Deutschkatholiken heißen die Anhänger einer Bewegung, welche seit w1844 eine Reform der röm.⸗ kath. Kirche erstrebte, aber bald aus ihr herausgedrängt wurde. Der Deutschkatholizismus entstand fast gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten und seine Anfänge knüpfen sich an die Namen Czerski und Ronge. Von diesen vertritt Czerski die konservativere, entschieden religiöse Strömung, während Ronge als Wortführer einer religionslosen Aufklärung erscheint. Darin lag trotz vorübergehender Vereinigung der Grund zu wiederholten Zwistigkeiten, und sobald Ronges Anhang die Oberhand gewann, war das Schicksal der D. entschieden, nämlich ihr Verschwinden in den Freien Gemeinden. Johann Czerski (s. d.) wurde 1842 zum Priester geweiht und als Vikar am Dom zu Posen angestellt, aber wegen heimlicher Ehe mit einer jungen Polin im März 1844 als Vikar nach dem Städtchen Schneidemühl in der Provinz Posen versetzt, und da er sich weigerte, sie zu entlassen, wegen Bruch des Cölibats vom Amte uuapendiert. Zu einer vierwöchentlichen Pönitenzhaft verurteilt, weil er sich zur Untersuchung nicht gestellt hatte, sagte sich Czerski Au 1844 los «von den Irrlehren der röm. Hierarchie; aber ich will nicht hrit, kath⸗ nicht Calvinist werden, ich bleibe kath. Christ, kath. Priester, aber nach den Worten der Schrift, nach den Geboten Christi und seiner Apostelo. In Schneidemühl bestand bereits ein Kreis evangelisch Gesinnter, welche durch eifriges Studium der Bibel zu der Überzeugung gelangt waren, edaß die Lehre der röm. Priester mit der klaren und reinen Lehre Jesu und seiner Apostel nicht in übereinstimmung stehev. Diese beschlossen jetzt, ihre Religion von den verderblichen Menschensazungen der röm. Priester zu reinigen; sie gründeten eine christkath. Gemeinde, wählten Czerski zu ihrem Pfarrer und stellten 19. Okt. 1844 ein Glaubensbekenntnis auf. In demselben ward die Heilige Schrift als einzige Quelle des christl. Glaubens bezeichnet, die Lehre von der Trinität, von der Siebenzahl der Sakramente, von der Messe als unblutige Wiederholung des blutigen und Me todes auch für Verstorbene, von Heiligen- und Reliquienverehrung u. a. beibehalten, — der Cölibat der Priester, der Gebrauch der lat. Sprache im Gottesdienst, die Anerkennung des Papstes als sichtbaren Stellvertreters Christi auf Erden verworfen und die Lehre vom Fegfeuer ersetzt durch die Annahme verschiedener Stufen der Seligkeit. Unterm 27. Okt. 1844 ersuchten sie die Regierung zu Bromberg um Anerkennung als selbständige Gemeinde. Sie erhielten zwar keine Antwort, wurden aber auch in der Einrichtung eines besondern Gottesdienstes nicht gestört. ö Johannes Ronge (s. d.) war, als er 1840 Kaplan in Grottkau wurde, mit dem Geiste der röm. Kirche bereits so sehr zerfallen, daß er die Hauptaufgabe seines Berufs darin sah, eseiner Gemeinde die Fahne der Civilisation und Humanität vorzutragend. Im J. 1842 erschien in den „Sächsischen Vaterlandsblätterno ein Aufsatz Ronges: „Rom und das breslauer Domkapitelo, worin dem Domkapitel unerlaubte Intriguen gegen die Bestätigung des designierten Fürstbischofs Knauer vorgeworfen und vom Papste sehr unehrerbietig gesprochen wurde. Deshalb vom Amte suspendiert und zu geistlichen Exereitien ins Alumnat befohlen, bernahm Ronge in Laurahütte bei Beuthen den Unterricht der Kinder prot. Bergleute. Als nun der Bischof Arnoldi von Trier 1844 den ungenähten Rock C risti ausstellen ließ und viele Tausende gläubiger Ratholiken dahin wallfahrteten, brachten die «Sächsischen Vaterlandsblätters vom 15. Okt. 1844 cdas Urteil eines kath. Priesters über den heiligen Rock', einen Brief an den Bischof. Es war ein energischer Protest gegen edas Götzenfesty zu Trier, gegen die Verführung des unwissenden Volks u. s.w. in etwas