FeedChronologie (grch.) oder Zeitkunde ist
HimmelskundeBrockhaus 1882

Chronologie (grch.) oder Zeitkunde ist, im weitern Sinne des Wortes genommen, die Wissenschaft, die Zeit zu messen und einzuteilen. Vom chronol. Standpunkte aus betrachtet, ist die Zeit die Reihenfolge der in regelmäßigen und bestimmten Zwischenräumen wiederkehrenden Erscheinungen, welche durch die Bewegung der Erde um sich selbst, des Mondes um die Erde und der Erde um die Sonne hervorgerufen werden und sich in dem Wechsel von Tag und Nacht, in dem Verschwinden und Wiedersichtbarwerden, Ab⸗ und Zunehmen des Mondes und in dem Wechsel und der regelmäßigen Wiederkehr der Jahreszeiten kundgeben. Die C. wird eingeteilt a) in die mathematische oder astronomische und b) in die historische oder technische C. Die mathematische oder astronomische C. ist die Grundlage der technischen C. und umfaßt die Kenntnis der 0 diezer Dewe Himmelskörper sowie der Einwirkung dieser Bewegung auf die Bestimmung und Vergleichung der Zeiteinheiten; die historische oder technische C. dagegen lehrt, wie bei den verschiedenen Kulturvölkern die Zeit für das bürgerliche Leben eingeteilt wurde und noch eingeteilt wird, und wie die bei diesen Völkern vorgekommenen wichtigen Ereignisse der Zeit nach zueinander in ein richtiges Verhältnis zu bringen sind. Hiernach hat es die technische C. ausschließlich mit der Vergangenheit zu thun; während die astronomische C. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Bereich ihrer Fors — zieht und insbesondere dadurch, daß sie, mit Rücksicht auf die Umlaufszeit des Mondes um die Erde und der Erde um die Sonne, nicht bloß den Eintritt der verschiedenen Mondphasen für jeden der zwölf Monate des Jahres, sondern auch den Eintritt der Jahreswenden zum voraus berechnet, die nötigen Materiglien zur Bestimmung des Osterfestes und der nach diesem sich richtenden übrigen beweglichen Feste Fastnacht, Pfingsten, Trinitatis u. s. w. liefert. Bei der von den Christen angenommenen Sitte, die dend, zahlen von der Geburt Christi an mit 1 anhebend, mißt, sind unter K aufzusuchen. vorwärts und rückwärts zu zählen, hat die technische C. bei Einreihung wichtiger Zeitereignisse in die Geschichte für die vorchristliche Periode andere Maßnahmen ins Auge zu fassen, als für die nachchristliche. Als Hahmtrenel gilt für beide Perioden: daß angenommen wird, der erst 45 v. Chr. ins Leben getretene Julianische Kalender, dessen Herrschaft bei den Katholiken 1583, bei den Protestanten 1700 n. Chr. zu Ende ging, sei schon vor seinem Einführungstermine (45 v. Chr.) und also in den ältesten Zeiten in Kraft gewesen. Handelt es sich nun darum, ein Ereignis aus der vorchristl. Periode, dessen Zeit sich nach der Zeitvölteran eines der alten, untergegangenen Kulturvölker angegeben findet, auf den Julianischen Kalender und unsere Jahreszählung umzusetzen: so ist nötig, daß der technische Chronolog sowohl das Wesen des Julianischen Kalenders, als auch das Wesen des fremden Kalenders, dem die umzusetzende Zeitangabe angehört, genau kennt; daß er weiß, wie das untergegangene Kulturvolk sein Jahr einteilte, welche Länge das Jahr hatte, in welche Jahreszeit dessen Anfang fiel, wie man in Urkunden und auf Denkmälern datierte und die Jahresfolge zu bezeichnen pflegte. Handelt es sich um die Reduktion einer Zeitangabe, die in die Zeit nach Christo fällt, aber einer schon in der vorchristl. Periode entstandenen und in Gebrauch berückachttatrgelaneum entstammt so darf nicht unberücksichtigt gelassen werden, daß zufolge einer auf der Kirchenversammlung zu Nicäa (325 n. Chr.) Ferrhernsür 2n den Werchn die dort versammelten Kirchenfürsten den Beschluß faßten, die Frühlingswende im Julianischen Kalender, welche Cäsar ursprünglich auf den 25. März gesetzt hatte, die aber von da an zurückgegangen war, auf dem damaligen Standpunkte, den 22. März festzuhalten, was freilich, wie sich später zeigte, nicht mögich war, da im Julianischen Kalender das Jahr zu 365 ½¼ Tagen, also um 11 Min. 48 Sek. höher berechnet ist, als das wirkliche Sonnenjahr beträgt. Unsere jetzige, bei allen christlichen Völkern übliche Datierungsweise verdankt ihre Entstehung der Reformation; vor dieser bediente man sich, namentlich in Deutschland, beim Datieren des sog. Heiligenkalenders, der im 11. Jahrh. zuerst in den Niederlanden durch die Mönche in Gebrauch kam und sich bald über die ganze christl. Welt verbreitete. Da jeder Tag im Jahre einem oder mehrern Heiligen geweiht ist, so benutzte man diesen Umstand in der Weise, daß man z. B. sagte: «es geschah am Tage Petri und Pauliv, ohne hinzuzufügen, daß dieser Tag der 29. Juni sei. Auch sagte man wohl: «es geschah am Mittwoch vor (oder nach) Pfingsten im