FeedDeutschen jene Schicksalsgöttinnen
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Deutschen jene Schicksalsgöttinnen, welche die Skandinavier Nornen hießen. Besonders süddeutsche Sagen erzählen viel auf uralter Grundlage von den drei schicksalkündenden Schwestern, deren zwei weiß und gut sind, während die dritte böse und halbschwarz erscheint. Der Glaube an die Schwan- und Schlachtjungfrauen wurzelte in Deutschland ebenso tief, als in Skandinavien der an die alkyrien. Sie hießen in Deutschland unter anderm Idisi und sind mit der Heldensage stark verwebt. Der untere Götterstaat bestand aus Riesen, Elben und Zwergen. Die Riesen sind zum Teil die ältesten Verkörperungen der rohen Naturgewalten in Luft, Wasser, Feuer und Erde. Sie sind ursprünglicher als die Götter, und nachdem von diesen ihre erste Generation vertilgt, leben sie mit denselben in ununterbrochenem Streite, bis sie zur Götterdämmerung das Göttergeschlecht vernichten. Hier und da zeigen sie sich den Menschen freundlich gesinnt und haben Achtung vor menschlichem Fleiße. In der Volkssage leben sie noch in allen Gegenden Deutschlands ort. Elbe und Zwerge sind verwandt. Die Elben herrschen in der Luft zumal, ferner im Wasser so- wie in Feld, Wald und im Hause; die Zwerge walten in den Bergen und im Schoße der Erde. Die Elbe (niederdeutsch Elve) dachte man sich glänzend schön und verführerisch, die Zwerge dunkel, dnrc und mißgestaltet. Beide Geschlechter können dur besondere Kräfte den Menschen nützen oder schaden und stehen gern im Verkehr mit ihnen. Im Uranfang der Welt war eine große Ode, in welche durch die Wechselwirkung von Wärme und Kälte die Welt entstand. Der in mythus ist nur klar in den nordischen Quellen erhalten. Durch das Machtwort der Götter entstanden die Menschen, höchst wahrscheinlich aus Bäumen. Von einer großen Flut (sinfluot, entstellt: Sündflut) wußten auch die heidnischen Germanen; allein nicht der Menschheit, sondern dem Riesengeschlechte galt dieselbe, und ein Riese war es, der dieselbe überlebte. Der in Skandinavien sehr ausgebildete Glaube an den Untergang der bestehenden Welt⸗ und Götterordnung durch einen Weltbrand ist, nach manchem zu schließen, auch den Deutschen gemein gewesen. Der Heroenglaube war auf dem Festlande ausgebildeter als im Norden. Namentlich nach Auflösung des Heidentums flüchteten sich die göttlichen Gestalten in die sagenhaften Helden. Was von Dietrich von Bern, von Siegfried und den Nibelungen gesungen und gesagt ward, beruht nicht zum geringsten Teil auf mythischem Grunde. Die religiösen Überzeugungen durchdrangen das ganze Leben unsers Volks und fanden in ausgebildeten Gebräuchen ihren Ausdruck. Das öffentliche und das häusliche Leben war reich an Übungen des Kultus. Zu bestimmten Zeiten des Jahres wurden roße Feste begangen, die aus dem Naturleben entprangen: Mittwinter und Mittsommer, den Beginn der Feldbestellung und die Ernte, den ersten Austrieb des Viehs verherrlichten Feierlichkeiten, die aus Opfer, Lied und Aufzug gebildet wurden. Die eigentlichen Kultusstätten lagen in geweihten Hainen, in denen die Symbole der Götter aufbewahrt wurden. An Bergen, an gewissen Quellen und Gewässern haftete auch eine besondere religiöse Verehrung. Tiefe des Gemüts, lebhafte geistige Auffassung, sinniges Naturgefühl leuchten noch aus den Spuren unsers Heidentums hervor. Eine Fundgrube für deutsche Mythologie bleibt das grundlegende Werk Jakob Grimms: Deutsche Mythologies (Gött. 1835; 4. Aufl., Bd. 1—3, Berl. 1875—78). Ein popularisierender Auszug daraus ist Wolfs Deutsche Götterlehrer (Gött. 1852). Selbständige Bearbeitungen gaben: W. Müller, „Geschichte und System der altdeutschen Religiono (Gött. 1844); Simrock, «Handbuch der deutschen Mythologie (Bonn 1855; 4. Aufl. 1874); Mannhardt, «Die Götterwelt der deutschen und nordischen Völkere (Berl. 1860); Adolf Blder . „Deutsche Mythologies (herausg. von Holder, Lpz. 1874). Manchen neuen, aber nicht durchaus sicern Stoff brachten Wolfs Beiträge zur deutschen Mythologie⸗ (2 Bde., Gött. 1852 —54). Von Bedeutung sind die Fende Muthen Adalbert Kuhns, der die vergleichende Mythenforschung mit Glück pflegte. Unter den zahlreichen Sagensammlungen zeichnen sich die von Jak. Grimm, von Kuhn, zum Teil mit Schwartz veranstalteten durch Sorgfalt und lehrreiche Anmerkungen aus. Über den Wert der noch lebendigen Volksüherlieferungen gibt Aufschluß Schwartz, Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum (Berl. 1862), und Rochholz, Deutscher Glaube und Brau im 4.— der heidnischen Vorzeite (2 Bde., Berl. 1867). Vgl. auch Bratuscheck, «German. Göttersage⸗ (2. Aufl., Berl. 1873); Henne-Am Rhyn, Die deutsche Volkssages (Lpz. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 156Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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