FeedDogmengeschichte
ReligionBrockhaus 1882

Dogmengeschichte, die wissenschaftliche Darlegung des geschichtlichen Entwickelungsganges der christl. Glaubenslehre. Das einheitliche Prinzip dieser Entwickelung ist das religiöse Prinzip des delbe almarti oder die christl. Heilsidee, wie dieselbe allmählich in der Kirche erkannt und zum Teil unter langen Schwankungen und innern Kämpfen lehrhaft ausgeprägt worden ist. Die einzelnen Momente der christl. Heilsidee, in einzelnen lehrhaften Aussagen niedergelegt, sind die Dogmen, welche als solche immer nur vereinzelt und zum Teil unter sehr verschiedenartigen Einflüssen, daher nicht selten einander widersprechend, sich ausgebildet haben. Zur Entstehung der Dogmen wirkten immer zwei Momente zusammen, das unmittelbare religiöse Bewußtsein als solches oder die . an iraenda Grundbestimmtheit der Frömmigkeit in irgendeiner bestimmten Beziehung, und die von der jedesmaligen „(Weltanschauung mehr oder minder abhän ige Reflexion über die im unmittelbaren Wemdi als solchem enthaltene religiöse Erfahrung. Die Veränderung und Fortbildung der Dogmen ist daher einerseits durch die innere Entwickelung des religiösen Erfahrungsgehalts als solchen, andererseits durch die Gesamtentwickelung der geistigen Bildung einer Zeit überhaupt und des philos. Denkens insbesondere bedingt. Sofern aber 15 in einer und derselben Zeit nicht bloß verschiedene Formen des frommen Bewußtseins, sondern auch verschiedene 1—— Richtungen und wissenschaftliche Bildungsstufen nebeneinander bestehen, muß die D. nicht bloß die allmähliche Umgestaltung, sondern auch die Mannigfaltigkeit nebeneinander geltend gemachter dogmatischer aen Teilznhen namentlich sofern sie von verschiedenen Teilkirchen und Sekten ausgebildet worden sind, entwickeln. Während die D. früher nur beiläufig in der Dogmatik und besonders in der Kirchengeschichte abgehandelt wurde, ward sie in neuerer Zeit zu dem Range einer selbständigen Wissenschaft erhoben. Sie ist vorzugsweise von Protestanten bearbeitet worden; dagegen hat sie in der kath. Kirche, weil diese in der D. die Einheit des Glaubens gefährdet sieht, keine Berechtigung. Nachdem durch Ernesti, Semler, Beck u. a. die Bahn gebrochen war, unternahm die Bearbeitung derselben in größerer Ausfuhrlichkeit zuerst Münscher im «Handbuch der christlichen D.v (4 Bde., Marb. 1797—1809). Hatte dieses Werk die kritische Prüfung und Sichtung des Stoffs zum Hauptzwecke, so versuchte demnächst Baumgarten-Crusius in seinem Lehrbuch der D. (2 Bde., Jena 1831 — 32) und in seinem noch (Abtei Cu⸗ „(Kompendium der christlichen D.» (Abteil. 1, Lpz. 1840) den Stoff zu einer gegliederten Einheit zu verarbeiten. Außer den bereits erwähnten Schriften sind noch die Lehrbücher von Münscher (Marb. 1811; 4. Aufl. von Neudecker, Kass. 1838), Engelhardt (2 Bde., Erlangen 1839), Hagenbach (2 Bde., Lpz. 1840—41; 5. Aufl. 1867), Meier (Gieß. 1840), Thomasius (2 Bde. Erlangen 1874—76) und vor allen von Baur (Tüb. 1847; 3. Aufl. 1867) und 1 Nitzsch (Bd. 1, Berl. 1870), sowie die dogmengeschichtlichen Vorlesungen von Gieseler (herausg. von Redepen22 „Bonn 1855), Neander (herausg. von Jakobi, 2 Bde., Berl. 1857), Baur (herausg. von F. F. Baur, 3 Bde., Lpz. 1865—67) und Landerer (herausg. von Zeller, Heilbronn 1881) zu nennen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 429Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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