Dogmatik (grch.) heißt im allgemeinen die wissenschaftliche Darstellung und Begründung der kirchlichen Glaubenslehre. Der Name kommt von Dogma, was in der Werdr Sprache ursprünglich soviel als Satzung, Verordnung bedeutete, im kirchlichen Sprachgebrauche aber von der kirchlich festgestellten, mit normativem Ansehen für die Kirchenglieder bekleideten Lehre verstanden wird. »Anhänger des Dogmay hießen daher im kirchlichen Altertum die Glieder der allgemeinen Kirche im Unterschied von den Häretikern. Im engern Sinne ist Dogma die Glaubenslehre, daher schon frühzeitig zwischen dogmatischen und ethischen Sätzen unterschieden wird. (So schon Clemens Alexandrinus am Anfang des 3. Jahrh.) Sofern der kirchliche Lehrbegriff erst allmählich aus einer Reihe von verschiedenen Glaubenssätzen erwachsen ist, existiert das kirchliche Dogma thatsächlich immer nur als eine Mehrheit einzelner Dogmenv. Daher ging in der christl. Kirche sehr bald neben der dogmenbildenden Thätigkeit die dogmatisierende oder dogmenverbindende her Die einfachste und älteste Form derselben war die Zusammenstellung der Hauptsätze der kirchlichen Lehre in der sog. Glaubensregel, welche bald kürzer, bald ausführlicher war und in dem sog. Apostolischen Symbol ihren Abschluß gefunden hat. Beschränkte sich aber die Glaubensregel ebenso wie die spätern Symbole der allgemeinen Kirche nur auf eine möglichst übersichtliche Anordnung und präcise Darstellung der arechteny Lehre im 420. Win zu häretischen Meinungen, so mußte die theol. Wissenschaft die einzelnen Dogmen ausführlicher begründen und ihren innern Zusammenhang untereinander nachweisen. Die Beweisführung hatte zu erfolgen auf Grund der Heiligen Schrift und der kirchlich bereits anerkannten Sätze, also, sofern diese Anerkennung auf allgemeinen Kirchenversammlungen erfolgt war, durch Berufung auf die von denselben getroffenen Lehrentscheidungen, welche als eingegeben vom Heiligen Geiste betrachtet wurden. Eine wissenschaftliche Beweisführung im strengern Sinne oder eine philos. Begründung der einzelnen Lehren und ihres Zusammenhangs schien überflüssig, ja bedenklich, obwohl die Kirchenlehrer sämtlich in Abhängigkeit von dem Bildungsgrade ihres Zeitalters bald bewußt, bald unbewußt philosophiert haben. Den ersten Versuch einer Darstellung des gesamtentchristl. Lehrbegriffs machte im 3. Jahrh. Orienes in seiner noch in der lat. UÜbersetzung des Runus erhaltenen Schrift «über die Grundlehrenv (De principiiso); ihm folgte im 4. Jahrh. Augustinus in den Schriften De doctrina christiana o, De fide ac symboloo und Enchiridion ad Laurentium ». Diese Arbeiten entbehren jedoch noch völlig einer strengern wissenschaftlichen Ordnung. Dasselbe ist in noch höherm Grade der Fall bei Gennadius von Marseille (De dogmatibus ecelesiasticiso), dem afrik. Bischof Junilius (De partibus divinae legiso) und Isidor von Sevilla (Sententiae seu de summo bonoo), welche im 5. bis 7. Jahrh. lebten. Dieselben begnügten sich fast nur mit r Kirchensehrer von klassischen Aussprüchen älterer Kirchenlehrer. In der griech. Kirche verfaßte im 8. Jahrh. Johannes von Damascus die erste, nach aristotelischer Methode systematisch geordnete Zusammenstellung des gesamten Vorrats kirchlicher Lehren (de orthodoxa fide). Im Abendlande erwachte erst seit dem 11. urche das Bedürfnis, die Dogmen der kath. Kirche in wissenschaftlichem Zusammenhange zu entwickeln und zu begründen. Die Autorität der Kirche selbst galt als unantastbare Voraussetzung, das Resultat also der