FeedEhstland
TierreichBrockhaus 1882

Ehstland, Gouvernement der russ. Ostseeprovinzen, s. Estland. Ei heißt in der Sprache der Wissenschaft der Keim, aus welchem sich alle durch geschlechtliche Fortpflanzung entstehenden organischen Wesen, Pflanzen sowohl als Tiere, entwickeln. Ihrem eigentlichen Wesen nach durch die ganze Tierreihe übereinstimmend, sind die Eier in den verschiedenen Ordnungen und Klassen, was äußere Form, Ausstattung und Größe anlangt, außerordentlich verschieden. Das Ei der Säugetiere und des Menschen ist ein fast mikroskopisch kleines Schleimklümpchen, eine Zelle von ½ bis ο mm Durchmesser. Diese Zelle besteht aus einer zarten, durchscheinenden Hülle; darin befindet sich der Dotter, eine fett- und eiweißhaltige Substanz, in dem Dotter der Zellenkern, hier Keimbläschen genannt, der wiederum ein noch kleineres Gebilde, den Keimstock, enthält. Durch Teilung des Keimbläschens und durch Wiederholung dieses Vorgangs (Dotterklüftung) entwickelt sich in dem Ei, sofern es befruchtet wurde, eine reichliche Anhäufung von Zellen (Dotterkugeln), aus welchen die Embryonalanlage sich bildet, deren weiteres Wachsen bei den Säugetieren und dem Menschen dadurch ermöglicht wird, daß das in dem Leibe der Mutter verharrende Ei aus dem Blute der Mutter plastische Substanzen aufnimmt, sodaß das Ei bei seiner Ausstoßung (Geburt des Embryo) eine ansehnliche Größe besitzt. Anders bei denjenigen Eiern, welche in unentwickeltem Zustande abgelegt werden (Vögel, Amphibien, Mehrzahl der Insekten u. a.). Hier ist dem Ei neben dem erwähnten Bildungsdotter eine reichliche Menge sog. Nahrungsdotters (das Eigelb des Hühnereies) beigegeben, welcher beim Wachsen des aus dem Bildungsdotter hervorgegangenen Keims verbraucht wird. Während seines Durchgangs durch den Eileiter umwickelt sich das bis dahin nur aus dem Dotter bestehende Hühnerei mit dem von dem Eileiter abgesonderten Eiweiß; hierzu kommt im untern Teile des Eileiters die aus Kalksalzen gebildete Schale, ebenfalls ein Absonderungsprodukt des Eileiters. Der dem Säugetier-Ei entsprechende Teil des Hühnereies findet sich unter dem Namen des Hahnentritts als ein kleiner weißlicher Fleck auf der Oberfläche des in dem Eiweiß schwebenden Dotters, dessen dem Hahnentritt abgewendete Hälfte spezifisch schwerer ist, sodaß der Hahnentritt, wie auch das Ei gewendet wird, stets nach oben, der brütenden Henne zugewendet, liegt. Der Nahrungsdotter nebst dem Eiweiß rochen hin, um das mohrend bis zu seinem Auskriechen zu ernähren, während die Porosität der Schale zugleich eine Atmung des jungen Tiers gestattet, insofern jedes bebrütete Ei Sauerstoff aus der Atmosphäre aufnimmt und Kohlensäure dafür abgibt, ganz so wie das erwachsene Tier. Die Eier der beschuppten Amphibien verhalten sich ähnlich den Vogeleiern, nur daß ihre Schale nicht so starr, sondern mehr lederartig ist. Die Eier der nackten Amphibien, z. B. der Frösche, aber gleichen denen der Fische, und beide werden Laich benannt. Diese Eier werden meist in großer Menge entleert und sind vermittelst eines zähen Schleims zu größern Klumpen vereinigt; jedes einzelne Ei aber ist von einer durchsichtigen gallertigen Hülle umgeben, einem Produkt des Eileiters. Die äußern Hüllen, worin die Eier abgesetzt werden, sind sehr mannigfaltig gestaltet, und die Eikapseln vieler Schnecken haben z. B. oft einen nehen komplizierten Bau. Die Eier entstehen bei vielen niedern Tieren an einer unbestimmten Stelle der Körpersubstanz, bei den höher organisierten in den Eierstöcken (s. d.) oder Ovarien. Aus diesen gelangen sie in die Eileiter, welche entweder direkt nach außen münden oder sich in ein besonderes Organ zur Weiterentwickelung des Eies, d. h. in die Gebärmutter, öffnen. Das Säugetier-Ei wurde, nachdem Regner de Graaf die im Cierstock enthaltenen Bläschen (Follikel), worin die Eier sich bilden, für das Ei gehalten, 1826 von K. E. von Baer entdeckt und hiermit die eigentliche Grundlage für die Entwickeungsgeschichte des menschlichen Körpers gelegt. Die Entwickelung eines Eies ist im allgemeinen nur möglich, wenn dasselbe befruchtet ist, d. h. wenn die männliche Zeugungsflüssigkeit und insbesondere die in derselben schwimmenden geformten Teile, die Samenfäden, zu dem Ei gelangt sind. Eine solche Befruchtung findet entweder schon im Eierstocke statt, oder aber im Eileiter