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ReligionBrockhaus 1882

Antichrist, Widerchrist, bei Luther En dechrist, ist nach der schon in der christl. Urzeit ausgebildeten Vorstellung der Name einer vom Satan gesendeten Persönlichkeit, welche kurz vor der erwarteten zweiten Erscheinung Christi alle Macht des 1. Hir in der Welt zum Kampfe gegen die christl. Kirche zusammenfassen, danach aber durch den wieder erschienenen Christus überwunden werden würde. Die Vorstellung ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schon auf jüdischem, sondern erst auf christl. Boden entstanden und hat erst unter dem rückwirkenden Einflusse des Christentums auch im spätern Judentume Eingang gefunden. Einen Anknüpfungspunkt fand die christl. Anschauung aber allerdings schon in alttestamentlichen Vorbildern, so in Bileam, dem falschen Propheten, welcher als gottloser Widersacher des Moses seine Gaben zum Verderben des Volks zu verwenden trachtet (4 Mos. 31, 16; vgl. Offenb. Joh. 2, 14. 15 und 6, wo Nikolaiten nur die griech. Überfetzung tvon Bileamiten ist, d. h. Anhänger des 4Volksverderbersv, Judä 11; 2 Petr. 2, 15), in Antiochos mocehon r dem gottlosen Könige der vierten (syr.⸗ macedon.) Weltmonarchie, welcher die Juden zum Götzendienste zu verlocken strebt und an heiliger Stätte oden Greuel der Verwüstung » aufrichtet (so Dan. 9, 27; 11, 31; vgl. mit Matth. 24, 15), endlich wohl 1* in der dunkeln Weissagung von Gog im Lande Magog (Ezech. 38, 2; 39, 1; vgl. Offenb. Joh. 20, s). In den Reden Jesu wird zwar seine eigene persönliche Wiederkunft, welcher die 59½7 vieler Pseudomessiasse und Pseudoaposte Matth. 24, 5. 23. 24), große Drangsal und Verwüstung des Tempels (durch die Römer) vorhergehen werde, aber nicht das Auftreten eines persönlichen Gegenmessias geweissagt, und erst unster dem Einflusse anderweiter Vorstellungen hat die älteste Kirche die Begriffe unden . und 0 nchanung » miteinander verbunden und zu der Anschauung entwickelt, daß der «Mensch der Sünde oder der A. sich selbst für Christus, ja ür Gott ausgeben und an Gottes Statt sich im Heiligtume niederlassen werde (2 Thess. 2,3 0 In folge der blutigen Christenverfolgung zu Rom unter Kaiser Nero gewöhnten sich die Christen, das fröm. Weltreich, in welchem schon die Juden die vierte Weltmonarchie Daniels wiedergefunden hatten, als die Konzentration aller dem Reiche Christi fönlahen 1. Mächte, in Nero selbst aber den perönlichen A. zu erblicken, von dem eine weit verbreitete, bis ins 5. Jahrh. erhaltene Sage erzählte, daß er nicht gestorben sei und dereinst zum Kampfe wider das Messiasreich wiederkehren werde. Dieser Vorstellung gemäß beschrieb die 69 n. Chr. verfaßte Offenbarung des Johannes das heidnische Rom (symbolisch die große Babelo genannt) als das buhlerische Weib, welches auf sieben Dönter sitzt und Macht hat über alle Könige und Völker der Erde, oder auch als das Tier aus dem Meere voll Namen der Lästerung mit sieben Häuptern und zehn Hörnern. Die sieben Häupter aber sind die röm. Herrscher seit Augustus, Nero der fünfte von ihnen, welcher gewesen ist und jetzt nicht mehr regiert, aber am Ende der Tage als der achte 141 De wiederkehren wird (Offenb. 