wissenschaftlichen Arbeit als ein im voraus gegebenes, aber die Verteidigung und Begründung der Lehre erschien als eine ebenso unabweisbare Forderung der denkenden Vernunft wie als ein dankenswerter Dienst, den die Theologenschule der Kirche leisten wollte. Aus diesem Streben, den „Glauben » zum Wissen zu erheben, entwickelte die mittelalterliche Scholastik (s. d.), die sich jedo selbst erst ihr Recht auf Existenz mühsam Haler Abamußte. Während aber die Bestrebungen Peter Abälards noch von dem kirchlichen Bannspruch ereilt wurden, fanden die Sententiaer Peters des Lombarden (gest. 1068) bereits so 4601. Lehrer Beifall, daß bald eine ganze Reihe theol. Lehrer in anit Fußstapfen traten (Sententiarier). Die Scho Len atte sich mit dem Lombarden von der dornenvollen matischen Darlegungen gewendet, welche bei aller Gebundenheit an die kirchliche Autorität der scharfsinnigen Dialektik und selbst der micgilien. Dit theol. Schulen noch Spielraum genug ließ. Die dogmatischen Arbeiten waren teils Kommentare zu dem Werke des Lombarden Estwiteme teils selbständige wissenschaftliche Entwickelungen des kirchlichen Lehrganzen (zumma theologiae), oft mit staunenswerter Gelehrsamkeit und schärfstem Abstraktionsvermögen durchgeführt, teils Erörterungen einzelner theol. Hauptpunkte (quaestiones), bald im Anschluß an die Sentenzen, bald nach beliebiger Auswahl (quaestiones quodlibetales). Die philos. Methode wurde dem Aristoteles entlehnt. Die berühmtesten Systematiker, Albert d. Gr. (gest. 1280), Alexander von Hales (gest. 1245), Thomas von Aquino —1 1274), Duns Scotus (gest. 1308), blühten sämtlich im 13. Jahrh.; die beiden letzten wurden zugleich die Stifter der beiden theol. Hauptschulen der Zeit (Thomisten und Scotisten). Mit dem 14. Jahrh. beginnt der Urer he Verfall der Scholastik infolge der immer klarer hervortretenden Unmöglichkeit, das selbständige wissenschaftliche Denken mit der unbedingten Gebundenheit an die kirchliche Autorität zu vereinigen, daher einige der letztern zu Liebe an der Möglichkeit aller Iohert Wahrheitserkenntnis überhaupt, andere aber folgerichtig auch an der Unfehlbarkeit des kirchlichen Wahrheitsbesitzes zu zweifeln wagten. Die Reformation eröffnet auch in der wissenschaftlichen Theologie eine neue Epoche. Während der sich aufs neue in sich selbst zusammenraffende Katholizismus die thomistische Lehre in allen wes entlichen Punkten kirchlich sanktionierte und in Bellarmin (gest. 1621) seinen Normaldogmatiker erhielt, verwarf die prot. Theologie die Autorität der Väter und der Konzilien und wollte allein auf die Heilige Schrift sich ründen. Melanchthons „Loci communeso entalten in der ersten Ausgabe (1521) nur eine schriftnäßige Darlegung der Lehren von der Erlösung ind Rechtfertigung, mit Zurückstellung aller metaphysischen Erörterungen über das göttliche Wesen. Auch Calvins Institutio Habnt 1535 erschienen) schlägt eine wesentlich neue Bahn nicht nur der formellen Behandlung, sondern auch der Auswahl und Begründung des Lehrstoffs ein. Indessen blieb die äußerlich sne Schriftautorität auch im Reformationszeitalter ein Hindernis streng wissenschaftlicher Entwickelung, und da man sich nicht nur von Anfang an an die altkirchlichen Symbole gebunden erklärte, sondern bald auch den neuaufestellten Bekenntnisschriften der Reformation das Ansehen unverbrüchlich gültiger Lehrnormen zugestand, so kehrte man wezemlich zu den Grundsätzen der Scholastik zurück, die denn namentlich von den luth. Dogmatikern, auch was die formelle Behandlung