FeedChaldäa
ErdkundeBrockhaus 1882

Chaldäa hieß im Altertum eine Landschaft in Vorderasien, deren eigentliche stellen st. I. usdehnung jedoch nicht genau festzustellen ist. Im weitern Sinne findet sich C. in den meisten Schriften der Bibel und bei den ältesten griech.⸗röm. Schriftstellern gleichbedeutend mit Babylonien (s. d.) gebraucht; im engern Sinne versteht man darunker das Alluvialland des Euphrat, im Westen von der Arabischen srhhn begrenzt. Gewiß ist, daß die Assyrer in abr früher Zeit unter dem Lande der Kaldi Hemn Babylonien und namentlich dessen südl. Teil egriffen, während der mehr nördl. Teil mit nd lon selbst gewöhnlich das Land Accad genannt wird. Von diesem assyr. Worte Kaldi kommt auch die klassische Form Chaldaea, wogegen das Chasdim der Bibel von den uralten sumerischen nichtsemit. Worten chas di herrührt, welche wahrscheinlich nichts heißen als adie beiden Strömes. Daß der Volksname Chaldäer von diesem Lande herrührt, ist nach den neuern Forschungen bei weitem wahrscheinlicher als die frühere, von vielen Gelehrten. angenommene Hypothese, daß die Chaldäer ein den gegemwärkigen Kurden nißt, sind unter K aufzusuchen. (Karduchen der Alten) verwandter Volksstamm gewesen seien, welcher also arischen Ursprungs wäre. Auch der oft angeführte gemeinsame rsprung der assyr. und babylon. Kulte mit dem altpersischen ist meh den Resultaten der Zend⸗ und Wunch Riyer Zei mehr als ungewiß, obgleich in —4* manche Berühr Daß ferner die Gae wie die Perser ursprünglich den Namen wie man 1. Paß at, geht aus Herodot (VII, 61 2•.N bch. in aß dieser Stamm der Chaldäer im 7. Jahrh. in das Tiefland Bab loniens herabgestieeruht einzig und allein auf einer falschen Auslegung des Jeas (23, 13). Selbst Diodor bezeugt ausdrücklich, byloniern gehörten, dann finden sich auch in den babylon. Königsreihen des Berosos, lange vor der Zeit der Semiramis (1356—1314) nach einer Dynastie von 86 Babyloniern, vor einer von 8 Medern und einer namenlosen von 11 ungenannten, 49 chaldäische Könige, die n diesem Kanon von 2059— 1601 v. Chr. zu setzen si der in den assyr. Königslisten nicht vorkommende Phul von Berosos ein Chaldäer genannt. Später galt das Wort Chaldäer (schon im Propheten Daniel) für gleichbedeutend mit Astrolog wegen der in Babylon, Borsippa, Sippara und Orchos blühenden astron. und natürlich auch astrol. Schulen. Ob und wie die chaldäische Astronomie mit der Sternkunde der Agypter zusammenhängt, ist eine schwer — entscheidende ösbar schien. Für die Priorität der . Dog als Erfinder der Astronomie sprechen Diodor, Di Laertius, Manilius, Lactantius, Macrobius, 8 les Tatius; im entgegengesetzten Sinne Cicero, F0 Rieran Tatian,‚ Proklos, Servius, Clemens von lexandrien und den Assyrern —— den ewigen Gebrauch der Schrift B pricht; Plato ielen galt der Agypter Thaut, andern, wie Semia, der babylon. Ju nomie. Von letzterm 91 die Wissenschaft die Kaste der Chaldäer geer —— Philosophie und Astronomie von Vater auf ohn überlieferten, obgleich sie auch Ausländer aufnahmen, wie z. die von d ohne Untergang. Die Chaldäer haben sich mehr als irgend ein anderes Volk mit den Beobachtungen der Gestirne behr Son und zwar bedienten sie sich dazu bei Tage er Hach att und bei Nacht einer Art Wasseruhren. Auch den geteilt. Simplicius erzählt, nach Porphyrius, daß Kallisthenes, der Alexander d. Gr. auf seinen Zügen u Babylz eine Reihe von 31000 Jahre hindurch in rückgebracht und dem Aristoteles Ina Beob. Gtunen angestellt haben, um die Periode Saros (wahrscheinlich mit dem syr. Worte Sahro, Mond, Chal. menhängend) zu finden, welche gewöh ley Zeitraum u Ur eitraum von 6585 ½ Tagen oder von 18 Juliani-Deue Der W5 und 11 Tagen (zu 365 ¼ Tagen) enen der Mond 223 synodische Umläufe zurückl Conversations-Lexikon. 