Chemie ist derjenige Teil der Naturwissenschaften, welcher die Zusammensetzung und die Eigenschaften der Körper betrachtet. Alles, was einen Eindruck auf die Sinne macht, also alle die unendlich mannigfaltigen Gegenstände, welche die Welt bilden, nennt man Körper. Das, woraus die Körper bestehen, was also die Ursache ihrer Eigenschaften und der Eindrücke bildet, welche sie auf uns hervorbringen, nennt man Materie oder Stoff. die Eigenschaften des Stoffs zu studieren, bildet die Aufgabe zweier Naturwissenschaften, der Physik und der C. Die Physik macht diejenigen Eigenschaften zur Aufgabe ihres Studiums, welche den Körpern gemeinsam sind, sowie diejenigen, welche mit den verschiedenen Arten der Bewegung zusammenhängen, die man als Gravitation, als Wärme, Licht, Magnetismus, Clektricität bezeichnet, ohne daß sie dabei die Verschiedenheiten des Stoffs und deren Ursachen in Betracht zieht. Die C. macht dagegen gerade die Verschiedenheit des Stoffs zum Gegenstande ihrer Forschung und Lehre. Diese beiden Aufgaben lassen sich nicht immer völlig getrennt verfolgen und Physik und C. haben deshalb viele Berührungspunkte. Der Ursprung des Namens der C. hüllt sich in Dunkel. Einige leiten ihn von dem griech. Worte Vohss (Pflanzensaft), andere wol mit größerm Recht von Xpiae, einem alten Namen Agyptens, ab, da sich von diesem Lande aus chem. Geheimlehren in der nachklassischen Zeit verbreitet haben, Altertum hat wohl Philosophen besessen, welche über das Wesen der Materie spekulierten, aber nicht experimentierten, und darum zu vagen und geringfügigen Vorstellungen über dieselbe gelangten. Die Bearbeitung der Materie war Sklaven überlassen und galt als unehrenhaft, und so konnte auch die Erkenntnis der Materie im klassischen Altertum nur geringe Fortschritte machen. In Ägypten führte der Durst nach Gold zu Versuchen, unechte Metalle in Gold zu verwandeln, zu dem Glauben und noch häufiger zu dem trügerischen Vorgeben, diese Kunst zu versiehen, und als Alchimie (s. d.) verbreiteten M Geheimlehren über die Bereitung eines Elixirs (Magisterium, Stein der Weisen), welches unechte Metalle in Gold verwandeln und das Leben verlängern könne. Obgleich sich Spuren der Alchimie bis in die neuere Zeit erhalten haben, so nahm die C. doch mit dem 15. Jahrh. allmählich eine würdigere Gestalt an. Sie trat zunächst in den Dienst der Arzneiwissenschaft, und während die Alchimie besonders die Metalle und ihre Bearbeitung auf feurigem Wege verfolgte, beschäftigte sich die C. in ihrer nun folgenden Form (als Jatrochemie) besonders mit der Aufgabe, die Körper in Lösung zu bringen, um sie auf ihre Heilkräfte prüfen zu können, und gewann so mancherlei Kenntnisse von den Eigenschaften der Säuren, Alkalien und Salze. Erst mit dem 17. Jahrh. fing die C. an, eine selbständigere und wissenschaftlichere Gestalt anzunehmen. Robert Boyle, der erste Präsident der Royal Society in London, welcher in dauben „(Sceptical chymisty (1661) dem Autoritätsglauben seiner Zeit zuerst auf das entschiedenste entgegentrat und durch die Logik seiner Beweise mancherlei alchimistische Irrlehren vernichtete, hatte auch schärfere Kenntnisse von den Erkennungszeichen verschiedener Substanzen und (was von besonderm Einfluß war) er lehrte Gase untersuchen und zog dadurch für die Kenntnis der Natur überaus wichtigen, bis dahin nicht gewürdigten Substanzen in den Kreis der chem. Forschung. Nicht viel später stellte Georg Ernst Stahl in Deutschland die erste chem. Theorie auf, die sog. Phlogistontheorie, welche trotz ihrer Irrtümlichkeit das Verdienst hatte, verschiedene chem. Erscheinungen unter einem Gesichtspunkte zu vereinigen, also wissenschaftlich zu verknüpfen. Mittlerweile mehrte sich die Kenntnis von den Gasen. Henry Cavendish wies das Wasserstoffgas als Bestandteil des Wassers nach. Jos. Black fand, daß Kohlensäure ein wesentlicher Teil der Pottasche und der Kreide sei, und Jos. Priestley entdeckte 1774 und nicht viel später auch Karl Wilh. Scheele das Sauerstoffgas. Diese Entdeckung wurde in Antoine Laurent Lavoisiers Händen zur Grundlage der wissenschaftlichen C. Dieser erkannte, daß Verbrennung die Vereinigung brennbarer Körper mit Sauerstoff sei und daß diese Körper bei ihrer Verbrennung um ebenso viel an Gewicht zunehmen, als sie Sauerstoff in sich aufnehmen. Er erkannte, daß bei keinem chem. Prozeß Materie verloren geht oder entsteht, und bewies also die Unzerstörbarkeit der Materie. Er gab den Begriffen azusammengesetzte und einfache Körpero den scharf bestimmten Inhalt, welchen sie noch heute besitzen. Er setzte die Wage in ihre Rechte ein und machte die C. zu einer quantitativen, zu einer exakten Wisenschaft. Von da an mehrten sich die Fortschritte derselben in wunderbarer Weise. Was schon Wenzel geahnt, mißt, sind unter K aufzusuchen. bewiesen Richter und Proust: daß sich die Kör-Ir per nur in bestimmten Gewichtsverhältnissen mit⸗ l einander vereinigen. Dalton und Gay-Lussac r erweiterten diese Beobachtungen und der erstere l begründete darauf die Atomtheorie (s. unten), die Grundlage der theoretischen C. Zahlreiche neue Substanzen wurden entdeckt; nicht nur die Mineralwelt, auch die Pflanzen⸗ und Tierwelt, die organische Natur ward der C. dienstpflichtig. Neue Theorien drängten und vervollkommneten