des Stoffs betraf, wieder nachgeahmt wurden. Auch die reform. Kirche hat ihre Scholastik gehabt, welche, abgesehen von der dem Calvinismus eigentümlichen Verteilung des Lehrstoffs, sich formell von der lutherischen in nichts unterschied. Ein reform. Theolog, Sam. Maresius (1648), war es auch, der zuerst den Namen theologia dogmatica gebrauchte, welcher seit Buddeus auch bei den Lutheranern die frühern Benennungen loci theologici, theologia thetica oder positiva verdrängte. Das dunch N Lehrsystem wurde in der luth. Kirche durch Martin Chemnitz, Hafenreffer, Hutter, Joh. Gerhard, König, Calov, Quenstedt, Baier und Hollaz, in der reformierten durch Alstedt, Wendelin, Maccovius, Maresius und Gisb. Voêtius ausgebildet. Eine freiere Gestaltung der D., welche Ca-⸗ lixt zur Blütezeit der luth. Scholastik noch vergeblich versuchte, wurde seit Ende des 17. Jahrh. durch die Pietisten (s. 0 angebahnt, die statt auf dogmatische und symbolische Korrektheit der Lehre vielmehr auf ihre praktische Bedeutsamkeit und biblische Einfachheit Gewicht legten. In der reform. Kirche bezeichnete die Föderaltheologie des Coccejus (gest. 1669) den übergang von der Scholastik zu einer mehr biblischen Theologie. Im 18. Jahrh. begann danach überall die Auflösung der alten D. durch die Verbindeng mi Exegese und geschichtliche Kritik in Verbindung mit der durch den engl. Deismus und die Wolfsche lioß die ge angebahnten «Aufklärungo. Nicht bloß die Rationalisten, sondern auch die Supernaturalisten gaben eine Lehrbestimmung der alten Symbole und Dogmatiker nach der andern preis, während sie die einfache Bibellehre, oder was sie dafür hielten, allein gelten lassen wollten. Der Rationalismus, dessen vornehmste Vertreter Henke, Eckermann, Wegscheider und Bretschneider waren, reduzierte die kirchlichen Dogmen auf die sog. moralischen Wahrheiten und unterwarf die Lehren der Schrift und der Symbole der Prüfung der Vernunft. Die Grundsätze der Kantschen Philosophie wurden besonders durch Tieftrunk, die Hegelsche Spekulation durch Daub und Marheineke auf den prot. Lehrbegriff übergetragen. Die Hegelsche Schule rühmte sich, die kirchliche Vorstellung zum Begriff zu erheben und dadurch Glauben und Wissen zu versöhnen. Da sie zwischen Religion und religiöser Vorstellung nicht unterscen so konnte es nicht fehlen, daß vom Hegelen Standpunkte aus zuletzt mit der ungenügenden kirchlichen Vorstellungsform auch der gesamte christl. Glaubensinhalt selbst auf rein philos. Begriffe udig gusgeho und eben dadurch als solcher vollständig aufgehoben wurde. Dies ist die epochemachende Bedeutung der Straußschen Glaubenslehre. Allein schon H. atte in seinem „Christl. Glaubend (1821) jene Zusammenwerfung von Religion und religiöser Vorstellung gründlich bekämpft und in den Dogmen nur reflexionelle Aussagen über die thatsächliche Bestimmtheit des frommen Selbstbewußtseins erkannt, daher die Aufgabe der Glaubenslehre lediglich diese sei, den Inhalt der christl. Glaubenserfahrung zu beschreiben, während alles, was dem Lehrsystem angehöre, der schärfsten wissenschaftlichen Kritik unterzogen werden müsse. Das Neue Testament kam auf diesem Standpunkte ebenso wenig wie die Bekenntnisschriften als bindende Lehrnorm, sondern nur als urbildliche Darstellung des christl. Selbstbewußtseins in Betracht. Erst hierdurch wurde es möglich, das prot. Recht der freiern wissenschaftlichen Forschung auch in der D. uangite zur Geltung zu bringen, ohne doch den unmittelbar religiösen Glaubensgehalt selbst darüber