und der Gebärmutter, oder endlich erst, nachdem das Ei gelegt ist. Letzternfalls darf das Ei nur von einer weichen Hülle umgeben sein, damit die Samenfäden ins Innere des Eies gelangen können, wie dies bei den Fröschen und Fischen der Fall ist, deren Eier erst befruchtet werden, nachdem sie den Eileiter verlassen haben. Die Eier vieler Insekten, die behufs der Fähigkeit, überwintern zu können, von einer derben Chitinschale umgeben sind (ähnlich die Krustaceen-Eier, von Wirbeltieren aber die Eier der meisten Fische), haben an einer bestimmten Stelle feine kanalförmige Durchbohrungen, Mikropylen genannt, durch welche die Samenfäden bei der Befruchtung eindringen. Die Eier vieler niedern Tiere, wie z. B. aller derer, welche durch Generationswechsel (s. d.) sich fortpflanzen, sowie diejenigen vieler Insekten machen in Betreff der Unentbehrlichkeit der Befruchtung eine Ausnahme, indem sie sich auch ohne das Hinzukommen der Samenflüssigkeit zu entwickeln vermögen, wobei dann die Befruchtung oft das bestimmende Moment des Geschlechts der Nachkommen bildet. So werden die unbefruchteten Eier der Bienenkönigin Männchen (Drohnen), die befruchteten Weibchen (Arbeiterinnen oder Königinnen). (S. Parthenogenesis.) Bei den Pflanzen, bei welchen die Eier im Ovarium festsitzen und sich innerhalb desselben bis zur Reife entwickeln, spielt der Pollen, d. i. der aus den Staubfäden entleerte Blütenstaub, die Rolle des männlichen Zeu-Rarde des Nachdem 7½ auf die feuchte Narbe des Pistills gelangt ist, wächst er zu einem langen Faden aus, welcher in den Kanal des Pistills hinabwächst, bis er an das Ei gelangt ist, um es zu befruchten. Außer der Befruchtung bedarf jedes Ei noch insbesondere einer gewissen Wärme und Feuchtigkeit, um sich zu entwickeln; doch schwankt der nötige Grad beider bei verschiedenen Arten innerhalb sehr weiter Grenzen; das Vogelei bedarf z. B. einer viel höhern Brutwärme als das Frosch- oder Fischei oder als das Pflanzenei. Sobald das Ei befruchtet ist und sio nun weiter entwickelt, wird der Teil seines Inhalts, welcher den Keim des neuen Wesens bildet, Embryo (f. d.) genannt. Die Art der Entwickelung desselben Alle Cier, insbesondere die mit Nahrungsdotter und Eiweiß reich ausgestatteten Eier der Vögel, Reptilien und Fische, sowie die Samen der Pflanzen, bilden ein vorzügliches Nahrungsmittel, weshalb ihnen auch von den Tieren außerordentlich nachgestellt wird und der Mensch besonders durch die Hühnerzucht und den Getreidebau ihre Produktion zu fördern sucht. Da aus dem Ei und den es umhüllenden Stoffen ein neues Wesen entstehen kann, so ist ersichtlich, daß die Cier halles enthalten müssen, was zum Aufbau und zur Erhaltung eines Organismus nötig ist. So finden sich z. B. in den Hühnereiern stickstoffhaltige (Ciweiß) und stickstofflose (Fett) Stoffe, sowie die Salze gerade in dem Verhältnis gemischt, wie es für die Ernährung eines jungen Tiers nötig ist. Die Milch, von welcher ja auch ein junges Tier ausschließlich leben kann, zeigt ähnliche Verhältnisse. Flüssiges Ei bildet deshalb einen Ersatz für die Milch für Kinder im Säuglingsalter, wenn sie die Milch nicht vertragen. Dasselbe gilt für Kranke und Schwache. Gekochte Eier sind minder zweckmäßig, weil das hartgeronnene Eiweiß 10. nur langsam im Magensaft auflöst. Daher mu man die Vorsicht gebrauchen, harte Eier sehr klein zu kauen, um der Verdauung möglichst vorzuarbeiten; Personen mit schwacher Verdauung aber dürfen nie hartgekochte Eier essen, sondern genießen sie am besten roh, vielleicht mit etwas Zucker gemischt, oder nachdem die Eier wenige Minuten im kochenden Wasser gelegen haben, sodaß nur die äußersten Schichten des Eiweißes locker geronnen sind. Ganz unzweckmäßig ist es, das Eiweiß nicht mit zu genießen, wie viele thun; es ist dasselbe ein Lon vorzügliches Nahrungsmittel und steht dem otter kaum nach. Wie alle Eiweißstoffe, so enthält auch das Hühnerei Schwefel. Beim Faulen der Eier entwickelt sich daher reichlicher Schwefelwasserstoff, welcher den übeln Geruch zur Folge hat. Etwas Schwefelwasserstoff wird schon durch das bloße Kochen des Eies gebildet und gibt den hartgesottenen Eiern ihren eigentümlichen Geruch.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 796Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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