Christliche Kunst. Gleichzeitig mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion durch Konstantin d. Gr. fällt der Beginn einer selbständigen christl. Kunst, deren Geburtsstätte Rom war. Das Christentum schuf jedoch ursprünglich keine neuen Formen, bildete keine eigene künstlerische Sprache für seine Bedürfnisse aus. Die Kunst des Altertums, wenn auch verfallen und entartet, war noch mächtig und bedeutend genug, um bestimmend auf die Folgezeit zu wirken. Der antike Tempel zeigte sich jedoch für die Bedürfnisse des neuen Kultus nicht geeignet und wurde nur in den seltensten Fällen adoptiert. Er ist im Sinne des Heidentums Wohnhaus der Gottheit, während das Christentum ein Bethaus der Gemeinde, das folgerichtig viel bedeutendere Räumlichkeiten haben muß, beansprucht. Mit der Innerlichkeit des neuen Kultus hängt es zusammen, daß das christl. Gotteshaus das Bestreben hat, weit emporzuragen über den Boden der Erde, auf welchem sie fußt, und 1 dem Himmel entgegen zu erheben, wo der Christ seinen Gott sucht. Zuerst begann das Christentum seinen Badltt die röm. Markt⸗ und Gerichtshalle, die Basilika (s. d.), anzupassen, indes mißt, sind unter K aufzusuchen. nicht ohne durchgreifende Umgestaltungen. Die christl. Basilika verbreitete sich dann nicht nur über das Abendland, sondern ewe auch im Osten des röm. Weltreichs Fuß (Kirche von Bethlehem). Allmählich ward hier aber eine andere Bauweise die herrschende: der kuppelgekrönte Centralbau, der ebenfalls dem weström. Boden entstammte und dort gleichzeitig mit der Basilika auftritt. Seine edelsten Beispiele weist er in Ravenna auf erscheint vereinfacht dann in den Taufkirchen Gaptisterien), findet jedoch seine weitere Ausbildung im Orient als byzant. Stil. Die Byzantinische Kunst (s. d.) erhielt sich bis zur Eroberung des Byzantinischen Reichs durch die Türken (1453), beherrscht aber heute noch Rußland und andere slaw. Gebiete. Im Abendlande findet die altchristl. Epoche unter der Regierungszeit Karls d. Gr. ihren Abschluß, dessen kaiserl. Palastkapelle (jetzt Münster) zu Aachen noch in jene gehört. Es beginnt nun eine neue Epoche, die romanische, deren Prinzip freilich erst im Anfange des 11. Jahrh. wirklich durchdringt, wenngleich ihre Anfänge z. B schon bei dem Neubau des Klosters von St. Go len (im 9. Jahrh.), von dem sich ein Plan erhalten hat, sichtbar sind. Die german. Völker, vom Geiste roman. Kultur getränkt, sind nunmehr Träger der Kunst geworden. Die einzelnen Teile, welche, bei der Basilika nur lose aneinander gefügt waren, werden jetzt zu einem wohlgegliederten organischen Ganzen; die Reste antiker Formgesetze werden allmählich abgestreift. Durchgeführte Wölbung, namentlich in dem von der roman. Kunst besonders angewendeten Kreuzgewölbe, wird Hauptelement des Baues. Wie die Wölbung, weist auch der Turmbau gegen oben, der jetzt erst mit dem ganzen Gebäude in organischen Zusammenhang tritt. Während indes die roman. Kunst in voller Blüte steht, tritt die eigentümliche Erscheinung ein, daß ein neues Stilprinzip, das gotische, und zwar 8 gegen die Mitte des 12. Jahrh. im nordöstl. Frankreich aufkommt und jene völlig verdrängt. An die konstruktiven Tendenzen des roman. Stils knüpft der gotische allerdings an, aber das Ideal, welches ihm innewohnt, ist ein durchaus verschiedenes. Nicht mehr als feste Masse gründet sich das Bauwerk auf den Boden, sondern in zahllose Einzelglieder wird es aufgelöst, die unaufhaltsam und unendlich emporstreben, während der Spitzbogen, der von beiden Seiten anstrebt, ohne in sich selbst zurückzukehren, diesem Prinzip auf das trefflichste dient. uch in den übrigen bildenden Künsten läßt das Christentum ein der Antike vollständig entgegengesetztes Prinzip zur Geltung kommen. Verklärung der schönen Natur konnte sein künstlerisches Ziel nicht sein, denn es stand ja der Natur feindlich gegenüber, sah dieselbe als einen Abfall vom Göttlichen an; von einer durch Schönheit geadelten Sinnlichkeit wußte seine spiritualistische Lehre nichts. Die Naturauffassung der christl. Kunst blieb daher unvollkommen; ihr höchstes Ziel war, das Individuum in seinem tiefinnersten Seelenleben aufzufassen. Aus diesem Grunde gelangt die Malerei weit mehr als die Plastik, mochte