schwülstiger Sprache, voll der alltäglichen Schlagwörter von dchrebet Fortschritt und Menschenwürde, und unterschrieben: Joh. Ronge, kath. Priester. Der Brief fand großen Beifall und aus allen Teilen Deutschlands liefen Adressen und andere Zeichen der Zustimmung ein. In mehrern Flugschriften: „An meine Taalertn Arn und Mitbürgero, An die niedere Geistlichkeite, «An die kath. Lehrero, forderte Ronge jetzt offen und entschieden zum Austritt aus der röm. Kirche auf und wurde 4. Dez. 1844 feierlich degradiert und erkommuniziert. Schon im Nov. 1844 war Ronge nach Breslau gegangen. Hier schloß sich ihm der Domkapitular Regenbrecht an, nachdem er aus einer Kirche ausgetreten war, ederen Bestrebungen er mit dem Geiste Jesu nicht zu vereinigen wissev. Es bildete sich eine zahlreiche hen oder deutschkath. Gemeinde, welche Ronge zu ihrem Prediger wählte und 9. März 1845 ihren ersten Gottesdienst hielt. Auch hier war ein Glaubensbekenntnis aufgestellt, das aber weit entschiedener mit den Lehren und Einrichtungen der kath. Kirche brach als dasjenige der Christkatholiken zu Schneidemühl. Als Quelle des Glaubens wurde die Schrift bezeichnet, aber ihr sofort die Vernunft, d. h. die von der christl. Idee bewegte und durchdrungene Vernunft zur Seite gestellt und ihre Auslegung von jeder äußern Autorität befreit. Als Bekenntnis nahm man nach langen Verhandlungen eine Anderung des apostolischen an: Ich glaube an Gott, den Vater, der durch sein allmächtiges Wort die Welt geschaffen hat und sie in Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe regiert. Ich glaube an Jesum Christum, unsern Heiland, der uns durch seine Lehre, sein Leben und seinen Tod von der Knechtschaft der Sünde erlöst hat. Ich glaube an das Walten des Heiligen Geistes auf Erden. Ich glaube an eine heilige allemeine christl. Kirche, Gemeinschaft der Gläubigen, Vergebung der Sünden und an ein ewiges Leben.v Somit war man fast gleichzeitig völlig unabhän120 voneinander an zwei verschiedenen Orten zur ildung von Gemeinden geschritten, aber einig war man doch nur in dem Gegensatz gegen Rom, nicht in der Grundlage der eigenen Gemeindegründung. Dennoch kam es ohne Schwierigkeit zu einem vorläufigen Zusammengehen, da Czerski, obgleich ohne önle die gediegenere und innerlich frömmere Perönlichkeit, dem agitatorischen Talent Ronges, der trotz mangelhafter Bildung durch sein Wort die Massen fortzureißen wußte, sich willig unterordnete. n allen größern Städten Deutschlands bildeten ich Gemeinden, welche sich von Rom lossagten und in ihrem Bekenntnis bald dem breslauer, bald dem schneidemühler näher standen. Um die einzelnen Gemeinden enger miteinander zu verbinden, wurde auf Ostern 1845 das erste allgemeine Konzil nach Leipzig ausgeschrieben, und schon in der ersten Sitzung am 27. März waren 27 Gemeinden durch Abgeordnete vertreten. Je weniger man die Glaubensfreiheit des beschränken wollte, desto schwieriger war die Aufstellung eines gemeinsamen Bekenntnisses. Endlich einigte man sich über die Formel: — 2 glaube an Gott den Vater, der durch sein allmächtiges Wort die Welt geschaffen hat und sie in Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe regiert; ich laube an Jesum Christum unsern Heiland, an den Heiligen Geist, eine heilige allgemeine christl. Kirche, Vergebung der Sünden und ein ewiges Leben.» Daneben ward es jedem zur Lupie gemacht, sich den Inhalt der Glaubenslehre zur lebendigen Erkenntnis zu bringen, und betont, daß Vers iedenheit in der Auffassung dieser Lehre kein Grund zur Trennung sei, da es vor allem darauf ankomme, den Glauben durch Werke christl. Liebe zu bethätigen. Vergebens verlangte Czerski das Bekenntnis Ria-Gottheit Christi, fügte sich aber alsdann dem Ma-Nachdem wenigstens vorläufig eine Einigung erzielt war, wuchs die Zahl der Gemeinden rasch. Ronge machte große Agitationsreisen durch Deutschland und die Schweiz, Ende 1845 bestanden bereits 298 Gemeinden, auch an wissenschaftlichen Kräften fehlte es nach dem übertritt Theiners in Schlesien und Schreibers in Freiburg nicht mehr, sogar von einflußreichen Protestanten wurde die Bewegung als Zeichen einer Wiedergeburt der kath. Kirche mit (Die M Hoffnung begrüßt, B. von Gervinus: „Die Mission der D.» (Heidelb. 