Daniel ist der Name einer biblischen Persönlichkeit, welche von der jüd. Volkssage neben Noah und Hiob wegen seiner Gerechtigkeit gepriesen wurde (Ezech. 14, 14. 20), auch wohl als Ideal eines Weisen galt (Ezech. 28, 3). Die spätere überlieferung machte ihn zu einem Propheten, und in dieser Eigenschaft wurde ihm jenes Weissagungsbuch zugeschrieben, welches in den Zeiten des Königs Antiochus Epiphanes von Syrien die schwerbedrückten Juden mit der Aussicht auf baldige Errettung trösten sollte. Das Buch Daniel konnte infolge seiner späten Abfassungszeit nur noch anhangsweise dem alttestamentlichen Kanon angefügt werden. Durch die Art seiner Darstellung eröffnet es die Reihe der nachmals sehr ausgebreiteten apokalyptischen Litteratur (s. Apokalyptik), welcher die pseudonyme Abfassung und die Einkleidung der geschichtlichen Ereignisse in die Form von Visionen eigentümlich ist. So gehört es auch nur zur unvermeidlichen Hülle der apokalyptischen Darstellung, wenn D., der Held und Prophet der Erzählung, den Beherrscher der ersten Weltmonarchie, Nebukadnezar von Babylon, durch Weissagungen und Wunder zur Anerkennung Jahves, des alleinigen Gottes und des allmächtigen Retters seiner Frommen aus aller older Nchut führt; wenn er dem angeblichen Nachfolger Nebukadnezars, Belsazar, seinen Sturz durch die Meder ankündigt, den Beherrscher der zweiten Weltmonarchie, Darius den Meder, durch seine wunderbare Errettung aus der Löwengrube ebenfalls zum Glauben an Jahve bewegt, und noch im dritten Jahre des Cyrus, als des Begründers der dritten Weltmonarchie, Engelsoffenbarungen über die künftigen Geschicke Israels erhält. Das Hauptinteresse der Weissagung aber konzentriert sich gleich von vornherein (Kap. 2, da2 ausführlicher Kap. 711) in der vierten Weltmonarchie, unter welcher die macedonisch-griechische, insbesondere das Reich der Seleuciden verstanden wird. Die zehn Könige derselben sind die Herrscher [! von Alexander bis Antiochus Epiphanes, welcher den Greuel der Verwüstunge (einen Altar des olympischen Jupiter) an heiliger Stätte setzt, und ! dessen Frevel gegen den Höchsten und sein heiliges Volk 3½ Jahre, d. h. eine halbe Jahreswoche, dauern sollen. Danach wird der Erzengel Michael sich aufmachen, und alle, welche im Buche des Lebens aufgeschrieben sind, sollen errettet werden. Unter verschiedenen Bildern wird das Geschick des Volkes Gottes unter den vier Weltmonarchien, die schweren Zeiten unter der letzten, und die bevorstehende herrliche Hilfe Jahves zur Anschauung gebracht. „Zahlreiche Details aus der Seleueidengeschichte, insbesondere aber die Geschichte des gottlosen lichen hist Epiphanes, verraten deutlich den wirk-z lichen histor. Hintergrund des Buchs, welches kurz vor und unmittelbar nach dem Tode des Tyrannen l (zwischen 170—164 v. Chr.) geschrieben und veröffentlicht wurde, mit dessen Untergang der jüd. Verfasser das Ende der großen Trübsal und den Eintritt des ewigen Gottesreichs und des messianischen Heils erwartete. Die Märtyrersagen sind ebenso wie sämtliche übrigen Angaben über die wunderbare Lebensgeschichte des D. und seiner drei Freunde ein Erzeugnis der Dichtung und rühren größtenteils wohl erst vom Verfasser des Buchs her, der durch solche Erzählungen seine Volksgenossen zum heldenmütigen Ausharren in der Not und zum Festhalten am väterlichen Glauben ermuntern wollte. Einmal zum Helden einer sagenhaften Geschichte erhoben, wurde D. auch noch weiter von der jüd. Dichtung gefeiert. Die Geschichten von der Susanna sowie vom Bel und vom Drachen zu Babel sind Proben einer solchen Weiterdichtung. Sie fanden in den griech. übersetzungen des Buchs D. Aufnahme und kamen mit den übrigen Apokryphen (s. d.) des Alten Testaments auch in kirchlichen Gebrauch. Insofern die Bezeichnung des Messias als «„Menschensohnes » im Neuen Testament, sowie der Ausspruch Mark. 14, 62 und der (Greuel der Verwüstunge Mark. 13, 14 aus Dan. 7 und 9 geflossen ist und man ebendaselbst (9, 20) den Tod Jesu geweissagt finden konnte, so ward das kanonische Buch D. von der christl. Kirche nachmals als das vierte der sog. ogroßeno Prophetenbücher gezählt und zwischen Czechiel und Hosea gestellt. Fast die ganze erste Hälfte desselben (Kap. 2—7) ist aramäisch, die zweite Hälfte (Kap. 8—12) hebräisch geschrieben. Sprachfarbe und Vorstellungskreis (besonders die ausgebildete Engellehre) bestätigen seine schon durch seinen geschichtlichen Charakter über jeden berechtigten Zweifel erhabene Entstehung in der Makkabäerzeit. Die neuerdings durch Hengstenberg, Hävernick, Keil, Delitzsch, Auberlen u. a. im Interesse der orthodoxen Inspirationslehre wieder erneuerte Behauptung seiner Echtheitoꝰ, mit welcher sich die Deutung der vierten Weltmonarchie auf das römisch-deutsche Kaisertum und dessen neuere Fortsetzung durch den ersten und dritten Napoleon verbindet, verdient keine ernstliche Widerlegung. Vgl. außer den Einleitungen in das Alte Testament: die Kommentare von C. von Lengerke und Hitzig; Hilgenfeld, Die jüd. Apokalyptiko (Jena 1857). Die orthodorxe («reichsgeschichtliched) Auslegung ist vertreten von Auberlen, Der Prophet D. und die Offenbarung Johanniso (2. Aufl., Bas. 1857).