17). Er ist selbst ie personifizierte antichristl. Macht, das Tier aus dem Meere, dessen Name durch die geheimnisvolle Zahl 666 angedeutet wird (Kap. 13, bes. V. 18). Dieselbe Vorstellung begegnet uns noch in den sog. sibyllinischen Weissagungen. Dagegen wird schon in den Johanneischen Briefen (I., 2, 18.22; 4, 3; II., 7) die als bekannt vorausgesetzte Vorstellung vom A. geistig gedeutet und auf die (gnostische) Leugnung der wahren Menschheit Christi bezogen, daher der Verfasser von ner eitie in der Mehrserr spricht, welche zu seiner Zeit schon erschienen eien. Nachmals ist die Vorstellung vom A. namentlich von denjenigen Kirchenlehrern ausgebildet worden, welche überhaupt einer mehr sinnlichen Anschauung von den «letzten Dingen» huldigten, und wie die Figur des A. in der Offenbarung des ohannes in der Geschichte des «Tausendjährigen eichs) (s. Chiliasmus) eine Rolle spielt, so inden wir die Erwartung seiner Erscheinung besonders lebhaft bei denjenigen Parteien, die noch im 2. und 3. Jahrh. die baldige Wiederkunft Christi zur Stiftung des Tausendjährigen Reichs erwarteten. Dagegen trat diese Vorstellung in der eistigen Anschauungaweise der Alexandrinischen Schule in den Hintergrund und wurde auch späterhin meist nur in ihrer abstrakten Allgemeinheit als Personisikation des dem Reiché Christi entgegentretenden Prinzips des Irrtums und des Abfalls vom Glauben verstanden. Seit dem 13. uc v wurde es in den Parteien und Sekten, die sich vom Papsttum entfernt hatten, gebräuchlich, den A. in der röm. Hierarchie und der Person des Papstes 50 finden. So schon die Zeit der Hohenstaufen, Ludwig der Bayer, Occam, Wicliffe, der böhm. Reformer Janow und die Reformatoren; ja der Satz, daß der Aellte der A. sei, ging durch die Schmalkaldischen Artikel sogar über in den symbolischen Lehrbegriff der Lutheraner. In der griech.⸗morgenländ. Kirche wurde vornehmlich seit dem 15. Jahrh. die sarazen.⸗türk. Herrschaft oder auch Mohammed zum A., den selbst Papst Innocenz III. 1213 als solchen bezeichnet hatte. Wie man beim Eintritt des Jahres 1000, beim Beginn der Kreuzzüge, beim Hereinbrechen des Schwarzen Todes (der Pest), der Hungersnot und anderer Heimsuchungen im 14. Jahrh. die Ankunft des A. in der Nähe glaubte, so meinte man 1805 mit Napoleon I. und 1848 und 1849 mit den Revolutionsmännern die Zeit des A. anbrechen zu sehen, und bezog später das Tier in der Offenbarung auf das zweite Kaiserreich und auf Napoleon III. Schon der uerd nüchterne Roger Baco (gest. 1294) und neuerdings Bengel und Hengstenberg, welche die Zahl 1836 fanden, suchten, wie 4. aus der wieder die Irvingianer, die Zeit des A. aus der Apokalypse genau zu berechden spätern Juden dem sich gelegentlich die Vorstellung eines A., dem sie den Namen Armillus (d. h. Volksverderber) gaben und als einen t ahlichen Riesen schilderten, rothaarig, aber mit kahlem Schädel, 12 de Eohr und 12 Ellen breit. Der erste Messias, der Sohn Josephs, werde ihn bekriegen, aber von ihm überwunden und getötet werden. Der zweite Messias aber, der Sohn Davids, werde den Armillus schlagen und töten, worauf das Reich der Christen und der Ungläubigen untergehen und das Messiasreich der Juden beginnen müsse. Por die urchristl. Vorstellung vom A. als dem wiederkehrenden Nero vgl. Renan, L'Antichristh (Par. 1873; deutsch, Lpz. 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 712Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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