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NaturlehreBrockhaus 1882

Chemisches Laboratorium nennt man die Arbeitsstätte des Chemikers. Dasselbe dient entweder Lehr⸗ oder Forschungs⸗ oder aber Erwerbszwecken. In gerechter Würdigun des Einflusses, welchen die Chemie auf sämtliche Naturwissenschaften ausübt, sind len mit zu in Deutschland alle höhern Lehranstalten mit Pora größten Teil Harsek. wel eingerichteten Laboratorien ausgestattet, welche die Aufgabe H die Lernenden in die Wissenschaft einzuführen und sie zu der Fähigkeit eigener Forschung auszubilden. Nachdem durch die Vorträge der theoretischen Chemie Kenntnis der chem. Grundgesetze und Kenntnis der allgemeinen Eigenschaften der Körper erworben ist, soll der Schüler im Laboratorium zunächst lernen mit chem. Körpern umzugehen, gewisse Fertigkeiten im Behandeln chem. Prozesse erwerben und chem. Denken sich zu eigen machen. Zweckmäßig bildet dabei die qualitative Analyse den Anfang, an richtig ausgewählten und systematisch aufeinander folgenden Gegenständen lernt dabei der Schüler die Eigenschaften aller häufiger oder seltener vorkommenden Elemente kennen und benutzt dieselben, um in unbekannten Verbindungen die darin enthaltenen Stoffe aufzufinden. Die qualitative Analyse bildet die Grundlage aller fernern Arbeiten im Laboratorium wie im praktischen Leben des Chemikers, es kann daher nicht zu viel Fleiß auf diese verwandt werden, und man hüte sich, einen Schüler zu andern Arbeiten übergehen zu lassen, solange er dieselbe nicht nach allen Richtungen hin vollständig beherrscht. Daran schließt ich die quantitative Analyse, welche man zweckmäßig an von den Schülern selbst dargestellten Präparaten von chem. Reinheit und genau bekannter Zusammensetzung ausführen läßt, um ihm selbst zu ermöglichen, die von ihm erlangten Resultate auf ihre Richtigkeit kontrollieren Zu können. Dann kann zu einfachern eigenen Forschungen übergegangen werden. Hierbei ist es Aufgabe des Lehrers, den Studierenden auf den richtigen Weg zu leiten bei der Auswahl seines Themas, damit nicht der eigentliche Zweck: Ausbildung des Denkvermögens, verloren gehe. Das zu bearbeitende Thema soll vor allem der Fähigkeit des Schülers angepaßt sein; es sind Gebiete zu vermeiden, auf denen sichere Resultate nicht mit großer Wahrscheinlichkeit vorauszusehen sind, denn nichts ist Lngem Dennmt für den Schüler, als wenn er nach langem Bemühen eine Arbeit wieder aufzugeben hat, weil sie resultatlos bleiben und er sich sagen muß, daß seine Zeit vergeudet und wenig gelernt ist. Außer den Laboratorien der öffentlichen Lehranstalten gibt es jetzt eine große Anzahl von Privatlaboratorien, deren Inhaber sich die Aufgabe stellen, gegen Entgelt chem. Untersuchungen der verschiedensten Art auszuführen, und vielfach von Gewerbtreibenden, Kaufleuten und Fabrikanten benutzt werden, um Auskunft über die verschiedensten Gegenstände des täglichen Lebens zu erhalten. Bei Benutzung derselben vergesse man nicht, daß die Ausführung einer chem. Untersuchung, wenn sie auf gewissenhafte Weise geschehen soll, eine meist nicht leichte Aufgabe ist, daß sie vielmehr eine Summe von Kenntnis, von Arbeitskraft, die Verwendung von kostbaren Apparaten und Utensilien erfordert. Man wende sich daher mit seinen Anliegen nur an solche Laboratorien, von denen man mit Sicherheit voraussetzen kann, daß die waus hervorgehenden Angaben Vertrauen verenen — es gibt auch Schwindellaboratorien! Mit veckentsprechend eingerichteten Laboratorien solln ferner alle Fabriken versehen sein, in denen em. Prozesse zur Ausführung kommen. Es gibt iele solcher Fabriken, deren großartiger Betrieb uf rein empirischer Grundlage basiert ist. In iesen ereignet es sich nicht selten, daß bedeutende zummen vergeudet werden, die durch eine einfache hem. Untersuchung hätten erspart werden können. Da die