zu verlieren. Zunächst freilich hatte das Auftreten von Strauß die Losung zu einem allgemeinen kirchlichen Rückzuge gegeben, und Schleiermachers Theologie selbst galt nur als die Brücke, auf welcher man aufs bequemste zum Kirchenglauben zurückkehren zu können meinte. Während noch De Wette, Hase und Rückert den Rationalismus religiös, ästhetisch und philosophisch zu vertiefen suchten, zogen sich Nitzsch und Beck auf die biblische D. zurück, und die sog. Vermittelungstheologie versuchte Schleiermacher und Hegel mit den Bibel⸗ und den Bekenntnisschriften in Eins zu setzen. Die namhaftesten Dogmatiker dieser Richtung sind Twesten, Peter Lange, Martensen und Liebner. Noch enger an das luth. Dogma schließen sich Hofmann Thomasius, Luthardt, Kahnis und Frank (in Erlangen) an. In Philippis kirchlicher Glaubenslehre langte sodann die luth. Reaktionsbewegung bei der alten Scholastik vollständig wieder an. Dagegen haben Chr. H. Weiße, Schenkel, Rothe, A. Schweizer und Lipsius an die Schleiermachersche Unterscheidung von Religion und Dogma wieder angeknüpft und, unbekümmert um das neuaufgerichtete Autoritätswesen, an der Fortentwickelung der kirchlichen Lehre auf Grund der religiösen Erfahrung, aber im Einklange mit der modernen Bildung und Wissenschaft, gearbeitet. Auch die jüngere Hegelsche Schule lenkte mit Biedermann, Lang und Pfleiderer in dieselbe Bahn wieder ein, während die Ritschlsche Schule den Kantschen Moralismus, wenn auch verhüllt durch kirchliche Redensarten, wieder erneuerte. Im Gegensatz zu der orthodoxen Forderung, die D. an das kirchliche Bekenntnisv, d. h. nicht sowohl an den religiösen Gehalt, als Iungsso an die — shichtlich bedingten Vorstellungs ormen der Bekenntnisschriften und an das im kirchlichen Dogma vorliegende trübe Gemengsel religiöser und metaphysischer Sätze zu binden, geht die neuere auf Schleiermachers Grundsätzen weiter bauende Theologie vor allem darauf aus, Religion und Metaphysik reinlich zu scheiden und von dem wirklichen religiösen Erfahrungsgehalte jene bunte Menge transscendenter Aussagen über Gott und göttliche Dinge auszusondern, welche nur den Schein eines Wissens erzeugen, in Wahrheit aber das Haupt150 ernis einer Verständigung zwischen der Theoogie und der nichttheol. Wissenschaft bilden. Die kath. Kirche ist infolge ihres strengen Autoritätsprinzips von den neuern Bewegungen auf dem Gebiete der D. nur wenig allen worden. Zu Anfang des 19. Jahrh. haben allerdings die Gegensätze des Supernaturalismus und Rationalismus auch auf die kath. Dogmatiker eingewirkt, doch wurden seit der Restauration alle freiern Regungen allmählich wieder unterdrückt. Die Baadersche Philosophie hat auf die D. geringen Einfluß geübt, die therschen P Versuche der Hermesschen und Güntherschen Philosophie, das kath. Lehrsystem durch die Spekulation neu zu unterbauen, erlagen der päpstl. Verdammung. Die namhaftesten Dogmatiker der neuern Zeit sind be Mönter f das kath. System vielfach idealisierende Möhler, Klee und der Jesuit Perrone in Rom. . Herrmann, «Geschichte der protestantischen D. von Melanchthon bis Schleiermacher (Lpz. 1842); Gaß, «Geschichte der protestantischen D.y (4 Bde., Berl. 1854—67); Frank, «Geschichte der prot. Theologiev (3 Bde., Lpz. 1862—75); Heppe, «D. des deutschen Protestantismus im 16. Jahrh. » (3 Bde., Gotha 1857); Schweizer, «Die prot. Centraldogmen in ihrer Entwickelung innerhalb der reform. Kirchey (2 Bde., Zür. 1854—56); Schwarz, «Zur Geschichte der neuern Theologies (Lpz. 1856; 4. Aufl. 1869).