FeedDschem
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Dschem (von den europ. Schriftstellern Zizimus genannt), der durch sein tragisches Schicksal bekannte Sohn des türk. Sultans Muhammed II. und Bruder des Sultans Bajesid II., geboren im J. 1459, wurde schon als 16jähriger Jüngling von seinem Vater zum Statthalter der eben eroberten Provinz Karaman ernannt, empörte sich nach dem Tode Muhammeds gegen seinen Bruder und eroberte Brussa, wo er zum Sultan auserufen wurde. Allein kurz nachher von Bajesids Feldherrn Rscaban⸗ floh er nach Agypten, gewann daselbst neue Anhänger und versuchte von neuem den Kampf gegen seinen Bruder aufzunehmen, jedoch ohne Erfolg. Von neuem geschlagen, floh er zu dem Großmeister der Johanniter d'Aubusson nach Rhodus, der in ritterlichster Weise dem hochbegabten und tapfern Krieger gastfreie Aufnahme gewährte, aber, da er für das Leben desselben fürchtete, beschloß, ihn auf eine der Komtureien des Ordens nach Frankreich zu schicken. Um aber auch von seiten D.s, falls derselbe von Glück begünstigt auf den Thron kommen sollte, dem Orden alle möglichen Vorteile zu sichern, schloß er (20. Aug. 1482) mit diesem einen Vertrag, kraft dessen, wenn D. zur Regierung käme, alle Häfen des türk. Reiches den Flotten des Ordens geöffnet, alle Jahre 300 Christen ohne Lösegeld freigegeben und dem Orden 150000 Goldgulden als Entgelt für gehabte Unkosten bezahlt werden sollten. Kurze Zeit nachher aber, als D. bereits in Frankreich war, schloß seinerseits Bajesid mit dem Großmeister einen Vertrag, kraft dessen der Orden sich verpflichtete, gegen verschiedene, demselben einzuräumende Vorteile D. in immerwährendem Gewahrsam zu halten. Von der gezwungenen Abreise des Prinzen nach Frankreich bis zu seinem gewaltsamen Tode in Italien veringen 12 Jahre, die er in mehr oder weniger trengem Gewahrsam teils des Ordens, teils des Königs von Frankreich, teils des Papstes durchlebte. Alle Versuche, sich zu befreien, schlugen für D. fehl und er erlag am 24. Febr. 1494 dem ihm wahrscheinlich auf Bajesids Antrag und auf des Papstes Alexander VI. Befehl beigebrachten mehr oder weniger schnell wirkenden Gifte. D. war auch ein hervorragender Dichter. Seine Gedichte sind in einem (noch nicht gedruckten) Diwan gesammelt, aus welchem Hammer-Purgstall (in seiner „Geschichte der osman. Dichtkunsto) interessante Proben mitteilt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 591Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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