im 12. Jahrh. bildeten sich unter dem Namen der Armen von Lyon, der Albigenser (s. d.), Waldenser (s. d.) u. s. w. in diesem Landstriche religiöse Sekten. Ungeachtet der gegen sie jahrhundertelang von den Päpsten angeordneten Kreuzzüge und Glaubensgerichte hatten sich zahlreiche Überreste derselben erhalten, welche, als die erhielten tion Eingang fand, bedeutenden Zuwachs erhielten und endlich durch das Edikt von Nantes gegen fernere Verfolgungen geschtzt wurden. Als aber Ludwig XIV. 1685 dasselbe widerrief, begann gegen die prot. Bewohner der Cevennenländer eine Reihe der grausamsten Verfolgungen, Mustoner 1697 nach dem Ryswijker Frieden. Den Missionen wurden Dragoner beigegeben, um die Predigten der Mönche durch Waffengewalt zu unterstützen (Dragonaden), und die teuereinnehmer angewiesen, alle des Protestantismus Verdächtigen vorzugsweise zur Abtragung der Gefälle anzu alten. Man entriß Kinder gewaltsam den Eltern, um sie im ö wele Glauben zu erziehen, brachte die Männer, welche in die Bethäuser gegangen, auf die Galeeren, die Weiber in die Kerker, die Prediger an den Galgen und zerstörte die Kirchen. Diese und andere Mißhandlungen erzeugten unter der Bevölkerung bald allgemeine Verzweiflung. Es standen Propheten und Prophetinnen auf, die das Landvolk fanatisierten. Die Verfolgten begannen den Gegenkampf mit Ermordung der Steuereinnehmer. Der Mord des Abbé du Chaila 1702, der an der Spitze jener Dragonaden stand, gab dann das Zeichen zum allgemeinen Aufstand. Man nannte die emnpörten Hauenn Camisarden, vom Provinzialmißt, sind unter Kaufzusuchen. worte Camise, d. i. Hemd, Bluse. Ahte Anzahl und ihr Fanatismus nahmen immer mehr zu; Ludwigs Macht aber reichte um so weniger aus, als das Gebirge Zufluchtsörter genug darbot und seine Truppen jeden Augenblick in Gefahr kamen, abgeschnitten und überfallen oder von Kälte und Hunger aufgerieben zu werden. Mit jedem Tage stieg der Mut der Camisarden, zumal sich kühne Führer, unter ihnen vorzüglich Cavalier ( d.), an ihre Spitze stellten. Am bedenklichsten wurde die Lage für Ludwig XIV., als der Spanische Erbfolgekrieg ihn nötigte, seine Kräfte anderwärts zu verwenden, und als Narlborough und der Herzog von Savoyen —— Versprechungen und kleine Unterstützungen die Camisarden noch mehr zum Widerstande anfeuerten. Dagegen erließ Papst Clemens XI. 1703 eine förmliche Aufforderung zum Kreuzzuge gegen sie. Dessenungeachtet schlugen die Camisarden die Truppen des 1703 mit 20000 Mann gegen sie gesendeten Marschalls Montrevel fast überall, und die furchtbaren Grausamkeiten des letztern fanatisierten sie nur noch mehr. Böses mit Bösem vergeltend, erwürgten auch sie in der Diöcese Nimes 84 Priester und brannten 200 Kirchen ab, nachdem man von ihnen mehr als 40000 gerädertl, verbrannt und gehängt hatte Endlich sendete Ludwig 1704 den Marschall Villars ab, um der gefährlichen Lage eine andere Wendung zu geben. Die Camisarden hatten nämlich im Sinne, sich mit dem Herog von Savoyen in der Dauphine zu vereinigen. 