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ErdkundeBrockhaus 1882

Chemnitz, erste Fabrikstadt Sachsens und eine der bedeutendsten Deutschlands im Regierungsbezirk Zwickau, am gleichnamigen Flüßchen und am Nordabhange des Erzgebirges in einem weiten Thale gelegen, in 305 m Höhe, ist Sitz einer Amtshauptmannschaft, eines Land- und eines Amtsgerichts, einer Handels⸗ und Gewerbekammer, eines ermißt, sind unter K aufzusuchen. Hauptsteueramts und anderer Verwaltungsbehörden und zählt (1880) 95 123 E. in 2959 Gebäuden (1801 erst 10835 und 1861 schon 45532). C. hat fünf prot. Kirchen, darunter die an Stelle einer ältern romanischen Kirche erbaute Jakobikirche vom „1389 und die 1520 in spätgot. Stil vollendete chloßkirche, ein früheres Benediktinerkloster, eine kath. Kirche, eine höhere Knaben⸗, zwei höhere Eulden Leinern sechs größere Bezirksschulen neben einigen kleinern Volksschulen, eine Realschule erster Ordnung, ein Gymnasium, eine höhere städtische Webschule und eine Fachschule für Weber, eine Handelslehranstalt, eine Königliche höhere Gewerbeschule mit Baugewerken⸗, Werkmeisterschule und Gewerbzeichenschule, eine Fachschule für Schneider, eine für Maler, eine vom Handwerkerverein gegründete Sonntagsschule, jetzt Ladchen en Fortbildungsschule mit Abteilung für Mädchen, endlich eine landwirtschaftliche Schule. Unter den Gebäuden sind hervorzuheben: das altertümliche Rathaus, die Gone das Theater, die Börse, das Hospital St. eorg, das Gebäude der technischen Staatslehranstalten, das Gymnasium und die im großartigen Maßstabe angelegten Justizgebäude. Den Geldmarkt vertreten ümi größere Bankhäuser, die Chemnitzer Stadtbank mit einem Umsatze (1880) von 160 bis (1879) 166,5 Mill. Mark, der Chemnitzer Bankverein, die Filialen der Reichsbank, der Sächsischen und Geraischen Bank, der Vorschußverein (dessen Umsatz 1874 die Höhe von 23 Mill. Mark erreichte, 18¹ dirtch nur 2,5 Mill. Mark betrug) und der Landwirtschaftliche Kreditverein. Eine Aktienbäckerei, zwei größere Konsumvereine und eine Schuhmacher-Rohstoff-Association erzielen einen sich stetig steigernden Umsatz. Der weitausgedehnte Centralbahnhof mit den Centralwerkstätten der Sächsischen Staatsbahnen nimmt die Linien Würschnitz-C., Anbach-C., Leipzig-C. (direkt), Riesa-C., Roßwein-Hainichen-C., Dresden-Freiberg-C., Komotau-C. und Limbach-C. auf. C. besitzt verschiedene Armenanstalten, eine größere Anzahl Unterstützungsvereine und Wohlthätigkeitsanstalten, darunter den Verein zu Rat und That, die Kleinkinderbewahranstalt mit vier Stationen, den Albertzweigverein; ferner die Sparkasse, 15 Sparvereine, mehrere Konsumvereine, eine Leihanstalt, zwei städtische Gasanstalten mit einer Jahresproduktion (1881—82) von 3400000 ebm und seit neuerer Zeit eine Wasserleitung, ein Statistisches Büreau, eine Stadtbibliothek u. s. w. Unter den über 100 wissenschaftl. und industriellen Vereinen, 1878 mit 21075 Mitgliedern, zeichnet sich der 1829 gegründete Handwerkerverein, der gegenwärtig 1400 Mitglieder zählt, aus; ferner sind die beiden Pädagogischen Vereine, der Kaufmännische Verein, die Börse, die Naturwissenschaftliche Gesellschaft, der Technikerverein, der Turnverein, der Landwirtschaftliche Kreisverein im Erzgebirge und die Kunsthütte in erster Linie zu nennen; letztere, im Besitz eines eigenen Hauses, hat seit 1862 eine permanente Ausstellung ins Leben gerufen. An Aktiengesellschaften bestehen eine für Spinnerei, eine Lagerbierbrauerei, eine für Brotbäckerei, zwei Baugesellschaften, eine für Edelfischzucht, Maschinenfabriken für Werkzeug, Spinn⸗ und Dampfmaschinen, Lokomotivenbau u. s. w., eine für Färberei und Appretur, eine Webstuhlfabrik; die Centralherberge, die C.-Würschnitzer Eisenbahngesellschaft, die chemnitzer Straßenbahn u. a. m. Das schnelle Aufblühen der Stadt C. basiert auf dem Erwerb durch die Großindustrie und den fabrikmäßigen Betrieb einzelner Gewerbe; 85 Webwarenfabrikgeschäfte liefern jede Gattung wollener, halbwollener und halbseidener Möbel- und Kleiderstoffe, wollener und halbwollener Damaste, Regenschirm⸗ und andere Stoffe, die nach allen Ländern Europas und in den übrigen Weltteilen reichlichen Absatz finden. Von hoher Bedeutung ist die Strumpf- und Handschuhfabrikation, die durch 80 Firmen vertreten ist, im Stadtbezirke vorzugsweise in geschlossenen Etablissements mit den neuesten Maschinen und Einrichtungen betrieben wird, in der start bevölkerten Umgegend dagegen ausschließlich die Hausindustrie bildet. Zur Weberei gehören 7, zur Wirkerei 10 Appreturanstalten. Die Zahl der Cartonnagenfabrikanten ist bis zum Jahre 1881 auf 44 gewachsen. Die Etablissements für Zeugdruckerei, welche früher in C. einen Hauptfabrikationszweig bildete, haben zwar eine Abnahme erfahren, um so blühender