Dolgoruki, Dolgorukow, eine der ältesten sürstl. Familien in Rußland, die ihren Ursprung von Rurik (s. d.) ableitet. Fürst Grigor D. machte sich 1608 durch die mutvolle Verteidigung des festen Dreifaltigkeitsklosters bei Moskau wider die Polen berühmt. — Mit Maria Wladimirowna D. vermählte sich 9. Sept. 1624 Michail Feodorowitsch der erste Zar aus dem Hause Romanow; sie starb Eber schon 9. Jan. 1625. — Jurii Alexejewitsch D. zeichnete sich 1654 im Kriege gegen die Polen aus und dämpfte 1671 mit grausamer Härte den Aufstand der donischen Kosaken. Sein Sohn, Michail D., war Minister und Freund des Zaren Feodor, ältesten Bruders Peters I. Beide D., Vater und Sohn, wurden 15. Mai 1682, als sie Peter J. gegen die sich empörenden Strelitzen verteidigten, umgebracht. — Jakob Feodorowitsch D., geb. 1639, wurde 1687 in gesandtschaftlichen Aufträgen vom Kanzler Golizyn nach Frankreich und Spanien gesandt. Nach der Schlacht von Narwa war er 10 Jahre lang in schwed. Gefangenschaft. Darauf 1710 vom Zar zum Mitglied des neuerrichteten Senats ernannt, bewies er in dieser Stellung selbst dem Eigenwillen Peters I. gegenüber eine ehrenhafte Charakterfestigkeit. Er starb 5. Juli 1720. — Seinen Bruder Wassilii Feodorowitsch D., geb. um 1656, gest. 26. Aug. 1723, verwendete der Zar vielfach und seit 1700 lange als Gesandten in Polen. Wassilii Wladimirowitsch D., geb. 1667, erwarb sich das Vertrauen Peters I. und erhielt bereits im Türkenkriege 1711 den Andreasorden. Am 22. Okt. 1709 hatte er das Bündnis mit Friedrich IV. von Dänemark unterzeichnet; 1715 wurde er zum Präsidenten der zur Untersuchung der Unterschleife niedergesetzten Kommission ernannt, 1716 vertrat er gegen die Stadt Danzig die maßlosen Ansprüche Peters I. Trotz alledem unterlag er 1718 den Intriguen Menschikows, und als angeblicher Anhänger des Zarewitsch Alexei wurde er ins Exil verschickt Katharina J. begnadigte ihn zu einem Kommando gegen Persien, Peter II. erhob ihn zum Generalfeldmarschall. Von der Kaiserin Anna wurde er wieder verbannt, von Elisabeth zurückgerufen und zum Vorsitzenden des durch den Sturz Münnichs erledigten Kriegskollegiums ernannt. Er starb 22. Febr. 1746. — Wassilii Lulitsch D., seinerzeit der Begabteste seines Geschlechts, begleitete bereits 1687 seinen ältern Oheim akob Feodorowitsch nach Paris, dem jüngern Wasilii Feodorowitsch war er 1700 —6 in Polen beigegeben, sodann vertrat er den russ. Hof 13 Jahre lang am dän. und von 1716 bis 1723 am franz. Hofe in Versailles. Bei seiner Rückkehr ernannte ihn der Zar zum Senator, sendete ihn jedoch bald wieder als außerordentlichen Gesandten nach Polen. Unter Peter II. wurde D. Mitglied des hohen Geheimen Rates, nach dem Tode des jungen Kaisers verband er sich mit den Golizyns. Er zuerst machte den Vorschlag, die Kaiserkrone Anna JIwanowna anzutragen. Mit dem Fürsten Michail Michailowitsch Golizyn und dem Generalmajor Iwan Iwanowitsch Leontjew brachte er in Mitau Anna zur Annahme der ihr vorgelegten, die wesentlichsten Herrscherrechte beseitigenden Urkunde vom 8. Febr. 1730. Gestützt auf die russ. Gegenpartei und ihre deutschen Berater, beseitigte die neue Kaiserin schon am 19. März die ihre selbstherrschaftliche Macht fesselnden Bedingungen, Wassilii Lukitsch aber wurde in das Ssolowezkische Kloster bei Archangel verbannt und schließlich erlag auch er dem Schreckensgericht, welches Biron zur Sicherstellung der eigenen Zukunft für den Todesfall der Kaiserin Anna, die er ganz beherrschte, über die aus ihren Verbannungsorten herbeigeholten D. in Nowgorod verhängte. Dort wurde Wassilii Lukitsch 6. Nov. 1739 enthauptet. Wie die D. überhaupt und vielfach als Gegner des petrinischen Staates aufgetreten waren, so atten sie vollends unter dem jungen Peter II. lexejewitsch nach Kräften die Grundlagen desselben zu untergraben sich bemüht. Allen voran suchten Alexei Grigorjewitsch D. und dessen Eude Iwan Alexejewitsch durch Verführungskünste jeder Art den unmündigen Kaiser an sich zu fesseln, dieser in seiner Eigenschaft als Spielgenosse, jener als Untergouverneur und Mitglied des hohen Geheimen Rats. Alexeis Wünsche schienen ihrer Erfüllung nahe zu sein, als er 11. Dez. 1729 seine Tochter Katharina mit