13. Aufl. IV. Da nach dieser oder 242 Drachenmonaten der Mond in Beziehung auf die Sonne, auf seine Knoten wieder dieselbe Lage hat wie im Anfange dieser Periode, so diente sie ihnen zur Zer Sonne und zur Bestimmung der Finsternisse der Sonne und des Mondes, welche nach Verlauf dieser Zeit fast genau in derselben Ordnung wiederkehren. Geminus, der zur Zeit Sullas lebte, bezeichnet die ältesten Astronomen, d. i. die Chaldäer, als die Urheber der dreiben 6 Sarosperiode von 19656 Tagen. Noch wird en Chaldäern die Auffindung mehrerer anderer Demerten Perioden zugeschrieben, die aber weniger bemerkenswert sind. Wegen ihrer astron. Kenntnisse standen die Chaldäer sowohl während der Blüte als nach dem Verfall ihres Reichs in hohem Rufe, und selbst die Griechen in Alexandrien nahmen die ältern Beobachtungen nicht von den Agyptern, sondern von den Chaldäern. Die ältesten wissenschaftlich von ihnen Weoback Beobachtungen sind na Ptolemäus drei Beobachtungen von 770 9, Mar nissen aus den J. 721 (19. März) und 720 (9. März und 15. Sept.). Nach Diodor von Sicilien nahmen sie an, daß der Mond das uns nächste Gestirn sei daß er sein Licht von der Sonne erhalte und daß die Finsternisse desselben von dem Schatten der Erde verursacht würden. Ob andere Angaben des Diodor, die Chaldäer hätten weder die Rundung der Erde noch die Ursache der Sonnen nsternisse baus un Geneca sind, ist zweifelhaft. Nach Stoäus und Seneca hielten sie die Kometen für Planeten, die nur dann sichtbar würden, wenn sie der Erde in ihrem Laufe näher kämen. Nach dem arab. Astronomen Albategnius bestimmten sie die Länge des Sternjahres zu 365 lan 6 Stunden 11 Minuten. Auch könnte man glauben, daß sie bereits die Vorrückung der Nachtgleichen ahnten, was indes mit gewichtigen Gründen bestritten worben ist; daß sie aber die Wirkung derselben wahrgenommen haben, scheint man doch des nehne Zeitumfangs ihrer Beobachtungen wegen annehmen zu können. Einer von ihren Ästrologen, Osthanes, welcher im Gefolge des Xerres war, soll die Astrologie nach Griechenland gebracht haben. Wie aus einer von Cicero überlieferten Nachricht 2. Kaldamt war zu Eudoxos' Zeit (400 v. Chr.) die chaldäische Astrologie in Griechenland äußerst beliebt. Außerdem waren die Chaldäer namentlich stark im Deuten der Omina jeglicher Art; no gibt es zahlreiche Keilinschriften, die in cafuistischer Weise Mißgeburten, Opfer, Vogelflug, Hundebisse, Träume erklärten. Die chaldäische Astrologie breitete sich auch später, trotz der großen Verachtung, in die sie seit den Alexandrinern gefallen war, so aus, daß Chaldäer, Sterndeuter, Wahrsager und Betrüger beinahe gleichbedeutend waren und mehrere Kaiser die Chaldäer, als der Gesellschaft schä liche Glieder, durch strenge Edikte aus dem Reiche verbannten. Eine gewisse Herrschaft haben sogar allerlei, vielleicht von den Chaldäern ererbte, wenigstens nach ihnen benannte Zeichen in den dämonischen Beschwörungs-Den Sch und Akten des Mittelalters ausgeübt. Von en Schriften der Chaldäer ist außer einzelnen Keilschriftdokumenten nichts auf uns gekommen. Heute versteht man unter dem Namen Chaldäer oder Kaldani die aus den Nestorianern hervorgegangenen röm.⸗kath. Christen Mesopotamiens.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 160Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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