diese auch noch so großartig und mannigfaltig thätig sein, zur Entfaltung. Die allerverschiedensten Techniken müssen dem kirchlichen Bedürfnisse dienen; je kostbarer das Material, desto würdiger scheint es für den erhabenen Zweck. Nicht nur in Erz, Stein und Holz, auch in Gold und Silber arbeitet die Bildnerei, und einen Hauptzweig ihrer Thätigkeit bildet die Elfenbeinschnitzerei (in Buchdeckeln, Diptychen u. s. w.). Für malerische Dartellungen werden ursprünglich die Mosaiken mit Vorliebe gewählt, die auf prächtigem Goldgrunde die Wände der Basiliken schmücken. In roman. Zeit tritt die Wandmalerei an die Stelle, I allmählich sich auch die Tafelmalerei entwickelt; in der got. Kunst steht die Glasmalerei im Vorderrunde. Daneben blühen Emailmalerei, Teppichtickerei und Weberei, besonders aber die Miniaturmalerei in Büchern. Die altchristl. Kunst, deren erste Proben sich in den Katakomben finden, ist wesentlich symbolisch; sie gibt kein Abbild, nur ein Symbol der heiligen Personen, drückt Christus durch einen Fisch oder einen Weinstock, die Kirche durch ein Schiff aus, stellt Gleichnisse, wie das vom guten Hirten, dar, nimmt Stoffe aus dem Alten Testament als Vorbedeutungen der Heilsgeschichte. So ist ihr z. B. die Geschichte des Propheten Jonas ein Hinweis auf des Heilands Tod und Auferstehung. Allmählich wird ihre Darstellung mehr histor. Art und erstreckt sich auf die drei göttlichen Personen, die Heilige Jungfrau, die Erzväter, Propheten und Apostel, die ganze Geschichte von Sündenfall und Erlösung, Christi Wirken auf Erden und vieles Legendarische. An den Kirchenportalen und später an den Flügelaltären werden ganze Epopöen der christl. Heilslehre aufgebaut. Eine neue Blüte bricht für die bildenden Künste im 15. und 16. Jahrh. an. Hier aber tritt an die Stelle der spezifisch christlichen die moderne Weltanschauung mit ihrer natur⸗ und lebensfrohen Realität. Mag auch ein Fiesole und Perugino fleckenlose Seelenreinheit und schwärmerische Hingebung an das Göttliche schöner ausdrücken, als es zuvor geschehen, mögen im Norden die van Eyck und ihre Nachfolger sich in wahrer Begeisterung und gläubiger Innigkeit das Heilige nahe bringen, indem sie es mitten auf den Boden der Welt stellen, die sie umgibt, so ist es mit der eigentlichen christl. Kunst doch bald vorbei. Das christlichreligiöse Element findet zwar auch noch seine Stätte in der Kunst, aber es ist nicht mehr das allein herrschende. Die jetzt anbrechende, auf das Studium der Antike begründete Renaissancekunst, ma [sie auch einen Petersdom schaffen, ist wesentli profan. In Rafaels Schöpfungen zeigt sich bereits das Religiöse nicht sowohl spezifisch christlich als vielmehr allgemein kirchlich aufgefaßt, und bei den Darstellungen heiliger Gegenstände tritt, namentlich in den Cartons aus der Apostelgeschichte, das eigentlich histor. Interesse immer entschiedener in den Vordergrund. Der Protestantismus, obschon nur die schweiz. Reformatoren, keineswegs aber Luther, die Kunst aus der Kirche verbannen wollen, bleibt in seiner fernern Entwickelung künstlerisch vollkommen unproduktiv. Im Bereiche der kath. Kirche kam es dagegen wieder zu einer Neubelebung der kirchlichen Kunst im Zeitalter der Gegenreformation. Auch der im 19. Jahrh. eingetretene Aufschwung der christl. Kunst, in der Architektur durch die Neugotik, in der Malerei durch die Nazarener, ist entschieden kath. Charakters. Glaubten doch Overbeck, Phil. Veit und W. Schadow zum Katholizismus übertreten zu müssen, um religiös schaffen zu können. Nur Corrmißt, sind unter K aufzusuchen. nelius, von Hause aus Katholik, ist kein so atuch tiger Eiferer wie jene Konvertiten, und namentlich in seinen Kompositionen für die berliner Friedhofshalle waltet mehr ein allgemein theologischer als ein engherzig konfessioneller Geist. Unter den reli-Wien Malern der neuesten Zeit stehen Führich in Wien (gest. 1876) und in Düsseldorf Ernst Deger, leichfalls Katholik, obenan. Im Gebiete der kulptur hat die jüngste Zeit in Rietschels Pieta (Sanssouci) ein großartiges Werk von echt christl. Charakter hervorgebracht. Mittelalterliche Holzschnitzerei für kirchliche Zwecke ist durch Jos. Knabl in München auf das glücklichste erneuert worden.