chemischen Laboratorien den verschiedenen Zwecken zu dienen haben, so müssen ihre Einichtungen diesen Zwecken angepaßt sein; ein für ehrzwecke dienendes Laboratorium bedarf einer anz andern Ausrüstung als das einer Zuckerabrik, dieses einer andern wie das einer Sodaabrik u. s. f. Es lassen sich daher in dieser Beiehung keine allgemein gültigen Normen aufstellen; asjenige, was für das eine Laboratorium nötig st, ist für ein anderes überflüssig. Ein musterültig eingerichtetes Universitätslaboratorium ist as im J. 1868 von Kolbe in Leipzig errichtete, in velchem alle notwendigen aichtehen in zwecknäßigster Weise vereint sind und bei dessen Kontruktion keine Kosten gescheut wurden, durch velche Nützliches hätte geschaffen werden können, vährend andererseits aller unnötige Luxus vernieden ist. Die beistehende Fig. 1 stellt einen Grundriß des Erdgeschosses, umstehende Fig. 2 einen Grundriß des obern Stockwerks dar. Die Tafel „Chemisches Laboratoriumo gibt in Fig. 1 eine Ansicht der Arbeitsplätze, in Fig. 2 eine perspektivische Ansicht eines der großen Arbeitssäle im obern Stockwerk. Im Grundriß des Erdgeschosses liegen zwei große Arbeitssäle für Anfänger AAY, B ist ein zu diesen gehörendes allgemeines Erperimentierzimmer, C offene Halle mit Fensterverschluß, Doffene Halle zum Arbeiten mit Chlor nißt, sind unter K aufzusuchen. und andern giftigen Gasen, E Raum zum Arbeiten mit Schwefelwasserstoff; letzteres Gas wird im Keller zubereitet und den einzelnen, mächtig ventilierten Kapellen durch eine Röhrenleitung zugeführt. F Arbeitszimmer der Assistenten, Vorratskammer, K Kammer zur Aufbewahrung der Reagentien, JWagenzimmer, auch für mikrofkopische Untersuchungen, Luftpumpen u. s. w., K Feuerraum mit Schmelzöfen u. dgl., L Garderobe sür die Praktikanten des Laboratoriums, L. desgleichen für den großen Hörsaal M, NVorbereitungszimmer für die in den Vorlesungen anzustellenden Experimente, N' Vorzimmer, O Saal für die Sammlungen, P kleineres Auditorium, , RR, S8“ Wohnungen für drei Assistenten, dunkles Zimmer für Spektralanalyse, UVWXNVI zur Wohnung des Direktors gehörige Räume. 2. obern Stockwerk (Fig. 2), dessen Räume für die Arbeiten der bereits weiter vorgeschrittenen Studierenden reserviert sind, sind A“ und B die Arbeitssäle, Coffene Halle mit Fenstern versehen, D offener Dachraum zum Arbeiten im Sonnenlicht, E Schwefelwasserstoffraum, F Arbeitszimmer der Assistenten, G Raum zum Erhitzen von explodierbaren Röhren, U Reagenskammer, J Bibliothek, K Wagen und Luftpumpe, L Raum für Elementaranalysen, M Garderobe, NPrivatlaboratorium des Direktors, O Zimmer für gerichtlich chem. Untersuchungen, P Geschäfts⸗ und Sprechzimmer des Direktors, Raum für Spektralanalyse und Photometrie, R Zimmer für die Teilmaschine und andere feine Haume Whi⸗ 8 Zimmer für Gasanalyse. Die Räume T bis 2 gehören zur Wohnung des Direktors. Lolurtseiun Präparate, chemische Produkte Eroduits chimiques) oder Chemikalien heißen im allgemeinen diejenigen Waren, die durch ein auf chemisch-technolog. Grundsätzen basiertes Verfahren dargestellt werden. Im strengen Sinne des Wortes sind daher z. B. auch Branntwein, Seife, Stearinkerzen, Rübenzucker und Leder chem. Präparate. Gewöhnlich nennt man aber diejenigen Produkte chem. Präparate oder Chemikalien, die in besondern chem. Fabriken erzeugt werden. Solche Produkte sind z. B. Schwefelsäure (Vitriolöl), Salpetersäure, Salzsäure, Soda, Chlorkalk, Alaun, die Mineralfarben (Berlinerblau, Chrom-K Schweinfurtergrün, Zinnober, Bleiweiß), die eerfarben (öAꝰnilinfarben⸗ künstliches Alizarin), Blutlaugensalz, Phosphor, die organischen Basen (Chinin, Morphium), ferner Chloroform, Chloralhydrat u. s. w.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 231Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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