00 das ganze Land von der Küste bis auf den öchsten Kamm der Berge war in ihren Händen; mit den Einwohnern von Nimes, Montpellier, Orange, Uzes u. s. w. unterhielten sie Verbindungen, die ihnen Brot, Waffen und andere Bedürfnisse sicherten; auch Geschütz stand ihnen reichlich zu Gebote, da viele Glocken von ihnen dazu verwandt worden, und unter den Führern bethätigte sich Cavalier mehr und mehr als gewandter Feldherr. Die kath. Landleute wagten weder das Feld zu bestellen, noch Lebensmittel in die Städte zu bringen. Auch Villars, der 21. April in Nimes ankam, vermochte nicht, die Insurgenten mit Waffengewalt zu unterwerfen, und schlug daher den Weg der Güte ein, erließ für alle, welche die Waffen niederlegen würden, eine allgemeine Amnestie und setzte selbst solche Gefangene, welche Treue gelobten, in Freiheit. In der That entwaffnete er auf diese Weise mehrere Gemeinden. Auf der andern Seite verkündete er gegen die Widerspenstigen die härtesten Strafandrohungen, und um diesen Nachdruck zu eben, 12 deniele fliegende Kolonnen das Land. llle, die denselben gewaffnet in die Hände fielen, sollten entweder auf der Stelle getötet oder in Alais, Nimes und St.⸗Hippolyte gehängt und gerädert werden. Durch dieses Doppelspiel brachte es Villars dahin, daß schon 10. Mai Cavalier einen Vergleich schloß. Die Bedingungen, unter welchen er Unterwerfung gelobte, waren Gewissensfreiheit und das Recht zu gottesdienstlichen Privatversammlungen außerhalb der Städte; Loslassung der Gefangenen; Zurückrufung der Verbannten; Wiedererstattung der eingezogenen Güter und Freiheiten. Am 22. traf die Bestätigung des Vergleichs von Paris ein. Indes nahm die Sache doch eine andere Wendung, besonders infolge der Thätigkeit holländ. Emissäre, welche Geld und Waffen brachten und die Unterstützung ihrer Republik versprachen. Die wilden Bauern, von ihren Unterbefehlshabern aufgereizt und von ihren Propheten begeistert, zogen sich unter Führung Rolands, welcher indessen bald den Tod fand, in die Waldungen zurück, indem sie erklärten: der König müsse das Edikt von Nantes enEudtdestee außerdem sei für sie keine Sicherheit. Endlich gelang es Villars, auch diese zur Unterwerfung zu bringen. Viele von ihnen flüchteten und traten in piemont. Dienste, wo sie ein Regiment bildeten, das im span. Kriege verwendet und unter Cavaliers Anführung später im Treffen bei Almanza (25. April 1707) au gerieben ward. Mit jener Unterwerfung war 51 2 noch nicht der ganze Aufstand erstickt. Noch ehe Villars 7 r stillen konnte, wurde er 1705 durch den tarschall von Berwick ersetzt, der die Wichrer der Camisarden in Montpellier Überfiel, sie verbrennen und rädern ließ und das Land grausam verwüstete. Hierdurch aufs Außerste gebracht, erhoben sich die Camisarden mit schwärmerischer Begeisterung noch einmal. Allein sie waren zu schwach, um den Kampf mit Erfolg zu beendigen; teils starben sie mit den Waffen in der Hand, teils wanderten sie aus, teils unterwarfen sie sich. Der Kampf endete 1709 mit der gänzlichen Verwüstung der Provinz und mit der Vernichtung oder Vertreibung eines großen Teils ihrer Bewohner. Vgl. Jlistoire des Camisards „ (2 Bde., Lond. 1744); Court de Gebelin, Le patriote français et impartiald (2 Bde., Villefranche 1753); desselben (Histoire des troubles des Cevennes ou de la guerre des Camisardso (3 Bde., chtederter 1760; neue Aufl. 1820); Schulz, «Geschichte der Camisarden (Weim. 1790); Bray, «The revolt of the protestants of the Cevenneso (Lond. 1870).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 151Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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