Jahre des Herrn 1436v, und nahm dabei an, daß jeder wissen müsse, wann 1436 das Pfingstfest gefallen sei. In lateinisch abgefaßten Urkunden und Schriften bediente man sich in der Regel der eigentümlichen und verwickelten Datierungsweise der Römer; war jedoch der Verfasser der Schrift mit dem röm. Kalender nicht vertraut, so nahm er zum Heiligenkalender dure Zuflucht oder datierte, wie es jetzt geschieht, kurzweg: Datum et actum VIbo Sept. anno Domini 1378.v Mit dem Heiligenkalender ist nicht der, ebenfalls im Mittelalter eine Zeit lang gebräuchlich gewesene Kirchenkalender zu verwechseln, der vorzugsweise zum Gebrauche der Geistlichkeit, der kirchlichen Feste wegen, bestimmt war. Er unterschied daß von dem gewöhnlichen Kalender nur dadurch, daß er das Jahr (sog. Kirchenjahr) mit dem 1. Advent anheben ließ. Von besonderm Interesse für das Studium der C. ist der röm. Kalender, wie er von Julius Cäsar eingeführt wurde (daher Julianischer Kalender genannt), weil sich die Christen seiner von jeher bedienten, weil ferner aus ihm unser jetziger, nach dem Sonnenlaufe streng geregelter Kalender (der sog. Gregorianische) hervorgegangen ist, endlich weil er, wie erwähnt, für die Geschichte der ganzen vorchristl. Periode zur Grundlage genommen worden ist. Neben ihm kommen für das Altertum hauptsächlich in Betracht: die Kalender der Agypter, der Griechen und Hebräer. Man darf mit Sicherheit annehmen, daß in den ältesten Zeiten alle Völker, also auch die ebengenannten, nur nach Mondjahren von 354 Tagen rechneten, bis sich das Bedürfnis herausstellte, dieses Jahr mit dem Sonnenlaufe auszugleichen oder ganz aufzugeben und an dessen Stelle ein Sonnenjahr anzunehmen. Man darf dieses daraus schließen, daß man bei allen Völkern die Einteilung des Jahres in 12 Monate findet, da jedes Sonnenjahr 12 volle Mondumläufe, nach denen man sich zunächst richtete, mit 11 Tagen und nicht ganz 6 Stunden Überschuß umfaßt. Von den genannten alten Kulturvölkern behielten die Griechen, die Hebräer und, wie es scheint, die meisten asiat. Völker das Mondjah bei und glichen es nur mit der Sonne aus; die Agypter dagegen und nach deren Beispiel (45 v. Chr.) die Römer führten, und zwar erstere sehr früh, das Sonnenjahr ein; doch war die Berechnung der Länge des Sonnenjahrs bei beiden verschieden. (S. Ara Cyklus, Jahr, Kalender, Ostern u. s. w.) m die C. im allgemeinen machten sich im 16. und 17. Jahrh. besonders verdient: Scaliger, Calvisius, Petavius, Bunting (Chronologia catholicao, Magdeb. 1608) u. a. Von den neuern Chronologen, welche die ganze Wissenschaft ins Auge gefaßt und bearbeitet haben, sind vorzüglich zu nennen: Ideler (Handbuch der C.v, 2Bde., Berl. 1825—26, und Lehrbuch der C.v, Berl. 1831), Matzka (Die C. in ihrem ganzen Umfangev, Wien 1844). Zum Verständnis der schwierigen C. des Mittelalters dienen: Haltaus (Calendarium medii aevio, Lpz. 1729; deutsch mit Berichtigungen, Erlangen 1797), Pilgram (Calendarium chronologicum o, Wien 1781), Helwig udenz, Wien. zur Erörterung der Daten in Urkundenv, Wien 1787), Weidenbach (Calendarium historico-christianumo, Regensb. 1855), A. von Eck (4Universalkalendero, Berl. 1865), Grotefend (Handbuch der histor. C. des deutschen Mittelalterso, Hannov. 1872). Das umfassendste Werk zur Bestimmung der Zeit einer der Periode nach Christo angehörenden Thatsache ist: L'art de vérifler les dates ete.v, begonnen von d'Antine, Clemencet und Durand, fortgesetzt von Clement, Saint-Alais u. a. bis 1828 und zuletzt 200. Materd von Courcelles (19 Bde., Par. 1821—24). Unter den vielen neuern Werken über die C. der alten Völker sind neben denen von Seyfarth, Gumprecht, Gutschmid u. a. zu erwähnen: a) in Bezug auf die C. der N 7 die Werke und bhandlungen von Lepsius, Brugsch, Dümichen u. s. w.; die Abhandlung: «Altägypt. Kalenderstudiend von A. Faselius (Straßb. u. Lond. 1873); b) in om M. auf die griechische C.: Redlich, Der Astronom Meton und sein Cykluso (Hamb. 1854); Clinton, «Fasti hellenicin (Oxf. 1841); Boeckh, (Zur Geschichte der Mondcyklen der Helleneno (Lpz. 1855) und dessen «Epigraphisch-chronol. Studiend mißt, sind unter K aufzusuchen. Lpz. 1857); A. Mommsen, BBeiträge zur griech. eitrechnungo (Lpz. 1856); c) in Bezug auf das alenderwesen der Römer: A. Mommsen, Röm. Dateno (Parchim 1856) und dessen „Zweiter Beitrag zur Zeitrechnung der Griechen und Römery (pz. 1859); Th. Mommsen, Die römische C. bis auf Cäsarp (2. Aufl., Lpz. 1859). Wüstenfeld hat vergleichende Tabellen der mohammed. und christl. Zeitrechnung zusammengestellt (Lpz. 1854).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 375Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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