vertreten dagegen 43 größere und kleinere Firmen die Färberei von seidenen, wollenen, halbwollenen und baumwollenen Garnen und Stoffen, sowie den Druck von Shawls, Cachenez, Kravatten und andern Waren. Die in der Stadt und Umgegend bestehenden 78 Baumwollspinnereien mit 456 000 Spindeln konkurrieren mit dem Auslande durch feinere Garne. Die Kammgarnspinnerei ist durch drei, die Floretseidenspinnerei durch zwei Etablissements vertreten. Der Maschinenbau und die mit demselben in mehr oder weniger Berührung stehenden Industriezweige erfreuen sich von Jahr zu Jahr eines immer größern Aufschwungs. In 70 Maschinenfabriken, unter welchen die Sächsische Maschinenfabrik (vormals R. Hartmann), die Chemnitzer Werkzeugmaschinenfabrik (vormals Joh. Zimmermann), die Dampf⸗ und Spinnereimaschinenfabrik, die Sächsische Webstuhlfabrik, die Maschinenfabrik Germania und andere ein bedeutendes Renommee in ganz Europa erworben haben, werden bei günstigem Geschäftsgange gegen 10000 Arbeiter beschaftigt. Neben Lokomotiven und Dampfkesseln werden alle Arten Werkzeugmaschinen, sowie Maschinen für Baumwoll- und Flachsspinnerei, für Brauerei, Bergwerks⸗ und Hüttenbetrieb, mechan. Webstühle, Spul⸗„ Stick⸗ und Nähmaschinen, bis zur kleinsten Hilfsmaschine fabriziert. Hierzu kommen weiter noch 20 Eisengießereien. Die Zahl der vorhandenen Dampfmaschinen belief sich 1879—80 auf 322 mit über 4101 Pferdestärken und 327 zugehörige Dampfkessel. Außer verschiedenen andern Fabriken bestehen in C. und nächster Umgegend Ychem. Fabriken, 15 Ziegeleien, 5 Bierbrauereien und 9 Buchdruckereien. C. hat 36 Möbel- und 75 Kleidermagazine, welche letztere insbesondere der Gewerbefreiheit ihren Aufschwung verdanken. Während vor dem Deutsch-Französischen Kriege der Exporthandel von C. vielfach über Paris ging, hat er sich jetzt in erfreulicher Weise mehr direkte Verbindungen mit überseeischen Handelshäusern angebahnt. Der Export nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika betrug 1881 im chemnitzer Consulatsbezirke 41300000 Mark. In den J. 1871 und 1872 wurde auch in C. eine große Zahl Aktienunternehmungen gegründet, von denen einige inzwischen wieder liquidiert haben. Gegenwärtig (1880) beträgt die Zahl der im chemnitzer Handelskammerbezirke bestehenden 57 900 ellschaften 54 mit einem Stammkapital von 57 Mill. Mark. mißt, sind unter K aufzusuchen. Ursprünglich eine Niederlassung der Sorbenwenden, wurde C. im 10. ahrh. von König Heinrich I. im Kriege gegen die Sorben durch eine Burgwarte befestigt. Durch Kaiser Otto I. erhielt es 938 die erste christl. Kirche, durch Lothar II. im Anfange des 12. Jahrh. Stadtgerechtigkeit, und unter Kaiser Rudolf von Habsburg erhob es sich zur Reichsstadt. Wie die unter den Sorben einheimische Leinweberei Veranlassung zur Erbauung des Ortes gegeben hatte, weil sich die Gegend zur Anlage großer Bleichen eignete, so wurde auch das fernere Erstehen und Erblühen der Stadt lediglich und Tund echal 1 gewerbliche Thätigkeit beschafft und erhalten. Neben dem genannten 1. striezweige und einer ausgedehnten, durch Regierungsmonopole geschützten Bleicherei erreichte das Tuchmachergewerbe bald einen für damalige Zeiten großartigen Umfang, und als die Stadt 1485 bei der Teilung Sachsens an die Ernestinische Linie kam, war sie eine der blühendsten im Meißnerlande. Auch hier wurde 1539 durch Heinrich den Frommen die Reformation eingeführt und 1546 das reiche, bei der Stadt befindliche, von Lothar 1125 gehoben. Die Drangsale des Dreißigjährigen Kriegs zerstörten die Stadt 1633 — 36 fast gänzlich. Die Erwerbsquellen des Friedens waren versiegt, und erst in der letzten Hälfte des 17 Jahrh. erhob sich die Baumwollweberei als ein neuer Nahrungszweig, welcher 1739 schon 2000 Stühle beschäftigte und 20 Jahre später alle deutschen Konsumtionsplätze mit rohen Kattunen versorgte. C. wurde 1765 Sitz der in den umliegenden Dörfern verbreiteten Strumpfwirkerei. Schlüssel aus Hamburg legte hier 1770 die erste sächs. Zeugdruckerei an. Die engl. Piguéweberei wurde 1775, die engl. Handspinnmaschine 1790 durch Forkel und Irmscher, die Baumwollmaschinenspinnerei nach Arkwrightschem System 1799 durch Wöhler und Whitsield eingeführt. Alle diese Gewerhe erhoben C. während der Kontinentalsperre zur höchsten Stufe seines Flors, der aber nach dem Pariser Frieden unter der unglücklichen Handelspolitik des Landes gänzlich herabkam, bis 1833 durch den Beitritt Sachsens zum Zollverein — 8 für C. eine neue Entwickelungsepoche eintrat. Vgl. Flinzer, Mitteilungen des Statistischen Büreau der Stadt C. (Chemnitz 1873 fg.); „Mitteilungen des Vereins für

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 233Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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