Peter II. verlobte, allein an dem zur Vermählung festgesetzten Tage starb der Kaiser. Zuvörderst wurden unter Anna Alexei und sein Sohn Iwan ihrer Würden entkleidet und ihres Vermögens beraubt. Alexei starb wahrscheinlich bereits auf dem Wege nach Sibirien; bei dem na Beresow verbannten Fürsten Iwan Alexejewitsch harrte seine treue Gattin Natalie aus, eine Tochter des Feldmarschalls Scheremetew. Am 6.Nov. 1739 wurde er in Nowgorod gerädert und geköpft. Natalie verfaßte in der freiwilligen Abgeschiedenheit, in der sie bis an ihr Lebensende (1771) im woskressenskischen Kloster zu Kiew verweilte, Memoiren, denen jedoch als Geschichtsquelle ein nur sehr bedingter Wert beigelegt werden darf. Iwan Alexejewitschs Schwester Katharina wurde nach der Thron—⸗ besteigung Elisabeths in Petersburg zum Hoffräulein ernannt und 1745 mit dem Generallieutenant Grafen Alexander Romanowitsch Bruce, einem Neffen des Feldmarschalls, vermählt, starb jedoch schon in demselben Jahre. Unter den in Nowgorod hingerichteten verdient noch hervorgehoben zu werden Iwan Alexejewitschs Oheim Ssergei Grigorjewitsch D. In frühern Jahren als Gesandter in Polen verwendet, war er 1739eben im Begriff, als solcher nach England zu gehen, als er, Luldtat, verharte Beziehungen zum schwed. Hofe beschuldigt, verhaftet wurde. Unter den spätern Mitgliedern dieses Geschlechts haben nur wenige zu einer geschichtlich wirklich rühmenswerten Bedeutung sich erhoben. Wladimir Ssergejewitsch D. behauptete von 1762 an am preuß. Hofe als Gesandter bei Friedrich II. 25 Nich lang eine geachtete Stellung. Wassilii Michailowitsch D., geb. 1722, befehligte im russ. Heere unter Katharina II. und eroberte 1771 in 15 Tagen die Krim, weshalb er den Beinamen Krimskij erhielt. Er starb 10. Febr. 1782. — Jurii Wladimirowitsch D., geb. 13. Nov. 1740, war ebenfalls unter Katharina II. General, zeichnete sich in den Kriegen gegen die Türken und Polen durch Tapferkeit und Energie aus und starb 20. Nov. 1830. Seine Memoiren erschienen 1840 in Moskau. — Peter Petrowitsch D., geb. 1777, begleitete Alexander I. auf dem Feldzug von 1805. Sein Bruder Michail befehligte in Finland 1808 als Generallieutenant ein Armeekorps. Er fiel in der Schlacht 15. Okt. 1808. — Als Dichter hat Iwan Michailowitsch D., geb. 1764, gest. 1823, sich einen 1 geachteten Namen gemacht. Auch seine 1788 begonnenen Memoiren sind anziehend und lesenswert. Alexei D. war 1828— 33 Justizminister. Nikolai D., früher Generalgouverneur von Litauen, starb 1847 als Generalgouverneur von Kleinrußland. Dessen Bruder, Wasilii D., Generaladjutant und General der Kavallerie, war 1849—56 Kriegsminister und wurde dann 1 der Gensdarmerie und der dritten Abteilung der aiserl. Privatkanzlei (Polizeiminister), legte dieses Amt indessen zufolge des auf das Leben des Kaisers gerichteten Attentats vom 16. (4.) April 1866 nieder und starb 18. Jan. 1868 zu Petersburg. Peter Wladimirowitsch D. machte sich zuerst durch eine Geschichte seiner Familie (Skasania o rodje Knjasei D.5, Petersb. 1840) und eine Sammlung russ. Genealogien (Petersb. 1840—41) bekannt, denen er in franz. Sprache eine Notice sur les principales familles de la Russie (Brüss. 1843; 2. Aufl., Berl. 1857) folgen ließ, die ihm die Ungnade des Kaisers Nikolaus zuzog. Er wurde nach Wjatka verbannt, erhielt jedoch später die Erlaubnis, nach Petersburg zurückzukehren, wo er sich der Ausarbeitung eines großen russ. Adelslexikons (Russkaja rodoslownaja l1nigan, 4 Bde., 1854 —57) widmete. Durch seine in Frankreich veröffentlichte Schrift «Vérité sur la Russien (Par. 1860; deutsch von Wachler, 2 Bde., Sondersh. 1861—62) zog er sich ewige Verbannung aus Rußland zu. Zugleich sah er sich in einen Verleumdungsprozeß mit dem Fürsten Woronzow verwickelt, der vor dem pariser Gerichtshof geführt ward. Er starb 17. Aug. 1868 zu Bern. Seine teils in russ., teils in franz. Sprache veröffentlichten Schriften sind fließend und elegant geschrieben, entbehren aber jedes tiefern Gehalts und sind bezüglich ihrer Daten über russ. Zustände durchaus unzuverlässig. In seinen MMémoireso (2 Bde., Genf 1867—71) ist besonders die Beleuchtung interessant, in der viele hervorragende Zeitgenossen erscheinen.