FeedChäteau-Ville-Vieille
ErdkundeBrockhaus 1882

Chäteau-Ville-Vieille, Gemeinde im franz. Depart. der Obern Alpen, Arrondissement Briangon, 7 km im SW. von Aiguilles, an dem zur Durance gehenden Guil, in 1671 m Höhe, mit 1000 E. Sie besteht aus zwei Dörfern: Chäteau⸗-Queyras ist eine der malerischsten kleinen Festungen, wonach das Queyrasthal benannt ist, durch welches der Guil als wilder Gebirgsbach tobt. An den Fuß des Fort, das von einer Kompagnie Infanterie besetzt und durch Batterien in dem 3. Ouns an Fels verstärkt „ist, schließt sich das Dorf. Das andere, Ville-Vieille, am Zusammenfluß des Guil und der Blanche, hat eine Kirche aus dem 10. Jahrh. Chätel (Abbée Ferdinand Toussaint Francois), franz. Kirchenreformator, geb. 9. Jan. 1795 zu Gannat im Depart. Allier, trat 1 Beendigung seiner theol. Studien im großen Seminar von Clermont-Ferrand 1818 in den Priesterstand und wurde nacheinander Vikar an der Kathedrale von Moulins, Pfarrer von Monetay an der Loire und sodann Feldprediger der königl. Garde (1823). Schon damals machte er sich bekannt durch freisinnige Predigten und durch Abhandlungen in dem religiösen Oppositionsblatt Le Réformateur, ou Echo de la religion et du siècle, aber erst nach der eJulirevolution trat er mit dem Plan hervor, eine neue Kirche zu gründen. Im Jan. 1831, als die Zahl der Proselyten anwuchs, bildete sich in Paris eeine Kirche, die abwechselnd Eglise française und 3Eglise unitaire francaise bieß und ihren Hauptsitz nach verschiedenen Stadtvierteln verlegte. Ein angeblicher Würdenträger des Templerordens erteilte dem Abbé C., «in Gegenwart des versammelten Volks und Klerus», die bischöfl. Weihe, und der neue Prälat nannte sich Primas von Gallienv. Auch eine Hierarchie wurde eingesetzt und ein Glaubensbekenntnis abgefaßt. Das Naturgesetz, das reine Naturgesetz, nichts als das Naturgesetzo sollte als Fundament des neuen Kultus gelten, der in Jesus Christus nur einen Kaußerordentlichen Menscheno ehrte, Beichte, Fasten, Keuschheitsgelübde verwarf und in der Liturgie die franz. Sprache Ris die lateinische einführte. Die neue Kirche zählte Anhänger in mehr als 30 Departements; aber bald entstanden Schismen. Ein hitziger Streit entspann sich zwischen C. und seinem ehemaligen Schüler, Abbé Auzou, der eine besondere, an die Lehren der Wessenbergschen Schule in Deutschland sich anschließende Sekte stiftete. Die franz.kath. Kirche wurde von der Juliregierung lange in ruhigem Bestande gelassen und erst 1842 von Polizei wegen geschlossen. Die Februarrevolution ließ sie wiederaufleben. Aber 1850 verbot ein Polizeibeschluß zum zweiten mal die Ausübung des neuen Kultus, dessen Stifter, trotz dringender Mahnungen, nicht wie der Abbé Auzou in den Schos der alten Mutterkirche zurückkehrte, sondern als hartnäckiger Häresiarch zu Paris 13. Febr. 1857 starb. Er schrieb: Profession de foi de I'Eglise catholique françaisep (Par. 1831), ein Seitenstück u dem Glaubensbekenntnis des franz. Vikars in ousseaus Emilev, sowie Le code de Phumanité, ou Phumanité ramenée à la connaissance du vrai Dieu et au véritable socialismes (Par. 1838), eine Art naturalistischer Dogmatik und Moral.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 209Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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