1845). Auch daß die staatlichen Gewalten sich im ganzen abwartend verhielten, hinderte die Ausbreitung nicht, wohl aber das wiederholte Hervortreten innerer Differenzen. Die berliner Gemeinde sagte sich von dem leipziger Bekenntnis los (daher Protestkatholiken genannt) und nahm das apostolische Symbol an, um edas Band des Glaubens mit der christl. Urkirche und den christl. Kirchenparteien aller Jahrhunderter nicht aufzugeben. Czerski erklärte zunächst rivatim in einem Briefe an den Konsistorialrat omberg — Bromberg, er averabscheue alle, die nur scheinbar sich auf die Bibel stützen und ihre Entscheidung über das Wort Gottes, über die göttliche Offenbarung, wie sie in der Heiligen Schrift enthalten ist, in höchster Potenz ihrer schwachen Vernunft, als dem ursprünglichen Licht, übertragenv. Bald nachher bezeichnete er es auch öffentlich in dem „Sendschreiben an alle christ-apostostolisch-kath. Gemeindend (vom 18. Mai) als ein Argernis, edaß bei einem christl. Bekanntnis das eben, weshalb es ein christl. Bekenntnis genannt wird, mit Stillschweigen übergangen wird, d. i. Christus selbsty. Ronge wandte sich in der Schrift „Neue und doch alte Feindey (Herbst 1845) mit Heftigkeit gegen Cerski: die Reformation erkenne ihn nicht mehr als ihren Streiter an, denn eine Reformation, welche nicht weiter gehe als Luther vor 300 Jahren, sei men zu u Freilich kam es auf einem Zusammentreffen zu Rawicz (3. Febr. 1846) zu einer oberflächlichen Versöhnung der Führer, aber die Einigkeit reichte doch nur so weit als die Opposition gegen Menschensatzungen, und der angeregte Zwiespalt erschütterte fast alle Gemeinden. Die Bewegung des J. 1848 war den D. günstig, sofern alle staatliche Beaufsichtigung und Beschränkung wegfiel, ungünstig, sofern das polit. Interesse jedes andere zurückdrängte. Not zeigte sich auch, daß die Mehtzahl der D. unter Ronges Führung der radikalen, revolutionären Richtung zugethan war. In Halle vollzog sich zuerst die Vereinigung der D. mit den prot. Lichtfreunden zu einer (Christlichen reien vereinigten Gemeinder, und im Mai 1850 prach ein nach Leipzig berufenes, dort polizeilich gehindertes und deshalb nach Köthen verlegtes gemeinsames Konzil die Vereinigung zu einer Religionsgesellschaft freier Gemeindeno förmlich aus. Daraus erklärt es sich, daß nach Niederwerfung der freiheitlichen Bewegung von 1848 die Regierungen immer mißtrauischer gegen die D. wurden, ihre Versammlungen teils verboten, teils unter polizeiliche Udetwachung stellten oder sonstwie erschwerten. Erst 1858 trat einige Milderung ein. Darauf wurden die D. und die Freien Gemeinden zu Gotha 16. und 17. Juni 1859 völlig verschmolzen zu einem „Bunde freireligiöser Gemeindenv, um auf der Grundlage efreier Selbstbestimmung in allen religiösen Angelegenheiten das religiöse Leben zu fördern.v Aus dem gemeinsamen Bekenntnis ist der positive Inhalt so weit entfernt, daß das Konzil von 1865 es sogar ablehnte, sich zum Glauben an den persönlichen Gott zu bekennen. Jede Einzelgemeinde hat die vollste Freiheit. Seitdem sind die D. ohne Bedeutung und fristen in den allmählich absterbenden Freien Gemeinden nur noch ein kümmerliches Dasein. gl. Kampe, «Das Wesen des Deutschkatholizismus (Tüb. 1850); derselbe, «Geschichte der religiösen Bewegungen der neuern Zeite (Bd. 4, Lpz. 1860).