FeedDelirium (lat.)
HeilkundeBrockhaus 1882

Delirium (lat.), im weitern Sinne jeder Zustand von Irrereden, beziehungsweise Irrehandeln (Phantasieren), infolge einer Gehirnaffektion, wobei durch unmittelbare organische Erregung der materiellen Grundlage der Geistesthätigkeit Vorstellungen, Affekte, Triebe u. s. w. ausgelöst werden. Die sprachlichen wie sonstigen Außerungen der Kranken finden so in deren wirklicher 115 keine genügende Motivierung oder stehen zu letzterer in augenfälligem Gegensatz, ohne daß ihnen dies zum Bewußtsein kommt. Demgemäß befinden sich viele «Geisteskrankes mehr oder weniger im D., und manche irrenärztliche Autoren brauchen für die geistige Störung bei Irren geradezu die Bezeichnung chronisches D. Gewöhnlich indes versteht man unter D. nur das vorübergehende, von Verworrenheit begleitete Irrereden, beziehungsweise Irrehandeln bei fieberhaften Krankheiten, z. B. bei Typhus (Delirium febrile oder D. im engern Sinne). Insofern hierbei sowohl die Vorstellungs- und Gefühlsthätigkeit wie das Streben (Wollen) krankhaft erscheinen, spricht man von einem allgemeinen oder totalen Delirium zum Unterschied von dem partiellen Delirium, d. h. dem Hervortreten krankhafter Erscheinungen nur auf einem dieser geistigen Gebiete, z. B. der Vorstellungsthätigkeit in Form fixer Wahnvorstellungen. Nach dem äußern Verhalten unterscheidet man das sanfte Delirium (Delirium mite seu blandum), wobei der Kranke ruhig daliegt und für sich spricht, oft zwischen den Zähnen murmelnd (mussitierend, D. mussitans), und das wilde Delirium (D. furibundum), in welchem der Kranke zu heftigen, lauten Reden und gewaltsamen Handlungen hingerissen wird. Die Ursache des D. ist bald überfüllung der Hirn⸗ und Hirnhautgefäße mit Blut, bald auch Blutmangel derselben (3. B. bei Verschmachtenden, Verblutenden, Blessierten), bald eine Vergiftun des ins Gehirn eintretenden Blutes (3. B. dur Alkohol, narkotische Gifte, durch septische Substanzen, Harnstoff u. s. w.). Häufig gelingt es bei fieberhaften Krankheiten, gleichzeitig mit der Herabsetzung des Fiebers durch kalte Bäder, Eisbeutel und antipyretische Mittel auch das D. zu beseitigen. Das Delirium tremens, der Säuferwahnsinn, ist eine nach längerm, gewohnheitsmäßigem Mißbrauch alkoholischer Getränke, vorzüglich des Branntweins, eintretende Hirnkrankheit, welche sich durch anhaltende Schlaflosigkeit, allgemeines Gliederzittern und Störung der Geistesthätigkeiten (Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen) zu erkennen gibt. Die Phantasien des Säufers, welche Tag und Nacht fortdauern, bewegen sich meist um allerlei Visionen von kleinen ihn umgebenden Körpern (3. B. Mäusen, Ratten), um Gehörstäuschungen (Wahrnehmung von Geräuschen, Stimmen), eigentümliche Empfindungen in der Haut u. s. w.; daneben treten auch Vorstellungen von Verfolgtwerden auf. Dem Ausbruch der Krankheit gehen schon Tage oder Wochen vorher Appetitlosigkeit, Gliederzittern, reizbare und mürrische Stimmung sowie unruhiger Schlaf voraus: oft wird der Ausbruch durch andere akute Krankheiten, wie Lungenentzündung, sowie durch Verletzungen, Knochenbrüche und Operationen begünstigt. Am häufigsten werden Männer zwischen dem 30. und 45. Jahre vom Säuferwahne befallen; die Dauer desfelben beträgt gewöhnlich fünf bis acht Tage: leicht treten Rückfälle ein. Die Heilung erfolgt, indem der Kranke in einen längern Schlaf verfällt; unter Umständen ist es geraten, denselben künstlich (durch Opium, Chloralhydrat u. s. w.) herbeizuführen; doch ist hier große Vorsicht geboten. Nicht selten endet aber auch die Krankheit durch hinzugekommenen Schlagfluß oder durch Lungenentzündung tödlich, oder sie brda in bleibende Geistesstörung über. Sie wird übrigens bei jeder Wiederkehr gefährlicher, und das einzige Mittel gegen Rückfälle ist die völlige Unterlassung des Mißbrauchs der alkoholischen Getränke, zu welcher freilich die energielosen Kranken nur selten zu bewegen sind; die meisten fallen früher oder später wieder in ihr altes Laster zurück.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 22Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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