Chatham (William Pitt, Graf von), auch unter dem Namen Pitt der Altere bekannt, einer der größten engl. Staatsmänner und Redner, war der Enkel Thomas Pitts, Gouverneurs von Madras, und 15. Nov. 1708 geboren. Er erhielt zu Eton und Oxford eine klassische Bildung und trat 1735 für den von seiner Familie abhängigen Flecken Old-Sarum ins Parlament. Seine Freunde hatten ihm bei seinem geringen Vermögen die Stelle eines Kornetts in der Garde verschafft, die er aber verlor, als er sich im Unterhause der Opposition gegen Walpole anschloß. Er erlangte im Parlament und im Volke bald ein solches Ansehen, daß es der Hof für geraten hielt, ihm ein Amt zu geben; er wurde 1746 Schatzmeister von Irland und bald darauf Geheimrat und Generalzahlmeister der Armee. In dieser Zeit setzte ihn die Herzogin von Marlborough, um den Patriotismus des kühnen Redners zu belohnen, zum Erben von 10000 Pfd. St. ein, wie ihm auch später ein ähnliches Vermächtnis aus gleichem Grunde zufiel. Beim Ausbruch des Siebenjährigen Kriegs ernannte ihn der König, dem Wunsche des Volks nachgebend, zum Staatssekretär. Pitt leitete nun den Krieg nach einem großartigen Plane ein, errichtete die Nationalmiliz und entwickelte alle Kräfte der brit. Seemacht, um eine Landung an den franz. Küsten zu bewerkstelligen. Weil ihm hierin der König entgegen war, legte er im April 1757 sein Amt nieder, erhielt es aber schon im Juni von neuem und wurde fortan die Seele des Kabinetts. Sein Hauptbestreben ging dahin, Frankreich zu schwächen. Er unterstützte des956 Friedrich d. Gr. in Deutschland, eroberte durch olfe Canada und brachte die brit. Flotte auf einen solchen Höhepunkt, daß Frankreich bald auf allen Meeren geschlagen wurde und alle seine Kolonien einbüßte. Die Thronbesteigung Georgs III. (25. Okt. 1760) hemmte die weitern Pläne Pitts, die Tories gewannen Einfluß und gegen seinen Willen mußte er mit Choiseul (s. d.) den Frieden verhandeln. Doch machte er so wenig Zugeständnisse und erschwerte die Friedensverhandlungen so bedeutend, daß Choiseul selbst die Unterhandlungen aufgab. Nachdem Pitt 5. Okt. 1761 das Ministerium an den toryistischen Bute (s. d.) hatte abtreten müssen, stellte er sich abermals an die Spitze der Opposition. Im Parlament ward allerdings sein Antrag für Fortsetzung des Kriegs verworfen; allein das Volk war um 0 mehr auf seiner Seite und schenkte ihm unbegrenztes Vertrauen, da es das Nationale und Weitgreifende seiner Politik in seinen feurigen Reden erkannte. Die Stadt London dankte ihm feierlich für seine Verwaltung und ließ ihm zu Ehren auf der Blackfriarsbrücke ein Denkmal errichten. Der König und der Hof, die Pitts Einfluß fürchteten, suchten mit ihm eine Versöhnung zu Stande zu bringen. Erst 1766 ließ er sich bewegen, wieder ins Ministerium zu treten; aber schon 1768 legte er sein Amt von neuem nieder, nachdem er inzwischen zum Grafen von C. erhoben worden war. Schon früher hatte er oft zu einer milden und gerechten Behandlung der amerik. Kolonien geraten; als 1775 der förmliche Krieg zwischen diesen und dem Mutterlande ausbrach, bot er seinen ganzen Einfluß und seine Beredsamkeit auf, um eine gütliche Ausgleichung herbeizuführen. Er verwarf den Krieg und die grausamen Mittel, mit welchen derselbe von der herrschenden Partei geführt wurde; er gab zu bedenken, daß die Amerikaner, indem sie sich einer willkürlichen Besteuerung widersetzt, nur das gethan, was Englands Väter mit gutem Rechte so oft ausgeübt hätten. Bald hatte er die für ihn traurige Genugthuung, daß die Niederlage der brit. Waffen bei Saratoga, 17.Okt. 1777, seine Ansichten rechtfertigte. Der übermut des Ministeriums ging bei dieser Nachricht in kleinmütige Verzagtheit über, und als gar die Vereinigten Staaten einen Vertrag mit Frankreich abschlossen, gewann die Ansicht Eingang, daß man gegen günstige Handelsverbindungen mit den befreiten Kolonien Frieden machen müsse. C. war damals krank und konnte an den parlamentarischen Verhandlungen keinen Anteil nehmen. Als er aber don dem unter solchen Umständen schimpflichen Friedensprojekt hörte, erhob er sich und wankte (7. April 1778) mit bleichem und zornigem Gesicht in das Oberhaus, wo eben der Herzog von Richmond die Anerkennung der nordamerik. Kolonien als selbständige Staaten beantragte. In einer ergreifenden Rede stellte er seinem Vaterlande die Schmach und Feigheit dieses Schrittes vor; er erklärte, daß England Laone⸗ im Bonusfs stehe, einen Fußfall vor dem Throne der Bourbons 3 thun, und daß jedes Ungemach einer solchen Erniedri-Thnn vorzuziehen sei. Seine Rede bewirkte in der hat die Umkehr der Gemüter aller Parteien und die Fortsetzung des Kriegs; allein er mußte diesen Sieg mit seinem Leben bezahlen. Denn als er auf die Einwände des Herzogs von Richmond antworten wollte, brach er zusammen und wurde ohnmächtig aus dem Saale getragen. Er starb 11. Mai 1778 auf seinem Landgute Hayes in Kent. Das Parlament ließ ihn auf taatskosten prächtig begraben, setzte seinem ältesten Sohne ein Jahrgeld von 4000 Pfd. St. aus und bezahlte auch seine Schulden aus dem öffentlichen Schatze; denn wiewohl er nie verschwenderisch gelebt hatte, starb er doch arm. C. war in jeder Hinsicht ein außerordentlicher Mann. Sein imponierendes und dabei gewändtes Wesen nahm für ihn im ersten Augenblick ein; sein rechtschaffener und unbestechlicher Charakter erzwangen ihm auch die Achtung seiner polit. ermißt, sind unter K aufzusuchen. 14*³ Feinde. Von seinen Reden haben sich nur wenige z vollständig erhalten. John Almon veröffentlichte: r „(Anecdotes of William Pitt, Earl of C., and of.e the principal events of his time, with his speeches in Parliamento (4. Aufl., 3 Bde., Lond. 1810). Die d «(Chatham Papers 5 (4 Bde., Lond. 1838 —40) sind wichtige Beiträge zur Geschichte seiner Zeit; auch hat man von ihm Briefe an seinen Neffen, den nachmaligen Lord Camelford (Lond. 1804). Vgl. F. Thackeray, Lite ot C.5 (2 Bde., Lond. 1827); Viel-Castel, Essai sur les deux Pitty (2Bde., Par. 1846). über seinen ebenfalls berühmten Sohn, Pitt d der Jüngere genannt, s. Pitt (William). x