Deutsches Volk. Unter den Völkern der weißen Rasse, welche die Gemeinschaft der indogerman. Sprachen als eine große Gesamtheit kenntlich macht, bilden die Deutschen zusammen mit den Engländern und Skandinaviern eine Stammesgruppe, die wiederum zunächst mit der kelt.⸗kymrischen Gruppe verwandt ist, welche letztere 0 einst bei der Besetzung der europ. Länder voranschritt. Stämme beider Nationen finden l den ersten Angriffen auf das wachsende und zur Weltherrschaft reifende Römische Reich vereinigt. Während die Kelten nachmals mit Ausnahme weniger Landstriche nicht nur der röm. Eroberung erlagen, sondern auch in dem Romanentum aufgingen, leisteten die Germanen der röm. Welt dauernd Widerstand, und selbst in dem Teile Westgermaniens, welcher auf vier Jahrhunderte der röm. Herrschaft unterworfen wurde, scheint das deutsche Volkstum nicht in gleicher Weise wie das benachbarte keltische den Fremden unterlegen zu sein. Nur im Lande an der mittlern Maas, wo Cäsar die deutschen Stämme der Nervier und Eburonen ausrottete, hat das deutsche Volk einen Teil seines alten Gebiets verloren, auf welchem später das Mischvolt der Wallonen sich bildete. Andererseits hatte auch die nachmalige überflutung des Römischen Reichs durch die deutschen Stämme nach Westen hin nur eine geringe Vorschiebung der eigentlichen deutschen Volksgrenze zur Folge, teils in der Besitznahme verwüsteter Landstriche, teils in der Zurückschiebung der benachbarten Stämme (so in den Gebieten der Moriner, Mediomatriker, Rauraker, Helvetier). Bedeutender war die Erweiterung südlich der Donau, welchen Strom Tacitus noch als Grenze Germaniens betrachtete, in dessen oberm Gebiet, wahrscheinlich nicht ohne Beimischun kelt. Völkerreste, ein neuer deutscher Stamm (die Bajoarier) aus dem alten Markomannenbunde entstand. Das ganze Elbegebiet, das Odergebiet und ganz oder größernteils das Weichselgebiet war zu Tacitus' Zeit im Besitz ostgerman., d. h. suevischer Stämme; sie reichten südlich bis in die Karpaten und zur Donau, und wie schon damals im untern Weichselgebiet got. Stämme sich anschlossen, so zeigen sich später südöstlich anschließend in Dacien und längs des Pontus bis zur Krim die großen Vereinigungen got. Stämme, welche die Donau überschreitend und von andern deutschen Stämmen gefolgt auf den Trümmern des Weströmischen Reichs neue Staaten errichteten. Der Erfolg der Völkerwanderung war eine Regeneration der roman. Völker, aber eine Schwächung der deutschen Nation, von welcher einzelne Stämme (Vandalen, Westsueven, Gepiden) völlig untergingen; auch bie Franken und Burgunder, soweit sie sich über roman. Bevölkerung verteilten, erwuchsen usammen mit Westgoten allmählich zur franz., die Longobarden nebst den Ostgoten zur ital. Nation. Selbst die Angeln und Sachsen, welche nach England auswanderten, konnten sich des Einflusses des Romanentums 19 5 dauernd erwehren, wenn auch ihre Sprache und Volksart den german. Ursprung nirgends verkennen läßt. Der größere Teil Alopen. die e ging durch die Völkerwanderung verloren; die Goten verschwanden aus 0 eu Stammsitzen und nur in der Krim hielten sich ein Jahrtausend berten ihre Auere law. und finn. Völkerschaften besetzten das mittlere Donaugebiet (bis über die Enns). Die alten Sitze der Burgunder rechts der Oder, der Rugier und der Longobarden von da bis zur Elbe, südlicher die der Vandalen und Quaden und die der Markomannen (in Böhmen) standen den nachdringenden slaw. Völkerschaften offen, welche Deutschland bis in das Land der Hermunduren an der Saale überfluteten. Seit Karl d. Gr. wandte sich die german. Strömung langsam nach Osten zurück, wobei teils unter der neugewonnenen deutschen Herrschaft, teils selbst unter slaw. und magyar. Herrschern der Deutsche die einstmaligen Wohnsitze seiner Väter aufs neue besetzte und pflegte. Die vordersten slaw. Völkerschaften verschwanden fast spurlos oder hielten sich nur an wenigen Stellen Jahrhunderte hindurch, den letzten bedeutenden Rest zeigt heute die Sprachinsel der Sorbenwenden in der Lausitz; nur zwei Slawenstämme wuchsen auf dem altgerman. Boden zu eigentlichen Nachbarnationen der Deutschen auf, die Polen und die Czechen. Auch das altgerman. Gebiet selbst hat sich durch die Absonderung der nordgerman. Stämme und ihre Entwickelung zu einer selbständigen Nation in zwei große Teile gespalten, Skandinavien, dessen nordgerman. Bevölkerung sich zweier Schriftsprachen, der dänischen und schwedischen, bedient, und Deutschland, auf dessen Boden sich im Laufe der Zeit gleichfalls zwei Schriftsprachen, die niederdeutsche und die hochdeutsche, entwickelt haben; in der dritten german. Nation, der angelsächsischen, sind neben den vorwiegenden beiden deutschen Stämmen, welche ihr diesen Namen gegeben haben, auch Teile der skandinav. Völker aufgegangen. Innerhalb der Flußgebiete, in denen sich die german. Völkerschaften beim Beginn unserer Zeitrechnung vorfinden, bildet auch heute das Sprachebiet des deutschen Volks eine nach West und Süd estgeschlossene, nach Osten hin vielfach gezackte Masse. Es umfaßt Facheni 680 000 akm, über ein Fünf-GLann des Flächeninhalts von Europa; auf demx‚ ben wohnen (für 1880 berechnet) 57,8 Mill.